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Widerstand im Kultfilm „Casablanca“Sei wie Rick!

Es lohnt sich immer den Kultfilm "Casablanca" zu gucken - in Zeiten von Trump, Orbán und AfD ganz besonders.

Humphrey Bogart als Rick (r.) in dem Kultfilm 'Casablanca', 1942 Foto: Mary Evans /imago

E s gibt diese Szene im Kultfilm „Casablanca“ von 1942. Als deutsche Offiziere an ihrem Tisch lautstark „Die Wacht am Rhein“ intonieren, fordert der aus Europa entkommene Widerstandskämpfer Victor Lázló die Tanzkapelle in Rick’s Café auf, die französische Nationalhymne zu spielen. Der Kapellmeister schaut erschrocken zu Barbesitzer Rick, gespielt von Humphrey Bogart, der ihm zunickt. Eine winzige Geste, auf die die pathetischste Marseillaise-Szene der Filmgeschichte folgt. Inbrünstig übertönt der Saal die deutschen Nazis.

Dass sein Café kurz darauf geschlossen wird, kann Rick nicht verhindern. Aber den Moment des erfolgreichen kollektiven Widerstands der in seiner Bar versammelten europäischen Flüchtlingsgesellschaft gegen den faschistischen Aggressor hat er ermöglicht. Ein Moment der Kraft im Strudel der allgemeinen Ohnmacht.

Rick konnte das, weil es sein Ort war, sein Café, sein Hausrecht, sein – kleiner – Machtbereich. Genau um solche Räume kämpfen heute viele, die sich im ländlichen Raum, aber nicht nur dort, dem faschistischen Rechtsruck entgegenstellen. Manchmal braucht es dazu nicht nur gute Argumente, manchmal braucht es Macht und vor allem den Willen, sie einzusetzen, solange man sie noch hat.

Wo wir Macht haben

Die Faschos, die alten und die neuen, ob sie nun Donald Trump, Viktor Orbán oder AfD heißen, kennen weder Skrupel noch Anstand beim Durchsetzen von Herrschaft. Um sie zu erlangen, zielen sie darauf, jede Gegenmacht zu brechen, wo auch immer sie sich zeigt. Kapitel 12 im „Regierungsprogramm“ der AfD Sachsen-Anhalt mit dem Titel „Pervers-linke Agitation beenden!“ führt das aus. Was die AfD fordert, sind keine Vorschläge, das sind handfeste Angriffe, und genauso müssen sie beantwortet werden, vom demokratischen Staat und von der Zivilgesellschaft.

In „Casablanca“ ist es der korrupte französische Polizeichef, der auf Wunsch der Deutschen Rick’s Café schließt. Er findet erst am Ende des Films Haltung, als die Flasche Vichy-Wasser im Mülleimer landet und eine wunderbare Freundschaft beginnt.

wochentaz

Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!

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Seien wir nicht wie der Polizeichef, seien wir wie Rick. Und das überall, wo wir noch Macht haben – oder welche aufbauen können.

Das ist übrigens auch cool. Oder hat irgendjemand ästhetisch-kulturell ernsthafte Schwierigkeiten, sich zwischen Humphrey Bogart, Stilikone der Filmgeschichte, und Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, zu entscheiden? Nee, oder? Nick noch einmal, Rick!

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Bernd Pickert
Auslandsredakteur
Jahrgang 1965, seit 1994 in der taz-Auslandsredaktion. Spezialgebiete USA, Lateinamerika, Menschenrechte. 2000 bis 2012 Mitglied im Vorstand der taz-Genossenschaft, seit Juli 2023 im Moderationsteam des taz-Podcasts Bundestalk. Bluesky: @berndpickert.bsky.social In seiner Freizeit aktiv bei www.geschichte-hat-zukunft.org
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8 Kommentare

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  • Schöne und witzige "Mutmach-Kolumne", danke!



    @Gutsche, Schäfer&Leopardo: da gibts mal nen schönen witzigen Mutmacher und was folgt: ein einziges Beharken und seeeehr deutsches "Sie haben dies nicht verstanden, Sie haben jenes nicht verstanden, Sie haben mich nicht verstanden..." - die Botschaft lautet aber doch: Schluss mit dem kleinkarierten linken meh meh meh, haltet zusammen!!!

  • Uns bleibt immer noch Paris.

  • Casablanca ist ein lupenreiner Propagandafilm, für die richtige Sache des US-Ameri(c)ka-Kriegs gegen NS-Deutschland dabei und brillant gemacht. Die tragische Romanze ist da nur Vehikel.

    Hinweis: Zuerst grölen da die Deutschen das dezidiert antifranzösische "Wacht am Rhein" - mit dem Kontext ist die darüber gesungene Marseillaise eine Aussage.

  • Gratismut in Rick’s Café?

    Zitat: „Als deutsche Offiziere an ihrem Tisch lautstark „Die Wacht am Rhein“ intonieren, fordert der aus Europa entkommene Widerstandskämpfer Victor Lázló die Tanzkapelle in Rick’s Café auf, die französische Nationalhymne zu spielen.“

    So mutig diese Szene auch klingen mag, ist sie es doch weniger als es auf den ersten Blick scheint: Die Marseillaise war auch unter Vichy-Frankreich, das 1942 noch die Kontrolle über das Protektorat Marokko ausübte, die französische Nationalhymne und ertönte dort bei allen offiziellen Anlässen.

    Und was sangen die französischen Freiwilligen der „Légion des volontaires français contre le bolchévisme“ (LVF), als sie 1941 feierlich im Pariser Vel d’Hiv an die Ostfront verabschiedet wurden? Richtig! Die Marseillaise. Aus voller Kehle.

    Auch heute singen die Bardella-Fans bei ihren Meetings unter kraftvollem Fahnenschwenken der Tricolore die Marseillaise.

    Also war das Intonieren der Marseillaise im (fiktiven) Rick’s Café in Casablanca 1942 als Gegenstück zur „Wacht am Rhein“ weniger mutig als der Regisseur M. Curtiz dem amerikanischen Zuschauer suggerieren wollte. (Vgl. „Hitlers französische Soldaten“, Arte-Mediathek)

    • @Reinhardt Gutsche:

      Das war ja eher ein B-Movie für das US-Publikum. Da ging es um in Unterhaltung verpackte Propaganda gegen Nazis und die Vichy-Regierung.



      Die Marseillaise klingt ohnehin pathetisch, ist zum Mitgrölen und hat einen schön fiesen Text also sehr geeignet für den Sängerkrieg.

    • @Reinhardt Gutsche:

      Wenn es also kein Problem gab, wieso wurde dann das Lokal umgehend geschlossen? Ich denke, Sie haben weder die Botschaft des Films noch die des obigen Artikels verstanden.

      • @Il_Leopardo:

        Circulus vitiosus

        Zitat @Il_Leopardo: „@Reinhardt Gutsche: Wenn es also kein Problem gab, wieso wurde dann das Lokal umgehend geschlossen? Ich denke, Sie haben weder die Botschaft des Films noch die des obigen Artikels verstanden.“

        Die Schließung die Lokals war Teil des fiktionalen Plots. In der Realität gab es 1942 kein „Rick’s Café américain“ in Casablanca, konnte folglich nach dem Intonieren der Marseillaise real auch nicht geschlossen werden.

        Diese fiktive Marseillaise-Episode im fiktiven Nacht-Club Rick’s Café ist als spontane symbolische Tat Teil der sehr griffigen politischen Botschaft des Films, wie es das amerikanische Massenpublikum so sehr liebt.

        In dem Kommentar ging es nicht gegen diese politische Message, sondern lediglich um die naiv-kurzschlüssige, im Grunde dafür im Grunde ungeeignete



        Symbolik. Das Argument der Schließung des Lokals als Beweis für die Gefährlichkeit der Marseillaise ist folglich ein circulus vitiosus.

        Ich denke, Sie haben die Botschaft meines Kommentars Artikels nicht verstanden.

        • @Reinhardt Gutsche:

          Sie wissen, dass im Dritte Reich schon kleine Bemerkungen oder Witze, die als gegen das Regime gerichtete interpretiert werden konnten, ausreichten, um angeklagt und verurteilt zu werden - manchmal zu sehr drastischen Strafen. Selbstverständlich kann ich Filme oder Romane von der Realität unterscheiden - aber die Idee ist sehr stark mit der damaligen Realität verknüpft.