piwik no script img

Demos in Berlin und VölklingenStahlindustrie in der Krise

Tausende Arbeiter*in­nen demonstrierten am Freitag für die Zukunft ihrer Industrie. Die IG Metall fordert Verlässlichkeit beim Wechsel zu grünem Stahl.

Aus Berlin

Charlotte Gabel

„Stahl hat Zukunft“: Das skandierten am Freitag Stahlarbeitende im Berliner Regierungsviertel. Nach Angaben der IG Metall, die zu der Demo aufgerufen hatte, beteiligten sich rund 1.700 Beschäftigte aus mehr als 40 Betrieben. Im saarländischen Völklingen, einem wichtigen Standort der Stahlindustrie, versammelten sich gleichzeitig insgesamt 8.500 Menschen, wie die Polizei mitteilte.

Sie sehen die Stahlindustrie in der Krise – unter anderem, weil der Weg der Branche zur Klimaneutralität bisher unklar bleibe. „Wir wollen grünen Stahl produzieren, unsere Stahlwerke werden, soweit es geht, klimaneutral. Doch die Politik muss konsequent die Möglichkeit dafür schaffen“, sagte Jürgen Kerner, Zweiter Vorsitzende der Industriegewerkschaft.

Nach einem Stahlgipfel im vergangenen Herbst hatte der Bund den Umbau von klimaschädlichen Hochöfen zu neuen, klimafreundlichen Anlagen mit mehreren Milliarden Euro gefördert. Außerdem hat die Bundesregierung einen Industriestrompreis für energieintensive Branchen wie die Stahlindustrie auf den Weg gebracht. Doch der IG Metall fehlt die Verlässlichkeit bei der Transformation hin zu grünem Stahl.

taz schneller googeln

Sie wollen beim Googeln taz-Texte besser finden? Dann können Sie mit einem Google-Konto die neue Funktion „bevorzugte Quellen“ nutzen. Um die taz hinzuzufügen, müssen Sie nur diesen Link anklicken und einen Haken setzen.

Sie wollen Google lieber meiden? Dann nutzen Sie doch DuckDuckGo oder Ecosia.

Ein Problem ist laut Kerner, dass der Absatzmarkt für grünen Stahl nicht ausreicht. Dagegen könne beispielsweise eine Pflicht für große Unternehmen helfen, solchen einzusetzen. Und auch den Industriestrompreis sieht der Gewerkschafter kritisch, da er zeitlich befristet ist, unter Finanzierungsvorbehalt steht und nur „homöopathisch“ gegen teure Energie wirke.

Kerner warnte außerdem davor, den Europäischen Emissionshandel, der im Juli auf EU-Ebene reformiert werden soll, infrage zu stellen. Dies treibe „zehntausende Arbeitsplätze ins Risiko“. Zugleich brauche es Unterstützung für Unternehmen, die die Investitionen in die klimafreundliche Produktion nicht allein stemmen könnten.

Forderungen aus der Politik

Auch Po­li­ti­ke­r*in­nen waren auf der Berliner Demo vertreten. Ines Schwerdtner, Parteichefin der Linken, nannte die Stahlindustrie „systemrelevant“. Die Krise der Branche hätten nicht die Beschäftigten verursacht. Sie forderte mehr Unterstützung für den Umbau zu einer klimafreundlichen Produktion.

Auch Grünen-Parteichef Felix Banaszak stellte sich auf die Seite der Demonstrierenden: „Wir stehen für die gleiche Zukunft“. Ob Klimabewegung oder Stahlindustrie, es müsse gemeinsam gekämpft werden. Deutschland sei auf eine wettbewerbs- und zukunftsfähige Stahlindustrie angewiesen.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 210 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

5 Kommentare

 / 
  • Was leider viel zu selten mal diskutiert wird: wofür brauchen wir eigentlich den Stahl? Wo sind unsere innovationsfreudigen WIssenschaftler und Ingenieure, wenn es darum geht, alternative Baustoffe zu erfinden? Was ist aus Carbonfasern ets. geworden?

    Mir kommt diese Grüner-Stahl-Diskussion immer altertümlich vor. Als hätte man im 19. Jahrhundert über spezielle Hufeisen nachgedacht, um den Verkehr mit Kutschen schneller und effizienter zu machen statt über den Pferdeantrieb generell nachzudenken.

    Die Leute sollten mal von Grund auf neu überdenken.

    Fun Fact: ohne Kriegsschiffe, Kampfjets und Panzer brauchten wir übrigens ersatzlos weniger Stahl. Auch wenn das nicht die extreme Masse ausmacht. Aber Kleinvieh macht ja auch Mist.

  • Früher wurden Erze und Kohle per Schiff zu den Produktionsstandorten gebracht. Entscheidend war nicht die geografische Lage, sondern die effiziente Produktion.



    Die zukünftigen Standorte benötigen Zugang zu preislich konkurrenzfähigen Strom- und Wasserstoff.



    Wenn Strom aus EE erzeugt wird, entscheidet nun die geografische Lage. Ab Spanien südwärts liefert ein Solarmodul mehr Strom als hier und auch im Winterhalbjahr noch die Hälfte der sommerlichen Leistung. In Skandinavien können mit Laufwasser und Kernkraftwerken ganzjährig günstige Strompreise angeboten werden. Da Deutschland mehrere Systeme parallel finanzieren und verkabeln muß (Solarenergie, Windenergie, Stromspeicher sowie Reservekraftwerke) können hier die Strompreise nie mehr konkurrenzfähig sein.



    Der Transport von Wasserstoff ist aufwendig und teuer. Daher werden wasserstoffabhängige Produktionen dorthin verlegt, wo Wasserstoff ganzjährig (mehrere tausend Stunden im Jahr) günstig erzeugt werden kann. In Deutschland Ist das nur einige hundert Stunden mit überschüssigen Strom aus EE möglich. Im Sommerhalbjahr zur Mittagszeit sowie an stürmischen Tagen im Winter.



    Die Rohstahlfertigung in Deutschland ist nicht mehr haltbar.

  • Das sind klimaschädliche Industrien, genauso wie Pharma, Chemie und Autoindustrie. Weg damit, damit unsere Kinder noch eine Zukunft haben. Wir müssen uns einfach bescheiden.

    • @YeahYeah:

      Und welche Arbeitsplätze stellen sie sich für ihre Kinder vor?

  • Ob, werkstoffwissenschaftlich, nicht bereits Metalloxyde brauchbare Materialfamilien ergeben ?