: Künstliche Intelligenz verschlingt den Journalismus
Mit der Nutzung von KI füttern Medienschaffende ein Monster, das immer mehr zu ihrer Bedrohung wird. Rette, wer kann, kritisches Urteilsvermögen und Glaubwürdigkeit
Von Stephan Weichert
Als Jürgen Habermas im Jahr 2022 noch einmal zur Feder griff, um über den Zustand der Öffentlichkeit nachzudenken, tat er etwas Ungewöhnliches: Ein Denker, der sein Lebenswerk längst geschrieben hatte, kehrt zu seinem zentralen Thema zurück – als wolle er prüfen, ob die Grundlagen demokratischer Öffentlichkeit noch tragen. Sein berühmtes Buch über den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ erschien bereits 1962 und beschrieb die Entstehung eines bürgerlichen Diskursraums, in dem private Menschen über politische Fragen stritten.
60 Jahre später klingt dieser Ton verhaltener. In seinem Essay „Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit“ analysierte Habermas eine Kommunikationsordnung, in der sich Öffentlichkeit in Plattformen, Algorithmen und personalisierte Informationsströme auflöst – und damit jene gemeinsame Aufmerksamkeit verliert, auf der demokratische Verständigung einst beruhte. Ihn beunruhigten diese Phänomene in einer Zeit, in der soziale Netzwerke noch als zunehmend toxisches Gefüge öffentlicher Kommunikation galten. Nur wenige Jahre später verschiebt sich seine Gegenwartsdiagnose erneut. Denn inzwischen greift eine schillernde Technologie in diese krisenanfällige Architektur ein: die künstliche Intelligenz. Während soziale Medien die Öffentlichkeit zersplitterten, beginnen KI-Systeme sie allmählich zu synthetisieren. Texte, Bilder und Antworten entstehen zunehmend in maschinellen Dialogfenstern die Informationen verdichten und rekombinieren.
Der Öffentlichkeitsbegriff, von dem Habermas ausging, beruhte bekanntlich auf gemeinsamen Wirklichkeitszuschreibungen. Zeitungen, Rundfunk und später auch digitale Medien bildeten dafür ein verlässliches Ordnungssystem, das zumindest grundsätzlich nachvollziehbar blieb. Man konnte erkennen, wer eine Information recherchiert hatte, wer für ihre Veröffentlichung verantwortlich war und in welchem institutionellen Kontext sie steht. Genau diese Zuordnung beginnt in der KI-vermittelten Kommunikationsordnung unkenntlich zu werden. Nachrichten erscheinen heute immer häufiger nicht mehr als Artikel oder Sendung, sondern als Antwort in einem Chatfenster. Diese Outputs wirken plausibel und vollständig, doch ihr Ursprung bleibt intransparent. Meist bestehen sie aus Fragmenten journalistischer, wissenschaftlicher oder politischer Inhalte, die von algorithmischen Systemen neu zusammengepuzzelt werden.
Diese Verlagerung hat eine paradoxe Folge. Während Redaktionen generative KI-Systeme einsetzen, verlieren sie gleichzeitig an Sichtbarkeit. Reichweite entsteht immer seltener im Austausch zwischen Redaktion und Publikum, sondern über Plattformen und KI-Interfaces. Gerade jene journalistischen Leistungen, die Zeit, Präsenz und Präzision erfordern – Recherche vor Ort oder investigative Arbeit –, geraten dadurch unter Druck. Wie tief dieser Wandel inzwischen in den Redaktionsalltag hineinreicht, zeigte ein Vorfall beim ZDF: In einem Beitrag des „heute journals“ wurden KI-generierte Bilder und falsch kontextualisiertes Material verwendet – ohne Kennzeichnung. Die Redaktion entschuldigte sich, die verantwortliche Korrespondentin wurde abgezogen. Der Vorgang wurde schnell als „Medienpanne“ definiert, als handwerklicher Fehler, der durch strengere Kontrollmechanismen künftig verhindert werden solle.
Man könnte solche Vorfälle – jüngst auch beim Spiegel oder im Ippen-Verlag – als eine Serie unglücklicher Einzelfälle abtun. Doch genau das wäre fatal. Sie markieren vielmehr den Beginn eines Musters, das sich in den kommenden Monaten immer häufiger im Redaktionsalltag zeigen dürfte. Denn sichtbar wird hier weniger ein technisches als ein kulturelles Problem: Der Journalismus hat sich über Jahrzehnte daran gewöhnt, technologische Umbrüche vor allem als Effizienzfragen zu behandeln. Neue Software, neue Plattformen, neue Distributionswege – all das wurde meist als pragmatische Anverwandlung an eine sich transformierende Medienökonomie interpretiert. Mit der KI funktioniert diese Methode nun nicht mehr. Denn LLMs (Large Language Models für sehr lange Texte) sind keine weitere Produktionsstufe in der Redaktionsroutine: Mit jedem Prompt studieren KI-Sprachmodelle journalistische Texte, Interviewtranskripte, Analysen, Kommentare oder Reportagen. Sie lernen schleichend das Metier des Journalismus – und das mit einer Akribie und Geschwindigkeit, die kein Mensch je erreichen könnte.
Ironischerweise beteiligt sich die Branche ganz freiwillig an diesem Prozess. Journalisten, PR-Leute und Mediennutzer füttern KI-Systeme täglich mit teils vertraulichen Fragen, Dokumenten und Texten. Jeder Prompt wird Teil eines Trainingsprozesses, in dem die Maschinen lernen, wie journalistische Argumentation funktioniert – und beginnen, journalistische Denkweisen zu modellieren.
Der österreichische Publizist A. H. Kober sprach vor rund 100 Jahren von der „Seele des Journalisten“ – jener gesunden Mischung aus Skepsis, Erfahrung und Urteilskraft, die sich im Laufe eines Berufslebens bildet. Genau diese Seele steht nun zur Disposition, wenn Recherche, Strukturierung und Formulierung zunehmend automatisiert werden. Die Reaktion vieler Medienhäuser darauf wirkt verblüffend unentschlossen. Einerseits wird KI enthusiastisch als Produktionsbooster gefeiert, andererseits rhetorisch verharmlost – als „Assistent“, „Sparringspartner“ oder „Tool“. Diese Beschwichtigungsrhetorik lässt eine Digitaltechnologie harmlos erscheinen, deren strukturelle Folgen gerade für Öffentlichkeit und Demokratie heute schon erheblich ist.
Besonders sichtbar wird diese Zögerlichkeit im Umgang mit Big Tech. Denn während Journalisten endlich darüber diskutieren, ob sie ihre Inhalte weiterhin auf dysfunktionalen und süchtig machenden Plattformen wie Tiktok, LinkedIn oder Instagram schaufeln sollten, etabliert sich mit der KI längst die nächste Suchtschnittstelle: In der neuen Vertrauensökonomie entsteht Bindung zunehmend dort, wo individuelle Chatverläufe generiert werden – nicht mehr dort, wo redaktionelle Artikel oder Fernsehnachrichten erscheinen. Ein Blick auf die strategischen Debatten in den USA zeigt, wohin diese Entwicklung führen könnte. Der Gründer Jim VandeHei des US-Nachrichtenportals Axios formulierte das kürzlich ungewöhnlich offen: In einer Welt voller KI-generierter Inhalte werde sich jener Journalismus durchsetzen, den Maschinen nicht ersetzen können: Während KI den Durchschnittsjournalismus zunehmend automatisiere, steige der Wert derjenigen, die über Expertise, Quellenkenntnis und Glaubwürdigkeit verfügten.
Stephan Weichert
ist Medienwissenschaftler, Publizist und Gründungsdirektor des in Hamburg ansässigen VOCER-Instituts für Digitale Resilienz.
In dieser Stringenz führt das zu einer radikalen Zweiteilung des Marktes. Auf der einen Seite entsteht eine unausweichliche Flut seelenloser Inhalte – schnell produziert, billig, blutleer. Auf der anderen Seite bleibt ein kleiner Kern journalistischer Arbeit übrig, der sich durch Exzellenz und persönliche Autorität von der Masse abhebt. Für viele Medienhäuser bedeutet das, sich einer unbequemen Wahrheit zu stellen: Die eigentliche Konkurrenz für Journalismus ist nicht die generative KI. Es ist der mittelmäßige Journalismus, den die Maschinen problemlos ersetzen können.
Zwei Jahrzehnte lang dominierte der Trugschluss, Journalismus müsse auf Social-Media-Plattformen erfolgreich performen, um junge Zielgruppen an ihren digitalen Kontaktpunkten zu erreichen. Der Preis dieser Anbiederungstaktik ist inzwischen offenkundig: Medienhäuser produzierten unablässig Inhalte für Plattformen, deren Algorithmen permanenten Narzissmus belohnen, während sie die publizistische Autorität systematisch untergraben. Was lange als notwendige Anpassung in der Plattformökonomie galt, erscheint im Rückblick eher wie kollektiver Selbstmord – oder zumindest wie ein reichlich missglücktes Experiment der professionellen Selbstentstellung.
Während der Journalismus noch zaghaft versucht, seine Rolle zwischen Influencertum und Creator-Economyauszubalancieren, verschiebt sich die Konfliktlinie bereits weiter: Mit KI entsteht eine neue Ebene öffentlicher Kommunikation. Damit schiebt sich ein neuer Gatekeeper öffentlicher Kommunikation dazwischen - und verschiebt damit auch die Verantwortungslücke weiter. Wenn Inhalte zunehmend automatisiert vorbereitet, strukturiert und verbreitet werden, stellt sich zwangsläufig die Frage: Wer entscheidet, welche Bilder verwendet werden? Wer überprüft Quellen? Wer trägt die letzte Verantwortung?
Die Antwort auf diese Fragen ist keine technische, sondern vielmehr eine institutionelle. Kennzeichnungspflichten und Leitlinien sind wichtige Schritte, greifen aber oft zu kurz: Viele Redaktionen berufen sich auf realitätsferne KI-Kodizes, die zwar hübsch klingende Prinzipien formulieren, ohne aber verbindlich zu klären, wie Verantwortung im konkreten Produktionsprozess tatsächlich organisiert wird. Der Journalismus steht damit vor einer Entscheidung, die größer ist als jede philosophische KI-Debatte. Er kann versuchen, KI-Technologie innerhalb bestehender Produktionsabläufe einzubinden – und riskiert damit erneut, sich tiefer in die Logik der Algorithmen zu verstricken. Oder er begreift generative KI als das, was inzwischen aus ihr geworden ist: eine wirkmächtige Maschinerie der Wirklichkeitsproduktion, die grundlegende Reformen institutioneller Rechenschaft erzwingt – manche, wie der US-Politiker Bernie Sanders, plädieren sogar für ein Moratorium der globalen KI-Entwicklung.
Klar ist: Der Journalismus arbeitet an einer kommunikativen Architektur mit, die immer besser darin wird, seine Denk- und Arbeitsweisen zu imitieren. Das große Fressen beginnt also nicht erst dann, wenn ganze Redaktionen demnächst aus Effizienzgründen verschwinden. Es beginnt viel früher – nämlich in dem Moment, in dem die Leitplanken öffentlicher Kommunikation ihre Konturen verlieren, weil die KI-Systeme aus journalistischer Arbeit lernen, um sie anschließend ohne menschliche Journalisten weiterzuführen.
Vermutlich wird Journalismus trotz dieser eigenwilligen Dynamik noch lange seinen Job erledigen. Aber er ist dann nicht mehr die Referenzgröße demokratischer Erwartungen der Bürger, sondern ein Residuum – eine Rohstoffquelle unter vielen. Vielleicht besteht die Ironie dieser Entwicklung darin, dass der Journalismus an einer Infrastruktur mitbaut, die ihn am Ende selbst verschlingt. Nach Jahren digitaler Entfremdung wäre dies der letzte Wandlungsakt eines Metiers, das lange glaubte, schrille Selbstinszenierungen gegen kritisches Urteilsvermögen eintauschen zu können.
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