3-Stunden-Dokumentarfilm „Das Kino“: Wofür Kino im Leben gut ist
In Bernhard Sallmanns Dokumentarfilm „Das Kino“ sprechen elf Spezialisten über Filme und Kino. Ein vielstimmiges Plädoyer für ein lebendiges Genre.
Bernhard Sallmanns Dokumentarfilm „Das Kino“ ist Metakino. Wenn man den Film im Kino sieht, sieht man elf Cinephile aus dem deutschsprachigen Raum über etwas reden, das sie und der Regisseur Kino nennen. Schon was das ist, worüber sie da reden, ist zwischen den elf Positionen umstritten: das technische Arrangement, der architektonische „Spannungsraum“, wie Michael Baute sagt, zwischen Projektion von hinten auf die Leinwand und den Sitzen, die frontal darauf ausgelegt sind – oder die Filmgeschichte in ihrer meist eher imaginären Gesamtheit.
Sallmann und Kameramann Martin Wolff zeigen die elf Befragten nüchtern als Talking Heads hintereinander vor schwarzem Hintergrund. Dieses Bildarrangement macht zunächst den Eindruck, eher zu einer Installation zu gehören, lenkt jedoch durchaus erfolgreich die Aufmerksamkeit auf das Gesagte.
Zu Beginn skizziert der niederländische Filmemacher Dylan de Jong seinen Weg durch die Exzesse der Cinephilie, von vier bis sechs Filmen täglich – von der Vorstellung, die Filmgeschichten der Welt in sich aufsaugen zu müssen, hin zu einer wählerischen Haltung beim Filmesehen im Kino und daheim. Für die Erfahrung von Kontinuität im Kinoraum formuliert der Berliner Autor und Filmdozent Michael Baute das Konzept der Leinwand als Zeitspeicher: „Das neue Bild überschreibt nicht nur die vorherigen Bilder des gleichen Films, sondern auch all die Bilder der Filme zuvor.“
„Das Kino“. Regie: Bernhard Sallmann, Deutschland 2025, 198 Min.
Bautes Bild trifft die Balance zwischen zeitlicher Vergänglichkeit und Einschreibung in Kontinuitäten von Filmgeschichte, die Kino ausmacht, recht gut. Ohnehin finden sich im Segment mit Baute ein paar der schönsten Überlegungen in Sallmanns Film zu Kino und Raum in der Stadt. Sie sind verbunden mit Bautes Kinosozialisation in einem Bielefelder Kino an einer vierspurigen Straße, von der die Geräusche in den Zuschauerraum abstrahlten.
Recht schnell stellt sich der Eindruck ein, dass jede_r der elf Befragten eigentlich über das redet, was er_sie will: Der erste Film, an den man sich erinnert, die Kinosozialisation, Vorlieben, Kinoraum, Corona. Die Freiheit der Assoziationsräume erschwert die Bezüge untereinander und einen geteilten Gegenstand „Kino“ dann doch erheblich.
Geschichte der Berliner Kinosubkultur
Andererseits schenken sie auch die schönsten Beiträge, wie eben den von Michael Baute oder den von Barbara Suhren, Mitbegründerin und Mitbetreiberin des Kreuzberger fsk-Kinos. Suhren skizziert eine kurze Geschichte der Berliner Kinosubkultur der 1980er Jahre zwischen Hausbesetzerkinos und dem Vorläufer des fsks ab 1988 in der Wiener Straße, mit einem Herbert-Achternbusch-Saal und einem Steven-Spielberg-Saal.
Als Kinobetreiberin reflektiert Suhren die Veränderungen der Kino- und Verleihlandschaften und endet bei der schönen Beschreibung, wofür Kino im Leben und in der Gesellschaft gut ist. Es sei, so Suhren, „ein Angebot, wie man schauen kann, wie man Sachen begreifen kann und damit auch alles andere vielleicht anders anschauen kann danach.“
Kurz vor Schluss formuliert Regina Schlagnitweit, die zusammen mit Alexander Horwath über Jahre das Österreichische Filmmuseum geprägt hat, einen schönen Gedanken gegen allen Kulturpessimismus und das Unken über ein Ende des Kinos. Schlagnitweit stellt die Potenzialität leerer Kinositze in modernen Multiplex-Kinos der Erfahrung gegenüber, vor Jahrzehnten unverrichteter Dinge weggeschickt zu werden, weil sich nicht genug Zuschauer_innen eingefunden hatten, um eine Vorführung lohnend erscheinen zu lassen. Im Wortwechsel mit Alexander Horwath kulminiert diese Vision von einer Zukunft des Kinos in dem Satz: „Die Potenzialität, dass eine Menge Ärsche kommen könnten, um diese Sitze zu füllen, ist ein Versprechen. Es kann jederzeit wieder umschlagen.“
Ein wiederkehrendes Thema ist, dass andere Medien für viele eigentlich wichtiger waren in der Sozialisation, aber teilweise auch in der Gegenwart der Befragten. Literatur wird genannt, Musik und bisweilen werden Wechselwirkungen beschrieben. Dass Sallmanns Film über die elf Gespräche eine Laufzeit von knapp dreieinhalb Stunden anhäuft, fordert einem als Zuschauer_in einen gewissen Einsatz ab.
Wenn man sich in den Film hineinwagt, wird man jedoch schon nach wenigen Minuten einräumen müssen, dass kürzere Gespräche nichts gebracht hätten. Aber es zeigt sich auch in diesem Film und im Sprechen über Kino wieder einmal, dass es deutliche Unterschiede gibt zwischen Menschen, die Kino machen (die über Menschen und Zuschauer_innen reden), und Menschen, die Filme machen (die über hübsche, prägende Filme reden).
Diese und andere Verwerfungslinien hätte man sich etwas stärker herausgearbeitet gewünscht. Sei es durch die Fragen, die Sallmann weitgehend herausschneidet, sei es durch eine fokussiertere Auswahl der Gesprächspartner_innen. Eines kann man Sallmanns Film aber nicht absprechen: Er ist Dokument einer noch immer gegen alle Widerstände lebendigen Kinokultur.
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