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Böse Sammler im AnimationsfilmEiner, der Spielzeug hortet

Sind wir nicht alle ein bisschen Al McWhiggin? Bald kommt „Toy Story 5“ ins Kino. Zeit, an den Antihelden aus dem Klassiker „Toy Story 2“ zu denken.

Wer Kindern ihr Spielzeug stiehlt, ist ein schlechter Mensch, keine Frage. Aber Al McWhiggin, der in dem Pixar-Film „Toy Story 2“ den Spielzeug-Cowboy Woody von einem Flohmarkttisch klaut, ist als Filmbösewicht schon noch mal ein Fall für sich.

Als der Film 1999 in die Kinos kam, mag der übergewichtige Nerd mit dem Fimmel für altmodisches Spielzeug eine merkwürdige Nebenfigur gewesen sein. Aus heutiger Perspektive erscheint er wie die Prophezeiung einer Konsumkultur, in der erwachsene Menschen wegen atemberaubend hässlicher Stoffpuppen in der Mall Schlange stehen und auf Online-Börsen absurde Höchstpreise für Actionfiguren aus Plastik bezahlen.Aus Spielzeug ist ein Spekulationsobjekt mit verrückten Renditen geworden. Und Al McWhiggin hat das schon vor einem Vierteljahrhundert kommen sehen. Jetzt, wo bald die fünfte Folge von „Toy Story“ in Deutschland in die Kinos kommt, kann man sich die Frage stellen: Sind wir inzwischen nicht alle ein bisschen Al McWhiggin?Das Grundthema der „Toy Story“-Filme ist eigentlich eine beseelte Feier der kindlichen Imagination und des Versinkens im Spiel. Die Spielsachen, die in den Filmen – wie in E.T.A. Hoffmanns „Nussknacker und Mausekönig“ – zum Leben erwachen, sehen ihren Existenzzweck darin, Teil der Fantasien ihrer kindlichen Besitzer zu werden.

Spielwelt jenseits der Vernunft

„Wir spielen und wissen, dass wir spielen, also sind wir mehr als bloß vernünftige Wesen, denn das Spiel ist unvernünftig“, hat der holländische Kulturhistoriker Johan Huizinga 1938 in seinem Klassiker „Homo Ludens“ notiert. Die Spielsachen tun, was sie können, um den Kindern den Weg in diese Spielwelt jenseits der Vernunft zu ermöglichen: in jenen Raum, den Huizinga als „geweihten Boden“ bezeichnet, als „abgesondertes, umzäuntes, geheiligtes Gebiet, in dem besondere Regeln gelten“.

Aber das wird von Folge zu Folge der Filmreihe schwieriger: Die Kinder werden älter und damit immer weniger fähig, den Weg in diesen Zauberkreis zu finden. Einige der Spielsachen akzeptieren schließlich, dass ihre kindlichen Besitzer nichts mehr mit ihnen anfangen können. Sie schließen sich einer Art Kommune abgelegter Spielsachen auf der Suche nach neuen Besitzern an. In der kommenden Fortsetzung geht es offenbar um die Bedrohung, welche die sozialen Medien für die Eigenwelt des kindlichen Spiels bedeuten.

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Im zweiten Teil von „Toy Story“ ist es Al McWhiggin, der als Gegenentwurf zur idealisierten Spielwelt der Kinder auftritt. Aus Versehen packt Andys Mutter den Spielzeug-Cowboy Woody ihres Sohns bei einem Yard Sale auf den Tisch. Der Spielzeughändler Al McWhiggin erkennt sofort den Wert des gut erhaltenen Exemplars eines Merchandising-Artikels, der in den 50er-Jahren für die Westernserie „Woody’s Roundup“ auf den Markt gebracht worden war. Da die Show kein Erfolg war, verschwanden auch die Woody-Puppen schnell in der Versenkung – entsprechend hoch ist darum ihr Sammlerwert.

McWhiggin hat schon alle anderen Merch-Figuren von „Woody’s Roundup“ zusammen und für den seltenen, vollständigen Satz einen finanzkräftigen Käufer in Japan – und diese Woody-Figur ist sogar komplett mit Cowboy-Hut! Kurzerhand stiehlt er die Puppe und liefert damit das Initialereignis, das die Handlung des Films in Gang setzt: Die übrigen Spielsachen verbringen die nächsten anderthalb Stunden Kinozeit damit, Woody wieder zurück ins Kinderzimmer zu holen.

Die Screentime, die Al McWhiggin in „Toy Story 2“ hat, ist eigentlich relativ kurz. Nur gut vier Minuten dauert ein Zusammenschnitt bei YouTube, der alle Einstellungen zeigt, in denen er überhaupt vorkommt. Trotzdem ist McWhiggin wegen seiner charakterlichen Deformation eine einprägsame Figur. Eigentlich sollte er bereits im ersten Teil von „Toy Story“ auftreten. Die Drehbuchautoren bezeichnen ihn in einem frühen Treatment als anal retentive, also als anal fixiert.

Das sind nach Sigmund Freud bekanntlich Menschen, bei denen in der frühen Sauberkeitserziehung etwas schiefgelaufen ist. Das Kind lernt, seinen Kot zurückzuhalten, und verzichtet dadurch auf die Lust an der Ausscheidung. Dadurch wird der Stuhl zu einer frühen Form von Besitz: etwas, das man behalten, hergeben oder verweigern kann und mit dem sich die Beziehung zu anderen steuern lässt. Aus dieser Erfahrung entstehen später Charakterzüge wie Geiz, Ordnungsliebe, Kontrollbedürfnis und die Unfähigkeit, Dinge loszulassen. McWhiggin ist genau so eine Persönlichkeit: Er will Woody nicht dem Spiel überlassen und ihn nicht teilen. Stattdessen sperrt er ihn – in einer Szene, die bestimmt viele kleine Filmzuschauer traumatisiert hat – in eine Glasvitrine.

Regression und heimlicher Exzess

Doch die Kleinlichkeit und das Horten des Analfixierten haben auch ihre dunkle Rückseite: Regression, Übermaß und heimlicher Exzess. Das macht der Film in einer kurzen Passage deutlich, in der man McWhiggin eingeschlafen vor dem Fernseher sieht. Erst fährt die Kamera an seinem gewaltigen, Maßlosigkeit signalisierenden Bauch entlang, aus dem gluckernde Magengeräusche dringen – hier entstehen jene Körperausscheidungen, die zurückzuhalten er gelernt hat. Neben ihm steht eine große Schüssel mit Käseflips, an der sich McWhiggin noch im Schlaf festhält wie ein Kind an seinem Kuscheltier; seine Finger sind vom orangefarbenen Käsepulver überzogen.

1999 waren Spielzeug-Nerds und manische Sammler von Popkultur noch Außenseiter. eBay, das seither bei der Entstehung dieser Szene eine wichtige Rolle gespielt hat, war gerade einmal vier Jahre alt. In Japan gab es bereits Otaku mit Apartments, die mit Mangaheften und Comicfiguren vollgestopft waren. Aber im Westen waren Leute, die Steiff-Tiere im Originalkarton horteten oder „Star Wars“-Figuren mit ungeöffneter Blisterkarte zu Höchstpreisen kauften, noch Sonderlinge wie Al McWhiggin mit seinem Bowlinghemd und seiner Hornbrille.

26 Jahre später hat der chinesische Konzern Pop Mart von den grinsenden Labubu-Monstern weltweit über hundert Millionen Stück verkauft. Der Aktienkurs stieg auf dem Höhepunkt des Hypes um mehr als zweihundert Prozent. Rihanna trug ein Labubu an der Birkin Bag, Blackpinks Lisa postete ihre Sammlung. Sondereditionen wechselten auf Resale-Plattformen für vierstellige Summen den Besitzer – aber nur, wenn sie in sealed mint condition waren, also in makellosem Zustand und verschlossenen Schachteln. Die teuersten Versionen des Spielzeugs sind jene, mit denen nie gespielt worden ist.

„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, hat Friedrich Schiller in der „Ästhetischen Erziehung des Menschen“ geschrieben. So betrachtet sind Al McWhiggin und all die anderen Spielzeug-Horter, die auf ihn folgten, nie ganz Mensch geworden. Vielleicht kompensieren diese Sammler-Investoren ihre innere Leere deshalb damit, dass sie aus Spielzeug eine eigene Asset-Klasse gemacht haben. Mit einer Form der Geldanlage wird natürlich nicht mehr gespielt, sondern nur noch spekuliert.

Für das krankhafte Festhaltebedürfnis bietet der Markt Limited Editions, Blind Boxes, versiegelte Originalverpackungen, Echtheitszertifikate, Grails und Zustandsnoten. Die anale Fixierung ist von einer Diagnose zum Geschäftsmodell geworden. McWhiggins Symptome sind keine Pathologie mehr. Sie sind Teil der Populärkultur.

In mint condition

In „Toy Story 2“ muss Al McWhiggin am Ende seinen Spielzeugladen mit einem Räumungsverkauf schließen. Im wirklichen Leben war die Bestrafung für ihn jedoch noch schlimmer. Die Merch-Maschinerie von Pixar hat ihn selbst zu einer Actionfigur aus Plastik gemacht. So hat den Spielzeughändler das schreckliche Schicksal ereilt, das er eigentlich Woody zugedacht hatte: Er steckt in seiner Box fest und kann die Welt nur noch durch transparentes Plastik ansehen. Kein Kind wird jemals mit ihm spielen. Stattdessen muss er auf eBay Geld verdienen, wo Exemplare der Plastikfigur in mint condition für rund 150 Euro zu haben sind.

Der ursprüngliche Verkaufspreis lag 1999 übrigens bei knapp 100 Euro. Und vielleicht ist das die schlimmste Strafe für Al McWhiggin: Die Rendite, die er als Spekulationsobjekt auf dem Secondary Market erzielt, ist letztlich ziemlich bescheiden.

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1 Kommentar

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  • Mal ein anderer Ansatz: Soll Spielzeug überhaupt kaputt gehen? Ich finde, nein. Zuviel Müll wird sonst produziert, was unserem Planeten schadet und die ausgebeuteten Menschen, die dieses Spielzeug produzieren, auch.

    Ein Spielzeug soll Jahrzehnte halten. Wie es die Helden aus Toy Story tun. Durch viele unterschiedliche Kinderhände gereicht und stets belehrend auf das Spielzeug aufzupassen, weil jedesmal wenn ein Spielzeug kaputt geht, die Seele eines Menschen (im Sinne der kapitalistischen Ausbeutung) verletzt wird.

    Spielzeug horten oder zu exorbitant hohen Preisen verkaufen finde ich dagegen aber falsch. Sagen euch Scalper etwas?