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Nachruf auf Künstler David HockneyEine echte Marke

David Hockney war ein Superstar der internationalen Kunstszene. Nun ist der Maler, der sich selbst als „etwas schüchtern“ bezeichnete, gestorben.

David Hockney war anfangs ein Propagandist in eigener Sache und sehr viel später ein Aushängeschild künstlerischer Frivolität. Seine malerische Exzellenz war eher ein Vehikel, eine Möglichkeit, das Establishment zugleich zu veralbern und zu betören. Er war ein Kind seiner Zeit, ja, aber sehr früh schon ein Pate dieser Zeit. Wohin auch immer er ging, tat sich ein Vorhang auf, schien die Jahresuhr einen Sprung nach vorn zu machen.

Mit 33 Jahren kam die erste Retrospektive. Seine Kunst sah immer aus wie Spiel. Sein Cross-over von Gattungen und Stilen wurde immer wieder auf Bildformeln getrimmt, die etwas Modellhaftes an sich hatten, etwas Illustratives. Deren Wurzeln lagen im kindlichen Staunen. Nie hat Hockney, in 60 Jahren, den Draht zum großen Publikum verloren. Am Donnerstag ist er mit 88 Jahren in London gestorben.

Sein berühmtestes Bild war, anders als fast der ganze Rest des malerischen Werks, in Acryl gemalt. Übermannshoch und fast quadratisch zeigt es die idealisierte Ansicht eines Bungalows mit zwei Palmen unter wolkenlosem Himmel, gesehen über den Swimmingpool hinweg; über die Diagonale mit einem hellgelben Sprungbrett ergänzt.

Das bösartig ins Hohle gewendete Zitat der Farbfeldmalerei wird kunstvoll überhöht durch „Einen größeren Spritzer“, den jemand, ins Wasser springend, hinterlassen haben muss. Ausgeführt ist dieser als technisches Wunder. Dort, wo die Hand des Malers sichtbar wird, offenbart sich nicht die Seele. „A Bigger Splash“ entstand in Los Angeles 1967, eine lässige Grußpostkarte an das Swinging London, das David Hockney für eine gehobene Stilübung von Privilegierten hielt.

Zurückschauen auf Matisse, van Gogh, Picasso

Die coole Betrachtung kalifornischer Standards ist dann bis zum Exzess ausgeführt worden in Ed Ruschas Werk. Hockney jedenfalls war dabei, als das „Sunshine & Noir“ am Pazifik in seine vollimprägnierte Form wuchs. Vom äußersten Punkt der Entwicklung der westlichen Kunst aus konnte er gelassen zurückschauen auf die europäischen Traditionen, auf Gauguin, Cézanne, Matisse, van Gogh, Picasso, die er später durchspülte wie der Betreiber eines akademischen Waschsalons. Er wusste, dass er das Wiedererkennen auf seiner Seite hatte, im Sinne des Gegenstands und seiner malerischen Form.

Mit 23 Jahren, im Royal College of Art, malte Hockney in einem kleinen Verschlag, in den alle im Vorübergehen reinglotzen konnten. Statt Pin-ups, wie die Kommilitonen, hängte er sich Bilder halbnackter Männer auf, aus amerikanischen „Physique“-Magazinen. Seine frühen Gemälde borgen bei der Art Brut von Jean Dubuffet, der wiederum auf die Werke von Kindern und Geisteskranken verwies – „eine Kunst ohne Vorurteil“. Diese wendete der Engländer in archaische Geheimbotschaften des Schwulseins.

Die Codierung von Buchstaben durch Zahlen (4.8. für DH) glaubte er bei Walt Whitman (23.23.) entdeckt zu haben. „Doll Boy“, datiert auf 1963 – aber vielleicht früher entstanden –, heute in der Hamburger Kunsthalle, bezieht sich auf den zügellosen Rock-’n’-Roll-Star Little Richard, schwer zu sagen, ob Hommage oder Angstbild. Dass aus einem kritzelnden Hockney mal ein müheloser Porträtist werden sollte, war damals gänzlich unvorstellbar. Noch quälte ihn etwas.

Hockney begann früh, nach Amerika zu pendeln, mit dem Schiff zunächst. Im Dezember 1968 muss es gewesen sein, dass der britische Zoll seine aus New York mitgebrachten Magazine Golden Boys und Naked Youth beschlagnahmte. Es handele sich dabei angeblich um Pornografie. Der Maler widerstand, forderte die Behörden heraus, drohte mit Klage und bekam die Magazine schließlich in einem großen Umschlag an die Tür geliefert, auf dem „On Her Majesty’s Service“ gedruckt war.

Hedonistische Bildwelt

Seine Zeichnungen, Fotografien und Gemälde waren lange belebt von den athletischen Idealfiguren mit großem Gesicht, das man allerdings vom nächsten kaum unterscheiden kann – der all-American boy. Hockney, sich selbst als „etwas schüchtern“ beschreibend, wurde sehr früh ein Star, dann ein Superstar der internationalen Szene, der sich nahezu ausschließlich mit schwuler Entourage bewegte. Die Modelle waren zugleich Assistenten oder andersherum. Seine hedonistische Bildwelt ist in der westlichen Welt sehr schnell selbstverständlich geworden.

Immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen, probierte Hockney neue Techniken aus. So führten ihn seine Versuche mit handgeschöpftem Papier in der New Yorker Dependance des Druckunternehmens Gemini – 1980 – zu großen Formaten, die aus dicht beieinanderhängenden Blättern bestanden, ein Prinzip, das er sogleich mit der Polaroidfotografie variierte. Hier überlagerten sich die Bildausschnitte, sodass ein perspektivisches Flimmern entstand. Danach kamen offene fotografische Collagen, Kaskaden, zerborstene Schau-Fenster, wilde Bühnen zwischen Zeit und Raum. Später, als er begann taub zu werden, würde er sagen: Ja, aber dafür sehe ich besser.

Das Stückeln und Parzellieren wurden Methode: 96 kleinere Leinwände, an der Atelierwand roh montiert, wurden zur Matrix für seine rot glühende Ansicht eines amerikanischen Naturtheaters, über sieben Meter lang: „A Closer Grand Canyon“ war das Paradestück einer großen Ausstellung zunächst in Paris, dann in der Kunst- und Ausstellungshalle in Bonn 2001.

Bald darauf folgten Versuche, mit dem iPhone und dem iPad zu zeichnen, mit elaborierter Software, natürlich, und auch diese Bildkonvolute drängten in raumgreifende Montagen. Hockneys Versuche in benachbarten Gattungen und alternativen Techniken führten ihn immer wieder zurück zur Malerei, die vom visuellen, technisch-lüsternen Aspekt seiner Experimente befeuert wurde. Es gab offensichtlich keine Grenzen mehr. Gerade das Wuchern seines Werks zeigte sich als entscheidendes Stilmerkmal, als tatsächliche Handschrift.

Dandy mit gebleichtem Haar

Geboren als viertes von fünf Kindern in kleine Verhältnisse in Yorkshire, blieb David Hockney erdverbunden, der Empirie verpflichtet, war von Wissenshunger getrieben. Den umfassenden Text zu einem autobiografischen Protokoll seiner „early years“ sprach er auf Tonkassetten. Er porträtierte seine Eltern in Öl; seine Mutter, in Regenkleidung, setzte er in die Mitte einer schwarz-weißen Fotocollage vor die Ruinen der Abtei von Bolton, an einem Novembertag.

David Hockney war ein Dandy, das Haar blond gebleicht und eine große, runde Brille wie Le Corbusier, anfangs. Seine Kleidung war bunt und grafisch, etwas zwischen Pierrot und Lebemann. Ein Markenzeichen waren verschiedenfarbige Socken. Er rauchte wie Königin Margrethe und liebte die Oper.

Seine Inspirationen aber kamen nicht, wie bei Richard Hamilton und Andy Warhol, aus einer negativen Verliebtheit in die Zeichensprache der Warenwelt. Deshalb ist sein Werk – die frühen Pool-Serien, die aus Warenprospekten entwickelt waren, ausgenommen – als Pop Art nicht richtig bezeichnet. Pop war David Hockney selbst, eine echte Marke.

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1 Kommentar

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  • Quel homme with humor

    Have a nice trip - David Hockney