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Humanoide Roboter in der PflegeHallo, ich bin's, Pepper

Gastkommentar von

Gabriele Brasse

Humanoide Roboter kommen in der Pflege immer mehr zum Einsatz. Sie können positive Emotionen wecken, aber keine menschlichen Interaktionen ersetzen.

In einer Einrichtung der Caritas unterstützt Pepper das Pflegepersonal in Routineaufgaben Foto: Murat Tueremis

D er Roboter rollt lautlos auf eine Gruppe älterer Damen zu. Dort angekommen, bremst er, hebt und senkt den Kopf mit den übergroßen Augen, die er öffnet und schließt. Dann kommt eine Reihe einfacher Sätze. Die Damen, die in ihren Siebzigern oder Achtzigern sind, wenden sich ihm zu. Zwei reden sofort auf ihn ein, sie fordern „ein Lied“.

Szenen wie diese spielen sich zunehmend in Pflegeeinrichtungen der industrialisierten Welt ab. Pepper, so heißt der humanoide Roboter, ist darauf programmiert, auf die Mimik und Gestik von Menschen zu reagieren. Er ist bei den Be­woh­ne­r:in­nen ein willkommener Gast, ruft aber gleichzeitig widersprüchliche Gefühle hervor, insbesondere in der Betreuung Demenzkranker. Denn das Nachdenken über die erzielbare oder gewünschte Interaktion von Menschen mit Maschinen wirft grundsätzlichere Fragen auf: Wie wollen und sollen wir mit demenziell Erkrankten umgehen? Was für ein Menschenbild steht hinter dem Einsatz von Pepper?

Gabriele Brasse

hat Medizinethik studiert und ist Fachärztin für Neurologie mit dem Schwerpunkt Altersmedizin. Ihr besonderes Interesse gilt der Schnittstelle zwischen Versorgungsmedizin und theoretischen Konzepten zu Mensch-Maschine Interaktion.

Laut Erfahrung und Studienlage entstehen im Kontakt mit den humanoiden Robotern emotionale Beziehungen. Ihr Einsatz kann die Lebenszufriedenheit zumindest leicht demenzkranker Menschen steigern. Der Kern ihres Erfolgs – und die eigentliche Innovation – ist die emotionale Ansprache und die hierin angelegte Befähigung zur sozialen Bindung. Ein Roboter, der mit uns spricht, löst Freude, zumindest Überraschung aus. Ausgestattet mit Spiegelneuronen und einer Neigung zum Anthropomorphismus sind wir gerne bereit, uns auf diese Art Kontakt einzulassen. Das lässt uns glauben, dass tatsächlich wir gemeint sind.

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Der Fachbegriff „einseitige emotionale Resonanz“ bringt es auf den Punkt. So ergeht es den meisten Menschen und wohl auch den Be­woh­ne­r:in­nen der Pflegeheime. Die humanoiden Roboter bieten Kontakt, Zeitvertreib, vielleicht sogar kognitive Stimulation. Denn zu Peppers Repertoire gehören Übungen zum Gedächtnistraining oder das Abspielen von Musik. Wenn sich jüngere Menschen in eine generative KI verlieben, warum sollte die Generation der Alten das nicht ebenso können?

Wenn der Einsatz des humanoiden Roboters zunächst einige Versorgungsprobleme erfolgreich zu adressieren scheint, zeichnen sich allerdings bei näherer Betrachtung der Mensch-Roboter- Interaktion Limitierungen ab. Ist die Kommunikation mit dem Roboter wirkungsvoll, wenn Antriebslosigkeit und sozialer Rückzug Symptome einer demenziellen Veränderung sind? Die Maschine begrenzt sich auf verbale Ansprache, sie nutzt allenfalls geringe Gesten. Ihre angebotenen „Aufgaben“ sprechen den Menschen weder als handelndes noch als kreatives Wesen an. Vielmehr bedient der Roboter ein Reiz-Reaktions-Schema, das den Nut­ze­r:in­nen eine passiv-konsumierende Rolle zuweist.

Keinerlei körperliche Interaktionen

Die maschinelle Ansprache schafft keinerlei körperliche Interaktion. Das rein sprachgebundenes Repertoire orientiert auf Dialog, zielt allenfalls auf eine Fingerbewegung auf der Bedienoberfläche ab. Körperliche Bedürfnisse werden nicht berücksichtigt, auch körperliche Erfahrungen weder einbezogen noch generiert. Zweifelsohne knüpft die Technik an unser emotionales Erleben an, schließlich erzeugen die Roboter „echte Gefühle“. Dies kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Mensch-Maschine-Beziehung körperlos bleiben muss. Ausgerechnet in fortgeschrittenen Demenzstadien, wenn sprachliche Fähigkeiten nachlassen, gewinnt die körperliche Verbindung zur Welt an Bedeutung. An dieser Stelle ist die Stärkung einer nonverbalen Kommunikation gefragt.

Prinzipiell bieten emotionale Ansprache und Resonanz diese an. Hier entsteht in der Interaktion mit Demenzkranken jedoch eine Schräglage: Wenn die Urteils- und Kritikfähigkeit der Betroffenen verändert ist, können sie nicht nachvollziehen, dass ihre Gefühle durch eine Maschine ausgelöst werden. Dass sie sich einem Wesen anvertrauen, dessen „Gefühlswelt“ intransparent bleiben wird. Dass es sich um einseitige emotionale Resonanz handelt.

Es entsteht der Eindruck, dass die Fähigkeiten humanoider Roboter überbewertet werden

Und noch etwas ist wichtig: Ein datenschutzkonformer Einsatz der Roboter wird die Fragen der Datensammlung, -speicherung und Wiedergabe regeln. Dies allein ist schwierig genug, wenn Menschen nicht mehr einwilligungsfähig sind. Eine grundsätzlichere Frage wird hier jedoch noch nicht beleuchtet: Dürfen wir eine Gruppe von Menschen einer Interaktion ausliefern, die sie nicht überblicken, nicht ermessen können? Ein Kontrollverlust gehört zum Erkrankungsbild der Demenz, trotzdem navigieren Demenzkranke oft mehr oder weniger sicher durch eine vertraute Umgebung. Anders als im Kontakt mit Menschen oder auch mit Tieren dürfte die Mehrzahl jedoch über keinerlei Erfahrung mit Robotern verfügen. Ihnen fehlt hier ein (im Zweifel in den Körper eingeschriebenes) Verhaltensmuster, auf das sie zurückgreifen können.

Es wird Menschen geben, die diese Art der Grenzverschiebung zu Maschinen gutheißen. Es wird aber auch jene geben, die diese Grenze gewahrt wissen wollen. Diese Personen wünschen weder eine emotionale Beziehung zu einem Roboter, noch möchten sie ihre Daten mit den Herstellern und Softwareentwicklern von Pepper teilen. Die Wünsche der Betroffenen müssen ermittelt und respektiert werden.

Es sieht so aus, dass das Versprechen, das der Einsatz humanoider Roboter in der Pflege liefert, derzeit nicht eingelöst wird. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass die Fähigkeiten humanoider Roboter überbewertet werden. Sie schaffen zwar emotionale Resonanz und ermöglichen die Illusion einer Bindung. Aber für eine Beziehung, die die bedürftigen Menschen in ihrer körperlichen Existenz erst nimmt, eignen sie sich nicht. Die Existenz der humanoiden Roboter und ihr derzeitiger Aktionsradius verdeutlichen, dass unsere zwischenmenschlichen Beziehungen an Exklusivität einbüßen. Wir könnten sie zum Anlass nehmen, die Qualität unserer eigenen Kommunikation zu überprüfen.

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11 Kommentare

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  • Als der Artikel geschrieben wurde, waren Roboter wie Pepper schon wieder veraltet. In der Robotik verbunden mit KI werden gerade Quantensprünge erreicht. In wenigen Jahren werden wohl Roboter komplexe Pflegeaufträge wahrnehmen - die Entwicklung in Japan weist jetzt schon darauf hin.

  • Warum setzt man Pflegeroboter ein ?

    Ganz einfach: Weil sie billig sind.

    Die Arbeitsbedingungen in der Pflege sind geradezu abschrenkend.



    Bürokratie, Schreibkram und komplizierte Arbeitsabläufe machen den Pflegekräften die Arbeit so sauer, dass ein Großteil nach wenigen Jahren wieder "in den Sack" haut.

    Und uns Bürgern macht man dann vor es gäbe einen Personalnotstand.

    Da kommen die Roboter ja wie gerufen !



    Billig, genügsam, satt still sauber !

  • Ich habe mir gerade den von Klaus Schwarzmüller hier weiter unten erwähnten "Navel" angeschaut. Das übliche Kindchen-Schema incl. Stimme. Der kleine gibt eigentlich nur Allgemeinplätze von sich - da ist noch viel Luft nach oben.



    Wenn die Firma in absehbarer Zeit einen Roboter entwickelt, der mir die Wohnung putzt und das schmutzige Geschirr spült, kann sie sich bei mir melden.

  • Was für ne schöne neue Welt. Simulation von Menschlichkeit jetzt als Sparmodell. Die Alten werden sediert vor einem Plastik-Butler geparkt, damit der Pflegenotstand nicht behoben, werden muss und die Leute, die wegen der Pflege und Care-Arbeit ihrer Liebsten ausfallen, dann auch endlich wieder Vollzeit arbeiten gehen können.



    Am Ende sitzt irgendwo ein Investor in einem klimatisierten Büro und freut sich über massenhaft Rendite, während eine demenzkranke Frau einem Staubsauger mit Gesicht erzählt, wie sehr sie ihren Mann vermisst - und vielleicht nicht mal merkt, dass sie gerade mit einem Plastikkasten spricht. Ein Glück kann der dann "Guten Tag" sagen oder „Alle Vöglein sind schon da“ anstimmen.



    Aber immerhin: So muss man keine Pflegekräfte mehr ordentlich bezahlen, keine Arbeitsbedingungen verbessern und schon gar nicht mühsam Fachkräfte aus dem Ausland anwerben. Zwischenmenschliche Nähe ist einfach zu teuer. Dann doch lieber ein einfühlsamer Blechclown mit WLAN-Anschluss, dass ist betriebswirtschaftlich viel effizienter. Hoffentlich wird es genug Menschen geben, die diese Art der Grenzverschiebung nicht akzeptieren werden.

  • Wenn ich mir den verschmierten Hintern nicht mehr abwischen oder waschen kann, bin ich froh, wenn das ein Roboter so macht wie ich mir das vorstelle und ich nicht warten muß, bis eine überlastete, genervte und vielleicht auch angeekelte Pflegekraft dazu Zeit findet.

  • Pepper ist doch schon so alt, mitlerweile gibt es viel modernere Roboter wie z.B. Navel, die da schon noch einiges besser machen und gerade auf solche Einsätze spezialisiert sind.

  • Technik sollte in der Pflege nicht eingesetzt werden, um menschliche Zuwendung zu ersetzen. Technik sollte eingesetzt werden, um es Menschen zu ermöglichen, in den praktischen Herausforderungen des Alltags selbstständig zu bleiben und nicht von fremder Hilfe abhängig zu sein. So dass Pflegekräfte Zeit gewinnen, sich auf die persönlichen Bedürfnisse der zu Pflegenden zu konzentrieren.

  • Ich finde das seltsam.



    Anstatt KI und Digitalisierung für die Verwaltung und die umfangreichen Dokumentationspflichten zu erfinden und zu optimieren, damit die Pflegekräfte wieder Zei für die Menschen haben, wird das Pferd von hinten aufgezäumt, Geld und Ressourcen verschwendet um genau diese Aufgaben eher peinlich zu imitieren.

  • Man kann den aktuellen Stand ja allerhöchstens als Zwischenstand einer langfristigen Automatisierung der Pflege sehen, egal ob in der Körperpflege als auch Alten- , Kranken- oder auch Demenzkrankenbetreuung.



    Klar scheint, die Demographie gibt die Richtung vor, und unter realistischen Aspekten wird es ja gar keinen anderen Weg geben, als Menschen durch Maschinen zu jnterstützen. Sowohl die menschlichen Pfleger als auch die Patienten und Alten. Wenn man mich fragen würde, wer mich im Alten- und Pflegeheim mal waschen und körperlich unterstützen soll, meine Antwort wäre klar: "Eine (geduldige) Maschine wäre mir lieber als eine unter Zeitdruck stehende Pflegekraft."



    Von der Pflegequalität und Hygiene her oder auch der Kommunikation mal ganz abgesehen; denke mit Grausen an die Pflegerin der Schwiermutter zurück, sprachlich emotional nicht gerade top. Somit: Wir müssen das als notwendige Chance betrachten

    • @Tom Farmer:

      Aber ist das nicht eine totale Problemverschiebung?



      Überlastete und ungeduldige Pflegekräfte sind doch kein Naturgesetz, sondern schlicht und einfach ein Systemversagen.

      Die eigentliche Frage müsste doch sein, warum wir Pflege so chronisch unterfinanzieren und -besetzen, dass Menschen unter so einem enormen Druck arbeiten müssen.



      Roboter, die emotionale Nähe simulieren, lösen den Pflegenotstand auch nicht - sie machen dann das Problem eben unsichtbar für die Politik und die Beteiligten.



      Wer wirklich Würde im Alter will, sollte vielleicht eher für kostenlose Hebe-, Lift- und Assistenzsysteme eintreten, die Pflegekräfte körperlich entlasten.



      Dann hätten diese auch wieder Zeit für das, was Maschinen nicht können: echte menschliche Zuwendung.



      Wenn man mich fragen würde, wer mich im Alten- und Pflegeheim mal pflegen und sich um mich kümmern soll, wäre meine Antwort lieber ein zugewandter Mensch, der dafür gut bezahlt und unter fairen Arbeitsbedingungen arbeitet, genug Rente bekommt und ausreichend Freizeit hat, als ein seelenloser Plastikroboter, der aus betriebswirtschaftlicher Effizenz den menschlichen Kontakt ersetzt.

  • Nein, da bin ich raus. Mit menschenähnlichen Maschinen sprechen? Niemals. Wenn so die Zukunft in der Pflege aussieht ist es schlecht um unsere Gesellschaft bestellt. Lückenbüßer, Platzhalter, kostengünstige Vollstrecker, mehr sind diese Dinger nicht.