Waffen für die Ukraine: „Diesen Widerspruch muss man aushalten“
Evelyn Deller ist in Deutschland als jüdische Ukrainerin aufgewachsen – und sie ist links. In Vorträgen wirbt sie dafür, die Ukraine zu unterstützen.
taz: Frau Deller, in Vorträgen und den sozialen Medien möchten Sie die linke Szene davon überzeugen, dass sie die Ukraine angesichts des russischen Angriffskrieges unterstützen muss. Tut sie aus Ihrer Sicht aktuell zu wenig?
Evelyn Deller: Ja, auf jeden Fall – weder die Linkspartei noch autonome Gruppen machen genug, wenn überhaupt. Schon lange vor dem Großangriff vom 24. Februar 2022 hätten Linke in Deutschland die Chance gehabt, sich gegen russischen Imperialismus zu positionieren und das Leid von Menschen anzuerkennen, die in einem Gebiet leben, das 2014 völkerrechtswidrig annektiert wurde und sich seitdem im Krieg befindet. Doch die deutsche Linke hatte einfach nie das Interesse, sich mit der Ukraine zu befassen.
1997 in Hannover geboren, Studentin in Münster und stellvertretende Vorsitzende des jüdischen Studierendenverbandes NRW. Ihre Eltern kommen ursprünglich aus der Ukraine. Bundesweit hält sie Vorträge zum russischen Angriffskrieg – adressiert an Linke.
taz: Warum?
Deller: Die Linke in Deutschland hat viel zu oft ein manichäisches Weltbild. Sie stopfen ein Land, das sie nicht kennen, in eine Kategorie, die sie kennen, und wollen ihm deshalb nicht helfen, weil das ja angeblich ein Nato-Krieg gegen Russland sei.
taz: Ist das nicht vielmehr ein globales Problem der Linken?
Deller: Also in postsowjetischen Ländern merkt man, dass mit Russland und der sowjetischen oder „sozialistischen“ Vergangenheit generell anders umgegangen wird. Dort findet innerhalb der linken oder anarchistischen Szene eben kein Putin-Verstehertum statt. Und die Sowjetverherrlichungsschiene ist dort nicht massentauglich, weil viele Familien ja noch davon traumatisiert sind.
taz: Wieso soll sich die westliche Linke aus Ihrer Sicht für die Ukraine stärker einsetzen?
Deller: Historisch betrachtet sind Ukrainer ein unterdrücktes Volk. Sie sind Opfer vom Imperialismus von Russland und der Sowjetunion sowie mindestens einem Völkermord, dem Holodomor. Und sie werden angegriffen vom größten Staat der Welt, einem autokratischen Staat und Verbündeten von China, Nordkorea und Iran. Aus emanzipatorischer Sicht soll das Grund genug sein.
taz: Inwiefern sollen die Linken unterstützen?
Deller: Indem sie sich für Waffenlieferungen an die Ukraine einsetzen. Die Linke muss verstehen, dass Pazifismus nicht zu Frieden führt, sondern zu mehr Unterdrückung. Denn wenn man angegriffen wird, muss man sich verteidigen. Wer das nicht tut, stirbt. Sogenannte Antiimperialisten sind ja nicht per se gegen Gewalt. Selbst den bewaffneten Hamas-Angriff auf Israel vom 7. Oktober 2023 deuten sie perfiderweise zu einem „Widerstandsakt“ um.
taz: Solche Linke argumentieren, Waffenlieferungen würden den Krieg lediglich verlängern und schließlich zu mehr Toten führen.
Deller: Das ist Bullshit. Ein Leben unter Unterdrückung, Okkupation und Russifizierung ist kein gutes Leben, wenn es überhaupt ein Leben ist. Die Besatzung selbst fordert viele Tote. Das haben wir schon in Butscha, Irpin und Cherson gesehen: Kriegsverbrechen, die den Verdacht eines Völkermords an Ukrainer erhärten.
taz: Eine weitere Kritik lautet, in den ukrainischen Streitkräften dienten auch Rechtsextreme und Neonazis. Berüchtigt ist etwa die Asow-Brigade. Ist da nicht etwas dran?
Deller: Da ist was dran, deshalb schlachtet Putin das Thema für Propaganda aus – und es funktioniert. Doch daraus auf die Gesinnung einer ganzen Bevölkerung zu schließen, ergibt keinen Sinn. Die Brigade – in der nicht nur Rechtsextreme dienen – ist nur eine von vielen innerhalb der ukrainischen Armee. Zur Wahrheit gehört auch: Asow hat sich zu einer hoch spezialisierten, unverzichtbaren Einheit entwickelt, die viele Gebiete befreit hat. Diesen Widerspruch muss man aushalten. Außerdem könnten wir an dieser Stelle natürlich auch reden über die vielen einflussreichen rechtsextremen und neonazistischen Gruppen aus Russland, die Kriegsverbrechen begehen.
taz: In einem Artikel der linken Zeitung Junge Welt wird Ihnen „Verständnis für Faschisten“ und „Kriegspropaganda“ vorgeworfen. Wie gehen Sie damit um?
Deller: Ich hatte danach vor allem Angst, dass meine Eltern sauer auf mich sind: weil ich zu offen war und mich exponiert habe, weil ich mich nicht daran gehalten habe, meine Identität zu verstecken. Sie haben mir immer erzählt, was sie als Juden in der Sowjetunion durchmachen mussten. Aber sie meinten, es sei ein gutes Zeichen, wenn solche Leute so über mich schreiben. Nun amüsiere ich mich darüber, dass es Menschen gibt, die immer noch diese Zeitung ernst nehmen, auch wenn sie russische Staatspropaganda abdruckt. Durch solche Artikel habe ich sogar mehr Sympathisanten hinzugewonnen.
taz: Wann waren Sie zuletzt in der Ukraine zu Besuch?
Deller: Vor wenigen Wochen war ich in Lwiw, mein erstes Mal in der Westukraine. Meine Eltern kommen aus Kyjiw und Odessa, wir sind deshalb russischsprachig aufgewachsen. Doch ich wusste, dass ich in Lwiw nicht offen Russisch reden soll. Aber Lwiw war für mich aus einem anderen Grund ein Schock.
taz: Nämlich?
Deller: Ich habe viele positive Bezüge auf die OUN gesehen [Organisation Ukrainischer Nationalisten, d. Red.], die sich an den Nazi-Überfällen auf Polen und die Sowjetunion beteiligt hatte. Ihre schwarz-roten Flaggen sind bis heute präsent. Dieser Nationalismus bereitet mir Sorgen, ich habe viele Probleme damit. Auch wenn viele Ukrainer mit der OUN keine Verbrecher, sondern in ihren Augen Widerstandshelden ehren. In Lwiw habe ich meinen Davidstern nicht offen getragen. Aber das kann ich eh kaum irgendwo auf der Welt mehr.
taz: Wann kam Ihre Familie nach Deutschland?
Deller: 1992 sind sie nach Deutschland geflohen, aufgrund ihrer Antisemitismus-Erfahrungen in der Sowjetunion und später in der souveränen Ukraine. Zu Hause in Hannover lebten wir in der postsowjetischen Vergangenheit: ablesbar an der Einrichtung der Wohnung, den Mitbringseln von damals, am Essen sowie unserer Sprache. Vor der Haustür lag Deutschland, eine andere Welt, in der ich „Ausländerin“ bin.
taz: Wie haben Sie das zu spüren bekommen?
Deller: Die anderen Kinder haben mich zunächst nicht verstanden, weil ich nur Russisch konnte. Ich hatte von da an ein Fremdheitsgefühl. Und schon als Kind habe ich antisemitische Erfahrungen gesammelt. Ich wusste also immer: Wenn ich sage, dass ich Jüdin bin, wird das irgendwas verändern – meist auf eine negative Weise.
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taz: Und seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023?
Deller: Ich erlebe sehr viel Hass. Ich werde dafür verantwortlich gemacht, Kinder in Gaza umzubringen. Und ich hätte Blut an meinen Händen. Währenddessen müssen sich meine Angehörigen in Israel und in der Ukraine vor den gleichen iranischen Drohnen verstecken. Wegen psychischer Belastung durch antisemitische Vorfälle gehe ich nicht mehr in die Uni. Stattdessen halte ich Vorträge und bitte um Spenden für antiautoritäre Gruppen, die gegen Russland kämpfen. Das ist meine Art von Widerstandskampf.
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