piwik no script img

„Ukrainische Musik war im Underground“

Die Kyjiwer Band DakhaBrakha verbindet experimentellen Pop mit ukrainischem Folk. Sie hat Kultstatus in der Ukraine. Ein Gespräch über Musiktraditionen, Konzerte im Ausland und das Geben und Nehmen

DakhaBrakha sind Nina Garenetska, Iryna Kovalenko, Olena Tsybulska und Marko Halanevych Foto: DakhaBrakha

Interview Yelizaveta Landenberger

Die im Jahr 2004 am Kyjiwer Dakh-Theater ins Leben gerufene vierköpfige Band Dakha­Brakha macht laut eigenen Angaben „EthnoChaos“, greift Volkslieder auf und aktualisiert sie. Bis Mitte Mai touren die Mu­si­ke­r:in­nen durch Europa. Ein Gespräch nach dem Berliner Konzert am 18. April mit dem Bandmitglied Marko Halanevych (Gesang, Darbuka, Akkordeon, Gitarre). Neben ihm spielen bei DakhaBrakha noch Nina Garenetska, Iryna Kovalenko und Olena Tsybulska.

taz: Marko Halanevych, der Bandname „DakhaBrakha“ leitet sich von den ukrainischen Verben „geben“ und „nehmen“ ab. Wie lief das Geben und Nehmen bei Ihrem Konzert in Berlin?

Marko Halanevych: Das war ein echter DakhaBrakha-Prozess – wir geben und erhalten im Gegenzug etwas von einer großen Anzahl von wunderbaren Menschen. Wir hatten sofort das Gefühl, dass sie gut auf das Konzert eingestimmt waren. Und wir waren einfach glücklich. Die Kommunikation zwischen uns und dem Publikum hätte nicht besser sein können.

taz: Wie hoch war der Anteil von Menschen aus der Ukraine?

Halanevych: Ich schätze, etwa die Hälfte des Publikums war Ukrainisch. Normalerweise sage ich zu Beginn einen Satz, den man in der Ukraine kennt: „Dobroho vechora, my z Ukrainy“, „Guten Abend, wir sind aus der Ukraine.“ Die Hälfte des Saals hat reagiert.

taz: Dieser Satz hat ja tatsächlich Kultstatus erlangt, nachdem er im Track „Good Evening (Where Are You From)?“ des Elektronikduos ProBass and Hardi von 2021 auftauchte. Tausende Nutzer auf TikTok griffen ihn auf, der Satz wurde auf ukrainische Briefmarken gedruckt, von Politikern und Militärangehörigen aufgegriffen. Wie kam es dazu?

Halanevych: Ich habe diesen Satz einmal bei einem Konzert in Amerika gesagt. Das ist über zehn Jahre her. Als die beiden DJs dann einen Track mit meinem Satz machten, verbreitete er sich wie ein Virus und wurde in der Ukraine ziemlich populär. Am Anfang des Krieges hat er die Stimmung gehoben, Antrieb gegeben.

taz: Mit Ihrer Musik blicken Sie zurück auf musikalische Traditionen der Ukraine und aktualisieren sie. Wie ist das Verhältnis von Erbe und Innovation?

Halanevych: Nun, in jedem Stück ist diese Balance unterschiedlich. Manchmal verändern wir den Originalsong nur wenig, manchmal verändern wir ihn bis zur Unkenntlichkeit – im Rhythmus, im Tempo und in der Melodie. Die Basis bildet die ukrainische ethnische Musiktradition, doch unser Fokus liegt auf dem Experiment, auf der Neuinterpretation.

taz: Sie nutzen etwa polyphonen Gesang. Wie unterscheiden sich denn die verschiedenen Regionen der Ukraine musikalisch voneinander?

Ein normales Leben in einem freien Europa – das ist für uns ein Traum

Marko Halanevych, DakhaBrakha-Sänger

Halanevych: Jede Region dieses großen Landes hat ihre Besonderheiten. In den Karpaten gibt es fast keinen polyphonen Gesang. Er ist eher rhythmisch, und es geht um meditative Geschichten. Man sitzt da, hört zu und taucht in eine bestimmte Atmosphäre ein. In Polesien oder auch in der Region Dnipropetrowsk sind es laute, mehrstimmige Gesänge. Es gibt Lieder, die in der Region Luhansk aufgenommen wurden und die wir verwenden, es gibt Lieder aus Donezk und Cherson. Wir sind ziemlich divers für ein einziges Land.

taz: Wie sieht in Kriegszeiten für Sie die Beziehung zwischen Musik und Politik aus?

Halanevych: Wir machen uns jeden Tag Sorgen darüber, wie es unseren Angehörigen gerade in diesem Moment in der Ukraine geht. Und wir tun alles in unserer Macht Stehende als Musiker, um diesen Krieg zu beenden und dafür zu sorgen, dass sich solche Kriege nie wiederholen. Und es ist wichtig, dass die Menschen, die diese Kriege begonnen haben, bestraft werden. Wir sprechen darüber, wollen unmissverständliche Botschaften vermitteln. Wenn wir in Europa sind, danken wir in jeder Stadt allen Europäern, die auf der Seite des Guten stehen, die uns helfen, den Flüchtlingen aus der Ukra­ine helfen, unseren Soldaten helfen – und dabei helfen, unsere Demokratie weiterzuentwickeln. Ein normales Leben in einem freien Europa – das ist für uns ein Traum, das ist unser Ziel, und wir glauben daran. Wir sammeln Geld, damit wir der russischen Aggression widerstehen und überleben können – auch bei unseren Konzerten in Europa. Der Bedarf ist sehr groß: Von Startlinks über Generatoren bis hin zu medizinischer Ausrüstung.

taz: In der Ukraine erlebt die Kultur gerade eine echte Blüte, Menschen interessieren sich in diesem Moment der existenziellen Bedrohung vermehrt für ihre Identität. Wie spiegelt sich das in der Musik wider?

DakhaBrakha sind Nina Garenetska, Iryna Kovalenko, Olena Tsybulska und Marko Halanevych Foto: Foto:Tetiana Vilchynska

Halanevych: Bis zum Jahr 2014 befand sich die ukrainische Musik im Underground. Russische Musik gab es hingegen überall: im Mainstream, im Fernsehen, im Radio. Und obwohl es eigentlich falsch ist, etwas zu verbieten, wurden Verbote für russische Musik eingeführt. Das gab der ukrainischen Musik einen Schub. Doch da waren nicht nur die Verbote. Vielmehr spürten die Menschen während der Revolution der Würde, dass wir etwas wert sind, dass auch wir für die Welt interessant sein können.

taz: Auf Ihrem jüngsten Album, „Ptakh“ („Vogel“), ist ein Song, den Sie mit dem ukrainischen Schriftsteller und Soldaten Serhij Zhadan aufgenommen haben. „Ein Vogel fliegt über das schwarze Wasser / Ein Vogel kreist über unserem Unglück / Über unserer Freiheit …“, heißt es da. Was ist die Geschichte dazu?

Halanevych: Wir haben das Lied vor sechs oder sieben Jahren geschrieben. Während der Coronapandemie wurde bei uns in der Ukraine ein Projekt namens „Kovcheh Ukraina“, „Arche Ukraine“ organisiert. Sehr unterschiedliche Künstler, von Ethnomusikern wie uns bis hin zu Barockmusikern, versammelten sich und gaben ein gemeinsames Konzert. Dafür schufen wir zusammen mit Zhadan eine Komposition, es sollte eine Art neue Hymne sein: „Ptakh“. Der Text stammt von ihm. „Ptakh“ ist seitdem für viele Ukrainer zu einem Symbol geworden, das uns damals wie heute Inspiration und Glauben an die Zukunft schenkt. Ein Vogel, wie jener biblische Vogel, der einen Ölzweig im Schnabel trägt und die Hoffnung vermittelt, dass Leben möglich ist. Die Hoffnung, dass wir, die Ukrainer, in unserem Land leben können – frei, demokratisch, glücklich. Wir arbeiten darauf hin.

DakhaBrakha: „Ptakh“ (Eigenveröffentlichung) | dakhabrakha.bandcamp.com | live: 8. Mai, Carl-Orff-Saal/Alter Gasteig, München

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen