Tunesiens Grenzregion: Gedeiht hier die Zukunft der Landwirtschaft?
Yasmina Halimi kommt aus der kargen tunesischen Bergregion Kasserine. Dort zeigt sie, wie eine wassersparende Landwirtschaft Nordafrikas Zukunft sichern könnte.
Für Yasmina Halimi ist das Jahr 2050 kein fernes Zukunftsdatum, sondern ein Prüfstein: Werden Regionen wie Kasserine im tunesischen Grenzland zu Algerien an Klimakrise, Ressourcenknappheit und sozialer Ausgrenzung zerbrechen – oder zu Vorbildern einer widerstandsfähigen Landwirtschaft werden?
Halimi entwirft für 2050 das Bild einer intelligenten, sparsamen und lokal verankerten Landwirtschaft, die Wasser recycelt, heimisches Saatgut bewahrt, Heil- und Aromapflanzen nachhaltig produziert und Einkommen schafft, ohne das ökologische Gleichgewicht zu zerstören. Ihr Leitgedanke: Gewinn im Einklang mit der Natur, nicht gegen sie.
Die Grundlage ihrer Vision ist ihre eigene Lebensgeschichte. Aufgewachsen in der marginalisierten Bergregion Kasserine lernte Halimi früh, Härte, Mangel und die Gesetze der Natur zu lesen. Bildung wurde für sie zum Ausweg aus Armut und ländlicher Benachteiligung. Aus einem kleinen Hausgarten entwickelte sich Schritt für Schritt ein landwirtschaftliches Projekt in einer Gegend, die zugleich von Klimastress, wirtschaftlicher Schwäche und Terrorismus geprägt ist.
Wie die arabische Welt der Zukunft begegnet
Im Jahr 2050 droht der Region der Klimakollaps. Gibt es nur noch Hitze? Oder auch Hoffnung? 25 Journalistinnen aus 16 arabischsprachigen Ländern haben im Rahmen des zweijährigen Projekts MENA Green Panter (2024–2026) der taz panterstiftung erfrischende Antworten erarbeitet. Am 17. Juni 2026 findet der taz panter talk in Berlin dazu. Eine Podcastfolge dazu gibt es im Format Freie Rede. Alle Texte, die im Rahmen dieses Projektes erschienen sind, können Sie hier lesen.
Im Zentrum ihres Modells steht eine Landwirtschaft, die sich an den Bedingungen vor Ort orientiert. Halimi setzt in ihrer Baumschule auf Heil- und Aromapflanzen wie Rosmarin, nutzt warmes Grundwasser zum Schutz empfindlicher Pflanzen vor Frost und betreibt ein Kreislaufsystem, in dem überschüssiges Wasser gefiltert und nahezu vollständig wiederverwendet wird. Für sie sind solche kleinen anpassungsfähigen Lösungen zukunftsfähiger als industrielle Standardmodelle – besonders in fragilen Berg- und Grenzregionen Nordafrikas, die bis 2050 stärker denn je unter Wasserknappheit und Temperaturstress leiden werden.
Landwirtschaft gegen Gewalt und Marginalisierung
Ihre Idee geht dabei weit über den eigenen Betrieb hinaus. Halimi versteht Landwirtschaft als Werkzeug gegen Marginalisierung, Unwissenheit und Gewalt. Sie berät junge Landwirte, arbeitet an der Wiederansiedlung von Wildpflanzen, wirbt für den Schutz der Biodiversität und will lokale Gemeinschaften zu Mitgestaltern einer nachhaltigen Landnutzung machen. Ihr Gegenentwurf zum Terrorismus ist nicht Abschottung, sondern Entwicklung: Wer Armut und Perspektivlosigkeit bekämpft, entzieht Extremismus den Nährboden.
Konkret denkt Halimi in Etappen auf 2050 hin. In den kommenden Jahren will sie ihren Hof zu einem ökologisch geführten Spezialbetrieb für Heil- und Aromapflanzen ausbauen, der mit modernen, ressourcenschonenden Verfahren arbeitet und zugleich als Ausbildungs- und Versuchszentrum dient. Mittelfristig sollen zehn Hektar durch intelligente Anbaumethoden die Produktivität von hundert Hektar konventioneller Landwirtschaft erreichen. Langfristig strebt sie ein Netzwerk von Produzenten an, das bedrohte tunesische Saatgutsorten zurückbringt und ländliche Räume nicht länger als Krisenzonen, sondern als Innovationslabore begreift.
So wird Yasmina Halimis Geschichte im Kern zu mehr als einer Biografie des Durchhaltens. Sie ist ein Vorschlag für die Landwirtschaft von 2050: lokal, wassersparend, biodivers, sozial gerecht – und stark genug, selbst dort Zukunft zu schaffen, wo lange nur von Mangel, Gewalt und Vergessen die Rede war.
Lobna Najjar, Journalistin aus Tunis und Chefredakteurin des Zentrums für Ausbildung und Forschung arabischer Frauen (CAWTAR)
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