piwik no script img

Fahren ohne Fahrschein in HamburgBahnfahrt soll nicht mehr in den Knast führen

Wer ohne Ticket in Bus und Bahn erwischt wird, soll künftig keine Gefängnisstrafe mehr befürchten müssen. Dafür will sich die SPD in Hamburg einsetzen.

Soll bald nicht mehr im Knast enden: Fahrkartenkontrolle in Hamburgs Bussen und Bahnen Foto: Marcus Brandt/dpa

Wer in Hamburg ohne Ticket Bus oder Bahn fährt, soll deswegen nicht mehr im Knast landen können. Dafür will sich die Hamburger SPD einsetzen. Das hat sie auf dem Landesparteitag am vergangenen Wochenende entschieden, wo ein entsprechender Antrag der Jusos angenommen wurde. 2024 hatten die Sozialdemokraten einen ähnlichen Vorschlag der Linken in der Bürgerschaft noch abgelehnt. Der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) reagiert verhalten.

Wird der Vorschlag vom rot-grünen Senat umgesetzt, wäre Hamburg eine von momentan 13 Großstädten in Deutschland, die das Fahren ohne Ticket nicht mehr anzeigen. So machen es unter anderem schon Bremen, Kiel, Leipzig und Köln. Das zeigt eine Karte des Freiheitsfonds, die sich für eine Entkriminalisierung des ticketlosen Fahrens einsetzen.

Noch ist Fahren ohne Ticket in Deutschland verboten. Das regelt der Paragraf 265a im Strafgesetzbuch als „Erschleichen von Leistungen“. Darauf stehen Geld- und Freiheitsstrafen. Wer die in den meisten Fällen verhängten Geldstrafen nicht zahlen kann, kriegt eine sogenannte Ersatzfreiheitsstrafe aufgebrummt. Bundesweit sitzen deshalb pro Jahr Schätzungen zufolge 9.000 Menschen im Knast. Die meisten sind arm und ohne festen Wohnsitz.

Das Gesetz ändern kann nur die Bundespolitik. Ein entsprechender Gesetzesentwurf scheiterte zuletzt Ende 2024 daran, dass die Ampel-Koalition auseinanderbrach. Städte wie Hamburg können ihren Verkehrsbetrieben aber trotzdem sagen, dass sie Menschen, die ohne Fahrschein fahren, nicht mehr anzeigen sollen. Die „Beförderungserschleichung“ ist ein Anzeigendelikt, wird also nur verfolgt, wenn jemand Anzeige erstattet. Verzichten städtische Verkehrsbetriebe auf die Anzeigen, bleibt das Fahren ohne Ticket zwar illegal, wird aber nicht verfolgt.

Kein Verkehrsunternehmen nutzt das Gefängnis wirklich zur Abschreckung. Sondern in Bussen und Bahnen steht nur: Du musst 60 Euro zahlen.

Leonhard Ihßen, Freiheitsfonds

Die Jusos Hamburg, die den Antrag zusammen mit dem Freiheitsfonds eingebracht haben, sprechen daher von einem „Paradigmenwechsel“. Ihr Argument: Der Verzicht auf Strafanzeigen entlaste Polizei, Staatsanwaltschaften, Gerichte und die in Hamburg chronisch überbelegten Gefängnisse. Das spare auch Geld: Ein Hafttag kostet die Hansestadt rund 200 Euro. Es sei zudem „ein Zeichen gegen die Kriminalisierung armer Menschen“.

HVV sorgt sich um falsches Signal

In Hamburg werden regelmäßig Menschen wegen „Beförderungserschleichung“ verurteilt. 2024 waren es 160, von ihnen ist eine Person zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden und 151 zu Geldstrafen. Das hat eine kleine Anfrage der Linksfraktion ergeben. Die Zahl der Menschen, die im Knast landen, weil sie eine Geldstrafe nach ticketlosem Fahren nicht zahlen können, schwankt und liegt im ein- bis zweistelligen Bereich. Ende 2025 waren es zum Beispiel 5 Menschen.

„Uns geht es überhaupt nicht darum, dass Personen ins Gefängnis kommen“, sagt Rainer Vohl, der Sprecher der HVV, der taz. Aber Vohl befürchte, mit der aktuellen Diskussion könne ein falsches Signal gesendet werden, und zwar, „dass ab sofort die Zügel gelockert werden und die Bereitschaft, es ohne Ticket zu versuchen, wächst“. Laut Senat seien den Verkehrsbetrieben durch das ticketlose Fahren im vergangenen Jahr 29,9 Millionen Euro durch die Lappen gegangen.

Das Abschreckungsargument lässt Leonard Ihßen, Sprecher vom Freiheitsfonds, nicht gelten. „Ich finde, dass die Verkehrsbetriebe da mit gespaltener Zunge sprechen.“ Kein Verkehrsunternehmen nutze das drohende Gefängnis wirklich zur Abschreckung. „Sondern in Bussen und Bahnen steht nur: Du musst 60 Euro zahlen.“

In Hamburg wäre das auch weiter so. Das heißt: Wer ohne Ticket erwischt wird, müsste auch weiter das sogenannte erhöhte Beförderungsentgelt von 60 Euro bezahlen; nur eben nicht mehr mit einer Strafanzeige rechnen. Ohnehin sei das eine Doppelbestrafung, kritisiert der Freiheitsfonds.

Angezeigt wird man von den Hamburger Verkehrsbetrieben, wie in vielen anderen Städten, derzeit auch, wenn man die 60 Euro bezahlt. Die Hochbahn, die in Hamburg Busse und Bahnen betreibt, zeigt zum Beispiel standardmäßig und automatisch alle an, die dreimal innerhalb von zwölf Monaten ohne Ticket erwischt werden – auch wenn sie die 60 Euro rechtzeitig bezahlen.

Der Beschluss des SPD-Landesparteitags ist nicht bindend für die rot-grüne Regierung. Hamburgs Justizsenatorin Anna Gallina (Grüne) spricht sich aber schon länger für den Anzeigenverzicht aus. Eine taz-Anfrage, ob er sich jetzt bald dafür einsetzt, hat der rot-grüne Senat bis Redaktionsschluss nicht beantwortet. Die CDU lehnt den Vorschlag ab.

Leonhard Ihßen vom Freiheitsfonds findet, der SPD-Beschluss müsse vom Bürgermeister „nur noch verwandelt werden“. Er erhoffe sich von Hamburg einen Dominoeffekt dafür, „dass dieses Gesetz endlich bundesweit abgeschafft wird“.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

7 Kommentare

 / 
  • Abwarten!



    Das D-Ticket soll ja 2027 in die Hände der Unternehmen/ Verkehrsverbindungen gelegt werden, die die Preise dann ins Uferlose erhöhen.



    Spätestens dann wird wieder jeder kontrollieren und das Entgelt auch zwangsweise betreiben.... auch mit Knadt.



    Und in Hamburg, mit den Terminals in Bussen kann das gar keiner mehr checken, weil die Dinger nur alle Nase funktionieren.



    Funktioniert das Terminal nicht, fährst du automatisch schwarz.



    Und als Busfahrer 3726 verschiedene Ticketformen, mit und ohne QR-code; ohne Bild; in den Handyhüllen nur die Rückseite gezeigt; mal groß, mal klein, uvm...... Wenn du das alles kontrolliert, hältst du keine Fahrzeit mehr, schon gar nicht an Haltestellen wie z.B. HTP oder EDP.



    Da MUSS eine andere Lösung her.

  • taz: *Wer in Hamburg ohne Ticket Bus oder Bahn fährt, soll deswegen nicht mehr im Knast landen können. Dafür will sich die Hamburger SPD einsetzen.*

    Das ist doch sehr erfreulich, denn dann werden wohl auch endlich mal Gefängniszellen für Umwelt- und Klimaverbrecher, Steuerhinterzieher und andere echte Verbrecher frei.

  • Die SPD ist nah an Ihren Anhänger, die weiss was Ihre Wähler wirklich bewegt. Die SPD ist die Partei der Transferempfänger , dann ist es auch nur konsequent wenn sie dafür sorgt dass es dieser Gruppe besser geht.

    • @Thomas Zwarkat:

      Haben Sie etwas dagegen? Wenn ja, warum?



      Tipp: Es sind vielmehr die Sehr-Reichen, die ihnen das Geld aus der Tasche holen. Falls es das wäre.

      Und jetzt zurück zum eigentlichen Thema. Zwei Gründe sprechen für Nicht-Knast.



      Erstens müsste sonst natürlich auch der dreimal Schwarzparkende entsprechend mit ins Kittchen.



      Zweitens kann die Abschreckung über die Geldstrafe reingeholt werden. Dank Deutschlandticket für Pendler, Jobtickets und Sozialtickets müssen die Kontrolleurs sowieso nicht mehr viel achtgeben. Die Gerichte können in der Zeit mal Schäden von Millionen statt ein paar Euro angehen, nämlich Steuerhinterziehungen einiger Schwerreicher. Cum-Ex kann gerade dringend Mithilfe gebrauchen.

  • Was kommt als nächstes? Wenn im Supermarkt das Geld nicht reicht, dann nehmen wir das Bier halt so mit !?

  • Man könnte sich aber auch ein Ticket kaufen, und nicht konsequent ohne fahren.

  • "Laut Senat seien den Verkehrsbetrieben durch das ticketlose Fahren im vergangenen Jahr 29,9 Millionen Euro durch die Lappen gegangen." (Zitat)



    Das verstehe ich nicht. Die Anzahl derjenigen, die ihre Strafe nicht bezahlt haben, liegt doch nur im zweistelligen Bereich. Alle anderen haben dann doch die 60 € bezahlt. Wie kommt dann der Senat auf einen Verlust von 29,9 Millionen?