Besuch in der Sperrzone: Im Bauch des Monsters
40 Jahre nach der Katastrophe ist Tschornobyl ein Arbeitsplatz: bewacht, verstrahlt – und seit einem russischen Drohnenangriff wieder akut gefährdet.
N adelwald, so weit das Auge reicht. Vögel zwitschern. Hier herrscht absolute Ruhe. Die Luft ist frisch und sauber – nicht so wie hundert Kilometer weiter, in der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw. Friedlicher könnte es nicht sein. Zusammen mit einem Kollegen, in dessen Auto ich mitfahren kann, sind wir am Kontrollpunkt des Dorfes Dytyatky angekommen. Bekannt ist das Dorf, in dem derzeit noch 500 Menschen leben dürften, weil es die letzte Ortschaft vor der 30-Kilometer-Sperrzone um Tschornobyl ist. Bis Februar 2022 herrschte hier reger Betrieb. Kioske verkauften T-Shirts mit gelbem Radioaktivitätswarnzeichen und „Chernobyl“-Aufdruck darunter. Touristikunternehmen boten Fahrten in die „Zone“ an. Doch seit russische Truppen durch die Sperrzone in die Ukraine eingefallen sind, ist das vorbei.
Am 26. April 1986 kam es im ukrainischen, damals sowjetischen Tschornobyl (russisch Tschernobyl) zum Super-GAU. Eine radioaktive Wolke verseuchte große Teile Europas. 40 Jahre später blickt die taz in einem Schwerpunkt zurück und nach vorn. Die taz verwendet bei ukrainischen Orten grundsätzlich die Schreibweise in Landessprache, nicht die russische – so auch bei Tschornobyl.
Ab dem Kontrollpunkt darf nur weiterfahren, wer eine Erlaubnis hat. Heute eine ganze Fahrzeugkolonne. Auf holpriger Straße bewegt sie sich durch die „Zone“. Dann muss sie halten, für fast eine Stunde. Ein Castortransport auf Schienen hat Vorrang. Mittlerweile bringen alle ukrainischen Atomkraftwerke, mit Ausnahme des AKWs Saporischschja, ihren Atommüll in die Tschornobyl-Sperrzone. Aus Sicht der Atomwirtschaft bietet sie Vorteile: schon verstrahlt, gut bewacht, die Gegend sehr dünn besiedelt. 40 Jahre ist es her, dass von hier die radioaktiven Wolken loszogen und weite Teile Europas mit radioaktivem Regen und Staub belasteten und ungezählten Menschen Krankheiten und frühen Tod brachten.
Dann erreichen wir Tschornobyl. Wer durch den Ort fährt, wundert sich, wie lebendig das Zentrum des Städtchens ist. Fußgänger überqueren die Straße, ein Dönerimbiss lädt zum Besuch ein, Satellitenschüsseln an mehrstöckigen Häusern zeigen, dass hier Menschen dauerhaft leben. Wie viele, dazu gibt es keine offizielle Zahl. Eine Person, die mit dem AKW vertraut ist, sagt der taz, dass es etwa 2.000 Zivilisten seien. Sie arbeiten dort im Schichtdienst. Hinzu kommen Militärangehörige. Kinder sind in Tschornobyl nicht zu sehen. Die Familien leben außerhalb der „Zone“.
Man will zeigen, dass die Reaktorkatastrophe eine sowjetische Sache war
Viel ist nach der Reaktorkatastrophe unternommen worden, um das Leben in Tschornobyl einigermaßen möglich zu machen. Gebäude, Straßen und Plätze wurden abgewaschen und gereinigt. Stark kontaminierter Boden wurde abgetragen und vergraben, Wälder und Pflanzen in der Nähe wurden teilweise entfernt. So ist die Strahlung in der Stadt heute deutlich niedriger als direkt nach dem Unfall.
Dekommunisiert wurde in Tschornobyl, anders als sonst überall in der Ukraine, jedoch nichts. Nach wie vor gibt es eine Sowjetische Straße und eine Leninstraße. So will man zeigen, dass die Reaktorkatastrophe eine sowjetische Sache war.
Weiter geht es vorbei an einem Kühlteich. Mit seinem Wasser sollte man besser nicht in Berührung kommen, es ist hoch verstrahlt. Ein silberner Metallbogen, mit seinen 108 Metern so hoch wie ein 30-stöckiges Gebäude, taucht aus dem Nebel auf. Es ist der neue Sarkophag, der 2016 über den Reaktor 4 des AKWs Tschornobyl gebaut wurde. Notwendig geworden war das 1,5 Milliarden Euro teure Stück, nachdem sich herausgestellt hatte, dass die kurz nach der Reaktorkatastrophe 1986 gebaute Betonhülle, der alte Sarkophag, zunehmend brüchig geworden war.
Dem Reaktor vorgelagert ist ein weißes Verwaltungsgebäude. Vor dessen Eingang erinnern Gedenktafeln an die direkt bei der Reaktorkatastrophe ums Leben gekommenen Feuerwehrleute und Mitarbeiter. Vor dem Eingang lungern mehrere Hunde träge herum. Die Regeln sind streng, denen man sich als Besucher unterwerfen muss, wenn man das Verwaltungsgebäude, den Reaktor und den neuen Sarkophag betreten will: „Lehnen Sie sich nicht an die Wände! Essen und trinken im Freien ist verboten – radioaktiver Staub könnte sich auf Getränk und Mahlzeit absetzen! Sollte Ihnen etwas auf den Boden fallen, lassen Sie es liegen! Erst wenn ein Mitarbeiter vom Strahlenschutz den Gegenstand gemessen hat, dürfen Sie ihn wieder berühren.“
Vor dem Umkleideraum gibt es einen Check-up auf Radioaktivität. Dieser wird später beim Verlassen des Gebäudes als Vergleichswert zu einem weiteren Check-up dienen. Dann bekommt jeder Besucher weiße Kleidung, weiße Handschuhe und Schuhe, weiße Kopfbedeckung, weiße Atemschutzmaske. Durch schier endlose Gänge gelangt man an eine weitere Sicherheitsschleuse. Die Hände erhoben, stellt man sich erneut an ein Messgerät, das den Körperscannern auf Flughäfen ähnelt. Die Tür zum Sarkophag öffnet sich. Ab jetzt, sagt der zuständige Ingenieur, dürfe man auf gar keinen Fall die Atemmaske herunternehmen.
Hier schlummern sie also, die Überreste der Reaktorkatastrophe von 1986: der geschmolzene Reaktorkern, nuklearer Brennstoff, verstrahlte Metallteile und hochgiftige Plutoniumisotope. Der Blick auf die silbern glänzende und fensterlose Innenwand dieser immensen Schutzhülle lässt widersprüchliche Gefühle aufkommen. Da ist zum einen Bewunderung: für eine historische Meisterleistung, ein Gebäude, das einzigartig ist auf der Welt. Diesen neuen Sarkophag hatte man hundert Meter weiter gebaut. Die Bauarbeiten direkt über dem alten, stark strahlenden Sarkophag durchzuführen, wäre für die Arbeiter zu gefährlich gewesen. Über eigens dafür angefertigte Gleise schob man die neue Konstruktion schließlich darüber.
Doch in die Bewunderung mischt sich Bedrücktheit. Ein Blick auf den Geigerzähler verrät, dass die Strahlung hier hundertmal höher ist als in Kyjiw. Lange stehen möchte man hier nicht. Später hat man nur noch einen Gedanken: Möglichst schnell wieder raus hier!
Zunächst geht die Führung aber weiter, zehn Minuten durch fast fensterlose Gänge. Man würde sich alleine in diesem Labyrinth nicht zurechtfinden. Doch wir sind gut behütet: Ein Mitarbeiter des AKWs führt an, drei Soldaten bilden das Schlusslicht. Nicht nur aus Sorge, die Besucher könnten sich verlaufen. Auch um zu verhindern, dass jemand eigenständig loszieht, sich ein eigenes Bild von diesem Ort macht.
Am Eingang zum Kontrollraum des Reaktors 4 steht ein einfaches hellblaues Wählscheibentelefon. Damals, 1986, hatte niemand in Tschornobyl ein Mobiltelefon, wurde die Kommunikation über Telefone wie dieses abgewickelt – auch während der Katastrophe. Dass es in diesem Raum einmal gebrannt hat, offenbaren teilweise verkohlte Schaltpulte. Auf einem befindet sich ein roter Knopf oder das, was von ihm übrig geblieben ist. Mit dem Drücken dieses Knopfes, der eine Notabschaltung hatte auslösen sollen, setzte Alexander Akimow, der am 26. April 1986 Schichtleiter im Kontrollraum des 4. Reaktors war, den GAU in Gang.
Im Kontrollraum des 3. Reaktors, der sich im gleichen Gebäude befindet, arbeiten einige Ingenieure. Einer davon ist Igor. Trotz aller Gefahren, wer in Tschornobyl arbeite, tue das gerne, sagt er. Die Männer und Frauen der Belegschaft verbinde ein Gemeinschaftsgefühl. Und die Arbeit sei für ihn mehr als nur ein Job. „Ich arbeite hier schon seit zehn Jahren, das ist für mich eine große Sache“, sagt er. Die moderne Schutzhülle, errichtet mit internationaler Unterstützung, habe ihn beeindruckt. Die moderne Technik und die Bedeutung der Anlage motivierten ihn bis heute. Seine Familie lebt in der nahe gelegenen Stadt Slawutitsch – dort gehen auch seine Kinder zur Schule. Igors Bruder arbeitet auch im Kernkraftwerk.
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Igors Arbeit unterliegt strengen Sicherheitsvorschriften. „Es gibt Grenzwerte für die Strahlenbelastung, die wir während der Schicht überwachen“, erklärt der Ingenieur. Am Ende jeder Schicht werden die Messgeräte abgegeben, und die Mitarbeitenden verlassen ihren Arbeitsplatz vorschriftsgemäß. Er mache zehn Tage lang je zwölf Stunden Schichtdienst, anschließend habe er zehn Tage frei. Während des Dienstes schlafe er in einem der drei Wohnheime direkt neben dem Reaktor, die freien Tage verbringe er bei seiner Familie in Slawutitsch.
Genug Arbeit in den Kontrollräumen
Auch wenn es in einem abgeschalteten Reaktor nichts mehr zu steuern gibt, Arbeit haben die Mitarbeiter in den Kontrollräumen genug: Bei ihrer Arbeit im abgeschalteten AKW Tschornobyl geht es vor allem um Überwachung, Sicherheit und Instandhaltung. Ständig zu kontrollieren sind die Strahlenwerte, Feuchtigkeit und Temperatur in allen Räumlichkeiten sowie der Zustand der Technik. Und besonders auch der havarierte 4. Block, der durch die große Schutzhülle, das sogenannte New Safe Confinement, abgedeckt ist, wird permanent überwacht: die Temperatur und die Radioaktivität darin sowie die Stabilität der Schutzhülle.
Viel Arbeit machen auch die beiden Atommülllager ISF-1 und ISF-2. ISF steht für Interim Spent Fuel Storage Facility. Zwischenlösungen also. Das ISF-1 ist ein Nasslager, Brennelemente lagern hier provisorisch in Wasserbecken. Es wurde kurz nach der Reaktorkatastrophe gebaut. Das ISF-2 ist ein Trockenlager, das als weitaus sicherer gilt. Seit seiner Inbetriebnahme im Jahr 2019 wird in einem langwierigen Prozess der Müll aus dem ISF-1 in das ISF-2 überführt. Weitere Aufgaben in Tschornobyl sind die Reinigung kontaminierter Bereiche, die Überwachung der Einhaltung der Strahlenschutzregeln, der Sperrzone und des Zugangs zum Gelände.
Igor, Ingenieur im AKW Tschornobyl
Ingenieur Igor gibt offen zu, dass er auch Angst habe. Vor russischen Raketen- und Drohnenangriffen allerdings mehr als vor der Strahlung. Sorgen mache ihm auch, dass die neue Schutzhülle über dem zerstörten Reaktor nicht für militärische Angriffe ausgelegt sei. Einschläge russischer Drohnen könnten den Strahlungspegel erhöhen.
Die größte Gefahr sieht er jedoch in Extremsituationen wie der russischen Besatzung der Anlage zu Beginn des Krieges. „Ich kann mich kaum in die Lage der Kollegen versetzen, die damals hier Schicht hatten“, sagt er und kämpft mit den Tränen. Igor meint den 24. Februar 2022, als russische Einheiten in die Sperrzone vorgerückt waren. Erstmals in der Geschichte der Atomenergie überfiel eine Armee ein Atomkraftwerk.
Diese Ereignisse haben sich Igor und seinen Mitarbeitern genauso eingebrannt wie der Einschlag einer russischen Drohne am 14. Februar 2025. Sie riss ein 15 Quadratmeter großes Loch in die Schutzhülle des alten Sarkophags, löste ein Feuer aus. Die Feuerwehr brauchte mehrere Tage, um es zu löschen, und musste dafür, wie Greenpeace in einer neuen Dokumentation berichtet, 332 weitere Löcher in die Schutzhülle schlagen.
Als Folge des Einschlags funktioniert die Temperaturregelung innerhalb des Sarkophags nicht mehr. Das wiederum bedeutet, dass Metall führende Teile bereits im Jahr 2030 korrodiert sein könnten. Greenpeace fordert daher, die Ukraine beim Schutz der Unfallstelle stärker zu unterstützen. „Die durch einen russischen Drohnenangriff stark beschädigte Schutzhülle über dem Unglücksreaktor kann ihre Funktion nicht mehr sicherstellen“, warnt die Umweltschutzorganisation. „Durch den Angriff wurde die äußere Hülle durchschlagen, und ein Feuer zerstörte rund 50 Prozent der Isolierschicht. Da diese für die Regulierung der Luftfeuchtigkeit innerhalb der Schutzhülle nötig ist, stellt Kondenswasser seitdem ein wachsendes Problem dar“, so Greenpeace weiter. Das destabilisiere den darunterliegenden Sarkophag mit der Reaktorruine.
Der Inlandsgeheimdienst sichtet alle Bilder
Mit Einbruch der Dunkelheit ist der Besuch des AKWs Tschornobyl beendet. Fast. Bevor man das Gelände verlässt, steht der obligatorische Besuch beim Inlandsgeheimdienst SBU an. Dort werden alle Bilder gesichtet, die während des Besuchs gemacht wurden. Fotos, die militärische Geheimnisse darstellen, werden unerbittlich gelöscht. Eine verständliche Maßnahme in Kriegszeiten, in einem Gebiet, in das jederzeit wieder russische Truppen über die belarussisch-ukrainische Grenze eindringen könnten.
Auf der Rückfahrt durch die Sperrzone kommt der Wagen plötzlich zum Stehen. Der rechte Vorderreifen verliert an Druck. Schuld ist eines der vielen Schlaglöcher. Wieder heißt es warten. Im Schein einer kleinen Taschenlampe löst der Fahrer die Schrauben des Rades, wechselt es. Ringsherum wieder Nadelwald, vollkommene Stille – scheinbare Idylle. Doch nach so einem Tag kann man ihr nicht mehr viel abgewinnen.
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