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Warum der Wal so besonders istKein Herz für Sardinen

Unsere Autorin ist in ein Gespräch über die Wertigkeit von Tieren und Menschen verwickelt. Am Ende geht's wie immer ums Geld.

Warum lassen sie ihn nicht einfach in Ruhe? Gestrandeter Wal in der Wismarer Bucht Foto: Jens Büttner/dpa

W arum ist dieses Ding mit dem Tier für manche so eine Riesensache?“, fragt die Freundin und kaut auf einem Grashalm.

„Dass sie das wichtiger nehmen als Menschenwohl?“, sagt der Freund.

„Oder dass ein Tier eine ganz andere Relevanz hat als ein anderes“, sagt die andere Freundin.

„Weil es niedlicher ist?“ „Größer!“

„Mitfiebern erzeugt Bindung.“ „Aber ein Wal ist ja kein Fußballverein.“

Eine „Fremdkatze“ ist emotional neutral

„Tier ist moralapostolisch nicht gleich Tier, manchmal ist Spezies nicht mal gleich Spezies.“ „Stimmt, wenn die Nachbarskatze einen Vogel killt, bin ich verstört, würde meine Katze das tun, wär ich irgendwie okay damit.“ „Weil deine Katze zu deiner Ingroup-Bias gehört, die Fremdkatze ist emotional neutral, voll in der Outgroup.“

„Deine Katze darf doch gar nicht raus.“ „Natürlich nicht, sie könnte überfahren werden.“ „Es werden ständig Tauben überfahren!“ „Das kratzt niemanden.“ „Würde ich es sehen, würde es mich kratzen.“

„Und eben das ist das Ding mit dem Wal.“ „Niemand will beim Sterben zusehen.“ „Wenn Menschen ertrinken, sieht kaum noch jemand hin.“

„Vielleicht ist dieser Wal ein Stellvertreter.“ „Das kollektive Tierwohl-Gewissen als Substitut für die Ausblendung gegenüber menschlichem Leid und Sterben im Meer.“

„Das Problem beim menschlichen Gehirn ist ja, dass es eben kein Moral-Computer ist, es ist voll der emotionalen Unlogik.“

Erst Enten füttern, dann Ente essen

„Ich war mal in München.“ „Und?“ „Da hab ich am Wasser Enten gefüttert und direkt danach waren wir im angrenzenden Restaurant und ich habe Ente mit Knödeln gegessen.“ „Hat es geschmeckt?“ „Sehr. Darüber war ich verwundert.“

„Die gefütterte Ente war emotionalisiert, die gefutterte neutralisiert.“ „So einfach ist das?“ „Moral schlingert im Kontext.“ „Und sie lässt sich aktiv umdenken.“

„Ja, und so funktioniert Rassismus.“ „Wer andere entmenschlicht, kann sich vormachen, moralisch richtig zu handeln, wenn er diskriminiert, angreift oder tötet.“ „Psychologisch diabolischer Trick, entschuldigt gar nix.“

„Lebt der Wal eigentlich noch?“ „Ich klick’ das nicht mehr an.“ „Das Tier wirkt suizidal.“

Es ist leichter moralisch richtig zu handeln, wenn man viel Knete hat

„Warum lassen die den nicht in Ruhe?“ „Zu groß.“

„Meint ihr, die Sardinen sind schon tot, wenn man die in die Büchse stopft und dicht macht?“ „Miniatur-Massengrab in Olivenöl. Fand ich immer weird.“

„Aber ne Solo-Dorade frei liegend auf deinem Teller ist ok?“ „Nee, ich esse nichts im Ganzen.“ „Ja zum Chicken McNugget, nein zum Suppenhuhn?“

„Ein ganzes Tier sieht so tot aus.“ „Schlemmerfilet Bordelaise ist auch sowas von tot.“

„Ich wünschte, ich könnte vegan, aber ich hab Angst, dass ich dann Mangelzustände bekomme.“ „Vitamin B12?“ „Nee, die Liebe meiner Oma, die hat mich mit Fisch und Fleisch großgezogen.“

„Sieht sie dir aus dem Himmel zu?“ „Die ist drin in meinem Herzen.“ „War sie ein guter Mensch?“ „Weiß nicht, hat nie Bio gekauft, meinte, die Sachen seien faulig.“

„Ist es moralisch hohes Level, wenn man nur Bio kauft?“ „Auf jeden Fall hohes Einkommenslevel.“ „Es ist leichter moralisch richtig zu handeln, wenn man viel Knete hat.“

„Moralisch sicherer, nicht zu versuchen, reich zu werden.“ „Zu guter Letzt muss man mit den Millionen einen Wal retten, um wieder zur richtigen Ingroup zu gehören.“ „Zu welcher?“ „Zur viralen Liebesgruppe.“

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Jasmin Ramadan
Jasmin Ramadan ist Schriftstellerin in Hamburg. Ihr neuer Roman „Reality“ ist 2025 im im Weissbooks Verlag erschienen. 2020 war sie für den Bachmann-Preis nominiert. In der taz verdichtet sie im 4-Wochen-Takt tatsächlich Erlebtes literarisch.
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