„OAZ“-Verleger Holger Friedrich: Mit der AfD über Demokratie sprechen
Ende Juni tritt der Verleger Holger Friedrich auf dem „Demokratiekongress“ der AfD auf. Bei seiner „Ostdeutschen Allgemeinen“ häufen sich derweil die Probleme.
Es ist ein Déjà-vu-Moment: Zu Beginn ihrer Sendung zum Thema „Meinungsfreiheit“ steht die Moderatorin des ZDF-Kulturmagazins „Aspekte“, Katty Salié, auf der Wiese vor dem Reichstagsgebäude. In der Hand hält sie ein weißes Megafon mit rotem Mundstück. Exakt so eines, wie es auch auf der Titelseite der ersten Ausgabe von Holger Friedrichs Ostdeutscher Allgemeinen (OAZ) prangte, die im Februar erschien, damals mit der Schlagzeile „Vorsicht Freiheit“.
Das mit Megafon mag Zufall sein. Der Eindruck entsteht jedenfalls, dass Salié, geboren 1975 in Salzgitter, ihre Sympathie für Friedrich, geboren 1966 in Ostberlin, nur schwer verbergen kann. Er bekommt eine der Hauptrollen in ihrer Sendung, die so streckenweise wie ein Werbeblock für die OAZ wirkt. Das ZDF kündigt Friedrichs Auftritt so an: „Auch er möchte die Meinungsfreiheit hochhalten und vor allem denjenigen eine Stimme geben, die seiner Ansicht nach zu wenig gehört werden.“
Die Ostdeutsche Allgemeine, einmal pro Woche gedruckt, sei eine „ganz neue Zeitung“, heißt es bei „Aspekte“. Das ist übertrieben, denn ein großer Teil der Inhalte wird von der Berliner Zeitung zur OAZ importiert. Im Impressum der OAZ stehen gerade mal acht Redakteur:innen, die originär für das Blatt angestellt worden sind.
Salié geht die Wendeltreppe hoch zu Friedrichs Berliner Büro. Friedrich sagt: „Meine Kinder nennen das Papas Spielzimmer.“ Was da gespielt werde? „Irgendwas mit Medien.“ Schon der Kauf der Berliner Zeitung 2019 sei ein „emanzipatorischer Move“ gewesen, nun wolle er eine weitere „publizistische Fehlstelle“ füllen, erklärt der Verleger.
Im Gespräch fragt Salié, warum die AfD bei ihm so viel Raum bekomme. Friedrich beteuert, er unterstütze die AfD nicht, er unterstütze nicht „irgendeine politische Position der AfD“. Die Moderatorin gibt sich überrascht: Diese Aussage hätte man „von ihm so deutlich nicht erwartet“. Erhebliche Zweifel an seiner Aussage lässt jedenfalls schon die Serie von Artikeln gegen die Brandmauer in der OAZ aufkommen.
„Demokratiekongress“ mit der AfD
Ende Juni, Wochen nach der ZDF-Sendung, wird Holger Friedrich bei einem „Demokratiekongress“ der AfD im Paul-Löbe-Haus des Bundestags erwartet. Die Veranstaltung ist seit Tagen ausgebucht, 500 Teilnehmer:innen werden am 26. und 27. Juni erwartet. Verleger Friedrich ist einer der Hauptredner.
Er will zu „Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit“ sprechen, wie es im offiziellen Programm heißt. Anschließend ist ein Podium mit ihm, dem AfD-Europaabgeordneten Petr Bystron, Ex-Verfassungschef Hans-Georg Maaßen und den tschechischen Rechtsaußenpolitikern Václav Klaus und Tomio Okamura geplant, bei dem der „Stand der Meinungsfreiheit in der EU“ erörtert werden soll.
„Holger Friedrich irrlichtert weiter“, sagt der Medienwissenschaftler Volker Lilienthal zu diesem Auftritt Friedrichs bei der AfD. Und Patrick Gensing schreibt bei Belltower News, man könne den Verleger „nicht schlicht als rechten Akteur beschreiben“. Aber er nehme eine Scharnierfunktion ein, die für die AfD interessant sei: „Der Verleger muss kein AfD-Politiker sein, um als Verstärker zu wirken. Es reicht, dass er ein Publikum bedient, in dem soziale Kränkung, simplifizierte Friedensrhetorik, Putin-Verständnis und Antiestablishmentpathos ineinander übergehen.“
Zu Friedrichs „Spiel“ gehört, dass er Widersprüche eben nicht auflöst. Im Impressum der OAZ steht, die Zeitung sei „strikt unabhängig“. Und doch gründet er im Mai eine Beratungs- und Interessenvertretungsfirma namens Orbis Nova, die „Beratungs-, Interessenvertretungs- und Kommunikationsdienstleistungen“ anbieten will. Zielgruppe seien Unternehmen, Verbände und auch Regierungen.
Israel, Russland, USA, China
Zuletzt reiste Friedrich nach Israel, zu Wladimir Putins Wirtschaftsforum nach St. Petersburg, in die USA und nach China. Sein Partner bei Orbis Nova ist sein „Geopolitik“-Redakteur Alexander Dergay. Der hat übrigens auch das gefällige Porträt über AfD-Chef Tino Chrupalla in der ersten OAZ-Ausgabe geschrieben.
In St. Petersburg waren die Friedrich-Zeitungen gleich mit drei Leuten vertreten: außer Friedrich selbst noch Dergay und der Chefredakteur der Berliner Zeitung, Moritz Eichhorn.
Die Reporter berichteten anschließend in der OAZ über ihre Erlebnisse beim Bummel durch St. Petersburg: „Man hält einander Türen auf, schwere Taschen werden wortlos mitgetragen, und das Vertrauen reicht so weit, dass man einem Fremden sein Gepäck überlässt, damit er es die Treppe hinaufträgt. Russland hat einen zivilisatorischen Standard erhalten, der im Westen weitestgehend verschwunden ist. Für diesen Wert erfährt es keine Anerkennung.“ Die FAZ nannte die Berichterstattung der OAZ aus St. Petersburg „kniefällig-propagandistisch“.
Generell fällt auf: Die in den Medien verteilten Vorschusslorbeeren sind nach gut 100 Tagen Ostdeutsche Allgemeine weitgehend aufgebraucht. Als der erste Chefredakteur, Dorian Baganz – Jahrgang 1993, geboren in Duisburg, nach vier Wochen hinschmiss, fragte die NZZ: „Wurde es ihm doch zu schwurbelig?“ Ein:e Nachfolger:in für Baganz ist bis heute nicht gefunden – und schon gar nicht, wie angeblich von der Leserschaft gewünscht, jemand aus Ostdeutschland.
„Ein Grauschleier“
Für eine Reportage im Spiegel zu der Frage, warum die AfD gerade in Ostdeutschland so groß geworden ist, kam der Journalist Jochen-Martin Gutsch um die Lektüre der OAZ nicht herum. Gutsch empörte sich über den Slogan der Zeitung: „Ostdeutsch ist keine Frage der Herkunft. Ostdeutsch ist eine Haltung. Fleißig. Loyal. Bescheiden.“ Er kommentierte: „Schlimmer wurde ich als Ostdeutscher noch nie beschrieben. Drei Worte wie ein Grauschleier. Oder eine Werbung aus der Adenauer-Zeit. Wie ist die deutsche Hausfrau? Fleißig. Loyal. Bescheiden.“
Die OAZ will in ihrem ersten Jahr keine konkreten Verkaufszahlen nennen. Im Editorial der Wochenendausgabe von Ende Mai hieß lediglich: „Mehr als 5.000 Abonnements der OAZ wurden bisher verkauft.“ Nicht eben viel. Nachfragen, wie viele davon preisgünstige Probeabos sind, ließ die Zeitung unbeantwortet.
Ein Vorgang rund um den Medienpodcast „Sachlich richtig“ von Alexander Teske („Inside Tagesschau“) und anderen ÖRR-Kritiker:innen wirft zudem Fragen auf. Der Podcast schlüpfte im Januar unter das Dach der OAZ. Ihr neuer Arbeitgeber versprach Teske & Co, sie dürften nun „aufs Vollste“ kritisch und auch wütend sein – „und müssen keine Angst haben, gecancelt zu werden“. Dann aber wurde die Kooperation im Mai stillschweigend wieder aufgelöst.
Teske bestätigt das inzwischen auf X, die OAZ schweigt sich zu den Gründen aus. Aus dem Verlagshaus ist zu hören, Friedrich habe den Macher:innen von „Sachlich richtig“ Zusagen zu Bezahlung und technischer Ausstattung gemacht, die aus Sicht der Betroffenen nicht eingelöst worden seien. Die OAZ ließ eine Anfrage dazu unbeantwortet.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 90 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert