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Psychologin über Verbitterung im Alter„Das Erleben von Wut nimmt im Alter ab“

Alte Menschen sind Griesgrame oder Grantler, dieses Vorurteil hält sich hartnäckig. Doch stimmt das? Die Gerontopsychologin Eva-Marie Kessler klärt auf.

Über keine Altersgruppe so viele (teils widersprüchliche) Stereotype wie über alte Menschen, sagt Eva-Marie Kessler Foto: Florian Kresse/plainpicture

Interview von

Laura Patz

taz: Frau Kessler, was ist dran am Bild vom mürrischen Alten? Ist Verbitterung ein Altersphänomen?

Eva-Marie Kessler: Gegenfrage: Wann ist Ihnen im letzten Jahr so eine Person tatsächlich begegnet? Und haben Sie in den letzten zwölf Monaten keine meckernde Person um die 40 getroffen? Trotz vielfältiger Verlusterfahrungen ist die Mehrheit älterer Menschen erstaunlich zufrieden mit dem Leben. Wenn wir unsere Lebenszeit als begrenzt wahrnehmen, richten wir den Fokus nämlich auf Wohltuendes und Sinnhaftes, vermeiden Stress und Kräftezehrendes. In der Alternspsychologie sprechen wir vom Positivitätseffekt.

Bild: Jens Jeske
Im Interview: Eva-Marie Kessler

leitet als Psychologische Psychotherapeutin die Hochschulambulanz „Psychotherapie im Alter“ der Medical School Berlin. Im Projekt „Vision-Age“ (www.vision-age.de) bietet sie alterssensible Online-Gruppenpsychotherapie an.

taz: Das ist ja auch noch der Begriff „altersmilde“. Ist eigentlich also das Gegenteil der Fall? Werden Menschen mit dem Alter besonnener?

Kessler: Für keine Altersgruppe gibt es so viele – auch widersprüchliche – Stereotype wie für ältere Menschen. Natürlich kann und sollte man sich immer fragen, wie viel Wahrheit in Stereotypen, so auch Altersstereotypen, steckt. Aber damit kommt man der Wahrheit über die Vielfältigkeit des Alters nicht näher. Wenn man sich stark von Stereotypen leiten lässt, werden sie zur selbsterfüllenden Prophezeiung und wir behandeln ältere Menschen dann immer entsprechend.

taz: Wenn man im Alter Bilanz über das Leben, vielleicht auch über Versäumnisse, zieht, einsamer wird oder wütend auf die sich verändernde Welt ist – w äre das nicht Anlass, zu verbittern?

Kessler: Jeder Mensch braucht bei der Aufarbeitung der eigenen Biografie ein Gegenüber, das zuhört, Fragen stellt und einem so dabei hilft, sich selbst zu verstehen und zu akzeptieren. Wut ist tatsächlich aber eine sehr kräftezehrende Emotion. Unser physiologisches System wird mit dem Älterwerden unflexibler, der Blutdruck steigt in Stresssituationen schneller an. Älter werdende Körper reagieren darauf: Das Erleben von Wut nimmt im Alter nachweislich deutlich ab.

taz: Der typische Griesgram ist für mich nicht nur alt, sondern auch männlich. Sind Männer prädestiniert für Verbitterung?

Kessler: Auch dafür gibt es keine wissenschaftlichen Beweise. Depressionen etwa kommen bei Frauen – auch im Alter – fast doppelt so häufig vor wie bei Männern.

taz: Was ist mit Altersdepressionen? Legt nicht auch der Begriff nahe, dass Zufriedenheit im Alter auf der Kippe steht?

Kessler: Altersdepression ist ein irreführender Begriff, denn er suggeriert, dass Alter der Grund für Depression wäre. Man unterscheidet zwischen Late-Onset-Depressionen, die im Alter zum ersten Mal auftreten, und Early-Onset-Depressionen, die auch in der ersten Lebenshälfte schon bestanden. Beide Phänomene kommen etwa gleich häufig vor. Leichtere depressive Beschwerden sind bei älteren Menschen allerdings deutlich häufiger. Auch sie können behandlungsbedürftig sein, weil sonst das Risiko besteht, dass sie in eine schwerere Form umschlagen.

taz: Was können Angehörige tun, wenn sie merken, dass Partner:in, Schwester oder Vater ständig unzufrieden sind?

Kessler: Unserem Gegenüber dieses Verhalten zu spiegeln, kann ein Augenöffner sein. Wenn das „Meckern“ im Rahmen einer Depression vorkommt, ist es aber wichtig, keine Schuldgefühle zu erzeugen – nach dem Motto: „Jetzt hör einfach mal auf, du bemühst dich gar nicht, auch mal das Positive zu sehen“. Es muss die innere Situation des Betroffenen anerkannt werden – etwa: „Ich sehe, in welcher Lage du steckst“ – ohne dass man sich vom depressiven Weltbild anstecken lässt. Auch konkrete Hilfsangebote sind wichtig. Und: immer auch kleine positive Veränderungen wahrnehmen und dafür Anerkennung zeigen.

taz: Was muss passieren, damit man zufrieden älter wird?

Kessler: Als älterer Mensch steht man vor der Entwicklungsaufgabe, positive Erinnerungen im Leben, Erfolge, aber auch Enttäuschungen und Niederlagen wahrnehmen zu können. Die Versöhnung mit negativen Aspekten der eigenen Biografie ist wichtig, um nicht das Gefühl zu haben, noch einmal leben zu müssen, und darüber in Verzweiflung zu stürzen. Wenn man alles das unter einen Hut bekommt, führt das zu mehr Selbstakzeptanz und neuer Energie für die Zukunft.

taz: Wie hingegen entsteht Verbitterung?

Eva-Marie Kessler: Verbitterungsreaktionen treten auf, wenn Menschen Herabwürdigung erlebt haben, Vertrauensbrüche oder Ungerechtigkeit, sei es im beruflichen oder privaten Kontext. Wenn Verbitterung pathologisch wird, sprechen wir von einer „Posttraumatischen Verbitterungsstörung“ (PTED). Menschen mit einer solchen Störung werden oft als Querulanten – ja, vielleicht als Griesgram – wahrgenommen. Ihr Erleben ist beherrscht von Wut, Zorn, Feindseligkeit, Enttäuschung und Scham. Mir ist aber keine klare Evidenz dafür bekannt, dass PTED im Alter häufiger auftritt als in jüngeren Altersgruppen.

taz: In Ihrer Hochschulambulanz wird auch „Lebensrückblicktherapie“ praktiziert. Was hat es damit auf sich?

Eva-Marie Kessler: Dieser Therapieansatz ist vor allem geeignet bei Patienten:innen, die mit der Vergangenheit hadern. Für solche, die ständig Vergleiche ziehen zwischen dem Leben, wie es ist, und dem, wie es hätte sein können. Diese Pa­ti­en­t:in­nen suchen oft nach Erklärungen für ihr Gewordensein, ohne dabei eine befriedigende Antwort zu bekommen. Ziel ist es, Scham- und Schulderleben abzubauen und ein flexibleres, positiveres, differenziertes Narrativ vom Selbst zu entwickeln. Dazu lernen die Pa­ti­en­t:in­nen auch, negative autobiografische Erlebnisse in ihrer Bedeutung für die eigene Lebensgeschichte wahrzunehmen und zu verstehen.

taz: Kann man schon in jungen Jahren seelische Resilienz für das Alter aufbauen?

Eva-Marie Kessler: Zahlreiche Studien belegen, dass die Wahrnehmung und Bewertung des eigenen Älterwerdens einen entscheidenden Einfluss auf das tatsächliche Älterwerden hat. Wir sollten deshalb schon früh anfangen, unser eigenes Altern lieben zu lernen.

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8 Kommentare

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  • Meine Erfahrung ist, es gibt zwei Arten von Menschen: Die einen sind immer zufrieden und die anderen immer unzufrieden und zwar unabhänigig davon, ob sie (materiell) reich oder arm sind. Aktuelle Ereignisse (ob gut, z.B. eine Beförderung oder schlecht, z.B. die Kündigung des Arbeitsverhältnisses) ändern diese Grundhaltung nur kurz. Und diese Grundhaltung ist unabhängig vom Alter.

  • Man wird mit der Zeit einfach entspannter, alles was heute als außerordentliche Krise empfunden wird, habe ich schon einmal ähnlich erlebt und trotzdem wurde fast alles wieder gut. Weder hat uns in den 80er Jahren der Iwan überfallen, noch hat uns das Ozonloch gegrillt und auch das Öl ist nicht ausgegangen. Mir fehlt einfach ein bisschen mehr Optimismus, wir leben in wunderbaren Zeiten, seit 80 Jahren gab es keinen Krieg auf deutschem Boden das gab es noch nie.

  • "Jeder Mensch braucht bei der Aufarbeitung der eigenen Biografie ein Gegenüber, das zuhört, Fragen stellt und einem so dabei hilft, sich selbst zu verstehen und zu akzeptieren"



    Das war eine der Grundannahmen des Philosophen Martin Buber, die nichts an Aktualität verloren hat.



    "Bubers Überlegungen zum Dialog von Ich und Du entstammen dem Chassidismus (vgl. Akrap 2011, S. 175) wie der Theologie Eckharts von Hochheim (vgl. Flasch 2005, S. 151). Er differenziert zwischen Ich-Es- und Ich-Du-Beziehungen und Gott, dem ewigen Du. Martin Buber schreibt:



    „Die Welt ist dem Menschen zwiefältig nach seiner zwiefältigen Haltung. Die Haltung des Menschen ist zwiefältig nach der Zwiefalt der Grundworte, die er sprechen kann. Die Grundworte sind nicht Einzelworte, sondern Wortpaare. Das eine Grundwort ist das Wortpaar Ich-Du. Das andere Grundwort ist das Wortpaar Ich-Es; wobei, ohne Änderung des Grundwortes, für Es auch eines der Worte Er und Sie eintreten kann. Somit ist auch das Ich des Menschen zwiefältig. Denn das Ich des Grundworts Ich-Du ist ein andres als das des Grundworts Ich-Es“ (Buber 2021 [1923], S. 7)."



    Quelle



    kindergartenpaedagogik.de



    Es ist nie zu früh u. nie zu spät f. Kommunikation

  • Ich habe im Alter mehr Zeit, genauer zu beobachten das Wahrgenommene zu verarbeiten. Verdrängen habe ich leider nie gelernt, daher werde ich eher immer wütender.



    Allerdings habe ich gelernt, meine Wut so weit zu kontrollieren, dass sie nur mich alleine schädigt.

    • @Erfahrungssammler:

      @ Erfahrungssammler



      Schonmal mit Bildhauerei probiert ? Freude, Glück, Wut lässt sich supi gut kreativ nutzen 🎭 ✨️🎨🎈🏛⛩️🎠 😇

  • Wer sich die Gegenwart und vor allem den Zustand der Natur (aber auch der Menschen) und alles was die Menschheit angerichtet hat wirklich so richtig rein zieht, der dürfte nichts anderes als verbittert sein.



    Ich mache das gerne, ich will der Realität in die Augen sehen. Und wenn ich dann Leuten meine Sicht erzähle, dann bekomme ich unter anderem zu hören: sag mal, schlägt dir das nicht aufs Gemüt?



    Das bedeutet: die meisten Menschen lenken sich ab und ziehen dich die Realität NICHT rein. Weil das ja aufs Gemüt schlägt. Wunschdenken beherrscht sie (und beherrschte auch mich).



    Wir müssten alle total verbittert sein. Alles andere ist Ablenkung!



    Gleichzeitig muss ja irgendwo Motivation her kommen. Woher schöpft man die, angesichts aussichtsloser Perspektiven? Aus Ablenkung heraus nicht. Aus Schönreden auch nicht. Aus Glaube und Vertrauen schon eher. Aber nicht der Glaube an Technologien (die alles besser machen werden 😂😂😂!).



    Die Erde wird es schon richten, das hat sie immer getan. Die Natur ist verlässlich. Und wenn wir uns unsere Aufgabe gewahr werden, dann erkennen wir auch unseren Weg.



    Man kann nur volle Kraft voraus in eine wünschenswerte Zukunft investieren.

    • @Marc Seeger:

      Mal Schiller Friedrich & die müffelnden Äpfel:



      “Herr - dunkel war der Rede Sinn



      Sie wiesen auf den Ofen hin:



      Der ist besorgt und aufgehoben!



      Der Graf wird seine Diener loben!“

  • Eine gewisse Unzufriedenheit bei Älteren, besonders bei Rentnern kann ich sehr gut nachvollziehen, denn wenn man in ein Alter kommt, in dem man normalerweise keinen Erwerbstätigkeiten mehr nachgeht, stellt sich die Frage, wofür und wovon man lebt, also was eigentlich die eigene Lebensbilanz ist. Gerade ärmere Ältere ohne tragfähige familiäre Bindungen, also ohne Kinder und Enkel, drohen dann, in eine emotionale Abwärtsspirale zu geraten. Vereinsamung ist dabei ein sehr wichtiges Thema. Das Thema "Wut" spielt dabei wahrscheinlich gar keine große Rolle, denn auf wen sollte man wütend sein? Auf die Politik? Die hat schon immer viele Menschen enttäuscht, besonders die, die nicht zu den obersten paar Prozent der wirtschaftlich und sozial Gutgestellten gehören - und das sind leider zu viele.