Hitzewelle in Deutschland: Hotspot der Hotspots
In Baden-Württemberg ist die Hitze am größten. Das Land arbeitet an einer Strategie, um die Bevölkerung zu schützen. Mannheim hat früh angefangen.
Waghäusel-Kirrlach hieß am Donnerstag der heißeste Ort in Baden-Württemberg. 39 Grad im Juni, das ist ein Spitzenwert seit 1881, also seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Das scheint erst der Anfang. Für das Wochenende wird in Mannheim und in der Kurpfalz Rekordhitze von 42 Grad erwartet. Auch in Freiburg sind Spitzentemperaturen angesagt. Deshalb wurde der dort geplante bundesweite Bevölkerungsschutztag abgesagt. „Wir möchten bei diesen Temperaturen unsere Bevölkerungsschützer maximal entlasten und in Bereitschaft halten“, sagte Innenminister Manuel Hagel.
Während die A2 in Sachsen-Anhalt wegen Hitzeschäden komplett gesperrt werden musste, meldet auch die Stadt Mannheim Schäden an der Infrastruktur. Wegen Hitzeschäden an Bussen und an den Fugen mehrerer Gleisanlagen gebe es schon jetzt Ausfälle im Nahverkehr. An einigen Stellen kühlen Mitarbeiter besonders stark beanspruchte Gleisanlagen auch mit Wasser. Und die Meteorolog:innen werden für Mannheim, wie das gesamte Rhein-Neckar-Gebiet, wohl am Wochenende neue Spitzenwerte von bis zu 42 Grad melden.
Früh ernst genommen
Anders als in anderen Städten hat man in Mannheim den Hitzeschutz schon früh ernst genommen. Die zweitgrößte Stadt in Baden-Württemberg gehört deutschlandweit zu den Hotspots bei der Hitzeentwicklung. Schon 2022 war sie die Stadt in Deutschland mit den meisten Hitzetagen über 30 Grad.
Bereits 2018 hat die Stadt einen Hitzeplan entwickelt, und eine eigene Abteilung Klimaschutz kümmert sich bereits seit über 20 Jahren darum, die Stadt klimafreundlicher zu gestalten, das Grundwasser zu schützen und durch Städteplanung für ein besseres Stadtklima zu sorgen, inklusive bewusst offen gehaltener großer Grünflächen im Stadtgebiet. Bisher werden solche Maßnahmen gesetzlich verlangt, vom Land aber auch mit einem Förderprogramm mit bis zu 90 Prozent gefördert.
Doch angesichts der Finanzkrise der Kommunen, die diese Woche auch Thema im Bundesrat und mit dem Kanzler waren, könnte die Finanzierung trotzdem schwierig werden. So plädiert in der aktuellen Hitzewelle der Deutsche Städtetag für verpflichtenden Hitzeschutz, der dann nach der neuen Vereinbarung zwischen Bund und Ländern auch zu großen Teilen aus dem Bundeshaushalt finanziert werden müsste.
Städtetag-Vizepräsident Uwe Conradt sagte am Freitag im rbb24 Inforadio, die klammen Kommunen hätten nicht genug Geld für Hitzeschutz, da die Anpassung an Hitze aktuell eine freiwillige Aufgabe sei: Klimaschutz, Klimaanpassung, Hitzevorsorge seien bisher keine kommunalen Pflichtaufgaben. Die können nur aus den Geldern bezahlt werden, die am Ende überhaupt noch übrig bleiben.
Selbst die Klimaleugner-AfD lässt Hitze nicht kalt
Derweil fordert die Opposition im baden-württembergischen Landtag, an den Hitzetagen alle landeseigenen Einrichtungen zu öffnen und der Bevölkerung kostenloses Trinkwasser zur Verfügung zu stellen. Der Landtag mit seinen teils klimatisierten Räumen soll mit gutem Beispiel vorangehen.
Selbst die Klimaleugner-Partei AfD im Südwesten nimmt sich des Themas an und fordert recht unbestimmt Schutzmaßnahmen gegen die Hitze. Der umweltpolitische Sprecher der größten Oppositionsfraktion im Landtag sagt: „Selbst wenn man über die Ursachen unterschiedlicher Meinung ist, besteht Einigkeit darüber, dass sich Staat und Gesellschaft auf Hitzewellen, Trockenperioden und andere Extremwetterereignisse bestmöglich vorbereiten müssen.“
Eine Aufgabe, die das seit 2011 grün regierte Land früher angegangen ist als andere Bundesländer, etwa das schwarz-grün regierte Schleswig-Holstein, wo die Opposition dieser Tage einen Hitzeplan anmahnte.
Seit 2022 koordiniert die baden-württembergische Landesregierung den Bevölkerungsschutz bei Hitze zentral. Und ein Masterplan Wasserversorgung, den Umweltministerin Thekla Walker dieses Jahr vorstellte, soll die Wasserversorgung auch in Trockenzeiten sicherstellen. Denn auch im wasserreichen Baden-Württemberg, das seine Versorgung zu großen Teilen aus dem Bodensee speist, ist nicht überall die Wasserversorgung sichergestellt.
Die Stadt Mannheim fordert in diesen Tagen die Bevölkerung auf, Stadtbäume mit gesammeltem Wasser zu versorgen, und die Landeshauptstadt Stuttgart hat gerade erst die Entnahme von Wasser aus Seen und Bächen bei hohen Geldstrafen bis Ende August verboten.
Laut Masterplan besteht schon heute bei rund 3 Prozent der Versorgungsgebiete ein rechnerisches Defizit bei einem mittleren Wasserverbrauch; bis 2050 steigt dieser Anteil auf 12 Prozent. Noch gravierender ist die Lage beim Spitzenbedarf in Trockenzeiten: Da wird in der Zukunft bei der Hälfte der Kommunen und Wasserversorger ein größeres Defizit erwartet. Walker warnt deshalb vor Verteilungskonflikten. Sie sagte: „Wassermangel bedroht unsere Freiheit.“
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 30 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert