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Übersetzerin über literarische Texte„Leichte Sprache verändert Ästhetik auf der Bühne“

Anne Leichtfuß hat die antike Tragödie „Antigone“ in Leichte Sprache übersetzt. Sowas verändert den demokratischen Diskurs, sagt die Übersetzerin.

Kurze, prägnante Sätze: Johanna Kappauf als Antigone in der Version der Münchner Kammerspiele im Jahr 2023 Foto: Judith Buss/KAmmerspiele München

Interview von

Wilfried Hippen

taz: Frau Leichtfuß, Sie haben „Antigone“ für eine Inszenierung der Münchner Kammerspiele in Leichte Sprache übersetzt. Wie haben Sie das gemacht?

Anne Leichtfuß: Die Übersetzung von einem literarischen Text in Leichter Sprache funktioniert ja ganz anders als die Übersetzung von einem Gebrauchstext. Ich habe noch vor meiner Textarbeit Menschen aus der Zielgruppe zusammengeholt und wir haben über das grundsätzliche Setting gesprochen: Wer sind die Personen? Wie lange ist das her und wie war das politische Konstrukt in dieser Zeit? Dann habe ich geguckt, wie viel davon muss ich wie erzählen, damit die Handlung auf der Bühne gut verstanden wird. Zum Beispiel gibt es in dem Stück einen Seher, und keine von den Prüfpersonen wusste, was ein Seher macht.

taz: Wer war denn in dieser Gruppe von Prü­fe­r:in­nen dabei?

Leichtfuß: Die Prüfpersonen sind Menschen, die selber Bedarf an Leichter Sprache haben. Das sind Menschen mit Down-Syndrom, Menschen mit anderen Lernmöglichkeiten und Menschen mit geringen Deutschkenntnissen.

Bild: Britt Schilling
Im Interview: Anne Leichtfuß

geboren 1978, ausgebildete Buchhändlerin, Dolmetscherin und Übersetzerin für Leichte Sprache. Sie betreibt den Blog „Einfachstars“, wo sie Aktuelles über Stars in Leichter Sprache veröffentlicht. Mit der Seite www.corona-leichte-sprache.de wurde Leichtfuß 2021 für den Grimme Online Award nominiert. Ihre Übersetzung von „Antigone“ ist im Gans Verlag erschienen.

taz: Mögen Sie kurz definieren, was Leichte Sprache für Sie bedeutet?

Leichtfuß: Leichte Sprache ist eine vereinfachte Form des Deutschen. Das Ziel ist, dass in einer Demokratie alle Menschen die Chance haben sollen, mitzureden und mitzubestimmen. Dazu müssen sie verstehen, was rund um sie herum passiert. Seit 2009 gibt es dafür das erste feste Regelwerk dafür in Deutschland.

taz: War es schwierig, die Leichte Sprache im öffentlichen Leben durchzusetzen?

Leichtfuß: Ja! Bis vor etwa zwei Jahren gab es zum Beispiel in Deutschland kein tägliches Nachrichtenformat in Leichter Sprache. Egal was passierte: eine weltweite Pandemie oder ein Krieg in der Ukraine – es gab keine tagesaktuellen Nachrichten, die für etwa 14 Millionen Menschen in Deutschland verständlich waren. Darum habe ich mit Menschen aus der Zielgruppe eine Petition gestartet, die ein tägliches Nachrichtenmagazin in leichter Sprache forderte. Jetzt gibt es die Tagesschau in einfacher Sprache und ich merke an den Gesprächen mit den Kol­le­g:in­nen aus meiner Prüfgruppe, dass sich zum Beispiel die Themen total verändert haben, weil sie jetzt mitkriegen, was gerade im Diskurs ist und worüber sich alle unterhalten.

taz: Wie waren denn die Reaktionen auf die Inszenierung von Antigone als „Anti.Gone“ in München?

Leichtfuß: Der größte Teil der Rückmeldungen waren positiv. Besonders greifbar war das bei den Publikumsgesprächen. Da waren immer wieder Menschen dabei, die gesagt haben: Ich gehe sonst nie ins Theater und jetzt habe ich zum ersten Mal verstanden, worum es dabei geht. Aber im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung ist die Inszenierung total verrissen worden. Da ging es etwa darum, dass die Feinheiten der deutschen Sprache verloren gehen, oder ob die Menschen überhaupt noch kognitiv gefordert seien, wenn es alles auch in Leichter Sprache geben würde.

Lesung

Anne Leichtfuß über ihre Übersetzung von Sophokles’ „Antigone“ in Leichter Sprache, 27. April, 20 Uhr, Literarischer Salon, Conti-Foyer, Königsworther Platz 1, Hannover

taz: Da wurde also nicht kritisiert, dass Sie es nicht gut gemacht haben, sondern dass es überhaupt gemacht wurde?

Leichtfuß: Genau. Ich finde, diese Diskussion geht am Thema vorbei, weil die Leichte Sprache ja eine ganz klare Zielgruppe hat. Aber viele Kri­ti­ke­r:in­nen tun so, als würde man in Zukunft nur noch diese Art von Theater machen. Dabei gibt es die Auswahl zwischen Hunderten von Inszenierungen des Stücks in komplexer Sprache und der einen von uns.

taz: Dies war ja 2023 die erste Inszenierung eines Theaterstücks in Leichter Sprache in Deutschland.

Leichtfuß: Inzwischen hat zum Beispiel das Nationaltheater Mannheim „Faust“ in Leichter Sprache gemacht. Es ist interessant, wie sich da neben der Sprache auch die Zugänge und die Ästhetik auf der Bühne verändern. Das ist ein Pionierfeld, auf dem man große Freiheiten hat und viel ausprobieren kann.

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