piwik no script img

Taty Almeida ist totOberste Mutter gestorben

Sie kämpfte gegen die Straflosigkeit von Argentiniens brutaler Militärdiktatur – und um ihren Sohn, der 1975 entführt wurde. Nun ist Taty Almeida tot.

Jürgen Vogt

Aus Buenos Aires

Jürgen Vogt

Taty Almeida ist tot. Die Vorsitzende der argentinischen Menschenrechtsorganisation Madres de Plaza de Mayo, den Müttern des Platzes der Mairevolution, starb am Sonntag im Alter von 95 Jahren. Almeida hatte sich auf der Suche nach ihrem verschwundenen Sohn Alejandro 1979 den Madres angeschlossen. Nach dem Tod von Nora Cortiñas 2024 führte sie die Línea Fundadora (Gründerinnenlinie) der Madres weiter.

Am 24. März 1976 hatte sich das Militär an die Macht geputscht. Es folgte eine als „Prozess der nationalen Reorganisation“ bezeichnete Herrschaft, unter der politische Geg­ne­r*in­nen gnadenlos verfolgt wurden und eine radikal neoliberale Wirtschaftspolitik eingeführt wurde. Menschenrechtsgruppen schätzen, dass bis zum Ende der Diktatur im Jahr 1983 rund 30.000 Menschen ermordet wurden oder bis heute verschwunden sind.

Lydia Estela Mercedes Miy Uranga wurde am 28. Juni 1930 geboren. Schon bald erhielt sie den Kosenamen Taty, unter dem man sie in Argentinien kannte. Taty wuchs in einer Militärfamilie auf. Ihr Vater war ein Oberstleutnant im Ruhestand, ihre Mutter Hausfrau. Ihre drei Schwestern heirateten Männer, die bei der Luftwaffe dienten. Ihr Bruder Carlos stieg bis zum Oberst auf. Nach einigen Umzügen ließ sich die Familie schließlich in Buenos Aires nieder.

Hier erwarb sie ihr Lehramtsdiplom. Mit 21 Jahren heiratete sie Jorge Almeida, der ebenfalls aus einer Militärfamilie stammte. Aus der Ehe gingen die drei Kinder Jorge, Alejandro und Fabiana hervor. 1970 ließen sich Taty und Jorge Almeida scheiden. Taty begann als Sekretärin in einer Arztpraxis zu arbeiten. Ihrem Sohn Alejandro verschaffte sie eine Stelle bei der staatlichen Nachrichtenagentur Télam. Zugleich studierte er Medizin an der Universität Buenos Aires und arbeitete nebenbei auch beim Militärgeografischen Institut.

Der Terror begann schon vor dem Putsch

Am 17. Juni 1975 wurde der 20-jährige Alejandro von der regierungsnahen paramilitärischen Terrorgruppe Triple A (Alianza Anticomunista Argentina) verschleppt und ist seither spurlos verschwunden. Dass er sich der Guerillagruppe ERP (Revolutionäre Volksarmee) angeschlossen hatte, erfuhr sie nach eigenen Angaben erst viel später. „Man muss daran erinnern, dass dieser Horror des Staatsterrorismus nicht erst 1976 begann, sondern unter einer verfassungsmäßigen Regierung, wenn auch, wie ich meine, keiner demokratischen“, sagte sie einmal.

Ihr Sohn Alejandro gehörte zu den rund 2.000 Menschen, die bereits vor Beginn der Militärdiktatur verhaftet wurden und verschwanden. Dies war für Taty Almeida der Wendepunkt. „Ich habe das Gefühl, Alejandro hat mich geboren. Er hat mich aus dieser Blase geholt, in der ich mein ganzes Leben verbracht hatte. Und ich bin so stolz darauf, dass er mich geboren hat“, sagte sie einmal in einem Interview. Aber auch: „Es ist eine Lüge, wenn man sagt, dass die Zeit alle Wunden heilt. Ich vermisse ihn jeden Tag mehr und mehr. Ich würde gern wenigstens ein kleines Knöchelchen von Alejandro haben.“ Die sterblichen Überreste ihres Sohnes wurden nie gefunden. Jürgen Vogt, Buenos Aires

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 210 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare