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Justizreform in Italien scheitertKalte Schulter für Meloni

Michael Braun

Kommentar von

Michael Braun

Erstmals seit Jahrzehnten kann Italiens Linke mit dem Referendum einen echten Erfolg feiern. Die Hoffnung auf einen möglichen Wahlsieg 2027 wächst.

Linke feiern das Ergebnis des Referendums, mit dem Giorgia Melonis Justizreform krachend scheitert Foto: Gregorio Borgia/AP/dpa

E ine verheerende Niederlage für Italiens rechtes Regierungslager, ein Triumph für die politische und gesellschaftliche Opposition von links: Das Referendum war weit mehr als nur eine Abstimmung über die von der Rechten vorangetriebene Justizreform. Es war ein Votum, das das Zeug hat, Italiens politische Entwicklung in den nächsten Jahren in eine andere Richtung zu lenken.

Bisher konnte die Postfaschistin Giorgia Meloni einen doppelten Nimbus pflegen. Sie gibt sich als „Frau aus dem Volk“, die die Sprache der einfachen Leute spricht und ganz gewiss nicht zur abgehobenen „Kaste der Politiker“ gehört. Und sie konnte bisher für sich in Anspruch nehmen, auch aus diesem Grund sei sie einfach unbesiegbar. Schließlich hatte sie ihre postfaschistische Truppe der Fratelli d’Italia bei den Parlamentswahlen von 2022 auf 26 Prozent gebracht.

Diesen Zuspruch nahm Meloni als Freifahrtschein, mit ihrer Justizreform Rich­te­r*in­nen und Staats­an­wäl­t*in­nen endlich in die Schranken zu weisen. Daraus wird allerdings nichts, weil 54 Prozent der Ita­lie­ne­r*in­nen mit Nein votierten: Das Volk hat der „Frau aus dem Volk“ die kalte Schulter gezeigt. Und damit ist auch der Nimbus der Unbesiegbarkeit dahin.

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Meloni darf jetzt ein großes Fragezeichen hinter den bei einem Sieg im Referendum sicher geglaubten Triumph bei den Parlamentswahlen von 2027 machen; und auch bei ihrem Plan, im Jahr 2029 schließlich einen der Rechten genehmen Staatspräsidenten zu installieren, ja womöglich selbst für dieses Amt zu kandidieren.

Erstmals seit Jahrzehnten darf sich die Linke im Land wieder über einen echten Erfolg freuen. Nicht umsonst füllten sich die Straßen mit Tausenden feiernden Anhänger*innen, von den 18-Jährigen, die zum ersten Mal abstimmen durften – und die mit über 60 Prozent mit Nein votierten – zu ergrauten Altlinken. Aus dem in der klar gewonnenen Referendumskampagne angehäuften politischen Kapital können Italiens Mitte-links-Kräfte jetzt schöpfen, mit soliden Chancen für die Parlamentswahlen 2027.

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Michael Braun
Auslandskorrespondent Italien
Promovierter Politologe, 1985-1995 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Unis Duisburg und Essen, seit 1996 als Journalist in Rom, seit 2000 taz-Korrespondent, daneben tätig für deutsche Rundfunkanstalten, das italienische Wochenmagazin „Internazionale“ und als Wissenschaftlicher Mitarbeiter für das Büro Rom der Friedrich-Ebert-Stiftung.
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14 Kommentare

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  • Grazie mille!



    DAS ist doch mal eine gute Nachricht



    in einer Zeit in der gute Nachrichten Mangelware sind!



    Liebe Italiener*Innen, macht bitte so weiter und verwandelt Eure Heimat, den Sehnsuchtsort der Deutschen, auch politisch in eine Zukunft, der wir dann nacheifern können.



    Ich freue mich für Alle, die für den Erhalt demokratischer Werte gestimmt haben.



    Seit dem Kampf gegen die Mafia ist die italienische Justiz für mich ein Sinnbild für Mut und Rechtsstaatlichkeit. Es ist schön zu sehen, dass die Menschen diese stolze Tradition schützen!

  • Ein Glück, dass die Bevölkerung nicht mitgespielt hat!

    Dass die LInke bald Italien regieren kann, das wird noch schwer. Aber es könnte möglich sein. Eigentlich ist es für mich eher erstaunlich, dass ein energischer Massenprotest gegen die Sozial- und Wirtschaftspolitik der Regierung bisher ausgeblieben ist. Aber bei den Wahlen könnte die Linke es schaffen, die Wähler zu mobilisieren. Aber das wird nicht leicht.

  • Glückwunsch, Italien. 👍

  • Ich bin ein Fan von Meloni, aber daß sie das Referendum verloren hat, finde ich gut. An der Verfassung herumzufummeln ist selten ein guter Weg.

    • @Manfred Rother:

      Wohl der jüngeren Ausgabe (der Dame)? 😉

      • @Gerhard Krause:

        Nein, ich mag ihre Art, Politik zu machen. Sie führt die erste stabile Regierung in Italien seit einer Ewigkeit.

        • @Manfred Rother:

          Tja - Stabil - May be.

          Wie M 🇮🇹 & Reichsschnotterbremse🇩🇪 - Too?!



          Bis Salò 28. April 1945 erschossen



          30. April 1945 Selbstmord



          & 8. Mai 1945 Fin •



          Echt stabil! Gellewelle&Wollnichtwoll

          • @Lowandorder:

            Ja, genau, was ist an einer Regierung, oder was bedeutet "stabil", oder "führen", und wer kann sich da was genau zurechnen .. wenn Verben und Adjektive fachfremd die Seite wechseln, fängt das Rätselraten an. 🙃

  • Doch Doch - längst geschehen



    “ Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!“



    Aber der Bebrütungsvorgang netti⛓️⛓️🗄️ -



    Unverdrossen - ☝️ Noch nicht abgeschlossen •

    (Wie sagte es doch Krischan Stinkel



    Un twinkelt mit denn Augenwinkel



    “Dee fuulen Stine - dat sün mine!“😂

  • Grazie a tutti coloro che ieri hanno votato correttamente in Italia.

  • Hier zeigt sich wieder einmal, dass der Kampf um die Demokratie sich lohnt. Sie ist nicht ein für alle mal da, sondern um sie muss immer wieder gerungen werden.

  • Wenn man das Volk fragt sehen doch offenbar noch eine Menge Leute die Vorteile einer funktionierenden Gewaltenteilung.



    Gute Nachricht für Europa und Italien.

  • YES - versuchs 🥱

    Vorspann - als Bäckchen Behrens SPD -



    JuMi in NRW war, referierte ein italienischer Kollege über das von ca 50 Kollegen über die - Vorbild für später Spanien Portugal France -



    Neue Justizverfassung Italiens. Was‘n ditte?



    Herr Braun - gestatten ich klau mal -



    taz.de/Traum-der-i...-Rechten/!6163179/



    “Bisher durchlaufen sie gemeinsam die Ausbildung und optieren erst dann für eine der beiden Funktionen. Die „Magistrate“ – so werden in Italien sowohl Richter als auch Staatsanwälte bezeichnet – verwalten sich selbst autonom über den sogenannten CSM, den Höchsten Rat der Magistratur. 20 der 30 Mitglieder des CSM werden von ihnen gewählt, 10 weitere – Rechtsanwälte und Juraprofessoren – vom Parlament. Der CSM entscheidet über Beförderungen, Versetzungen, Disziplinarverfahren in der Magistratur, ohne dass das Justizministerium hineinreden könnte.“



    Btw DAVON KANN JUSTIZ SCHLAND NUR



    TRÄUMEN - Unsere Justizverfassung von



    kein Witz - 1870 - alles andere ist Schminke •



    Was sind die Kernpunkte der Reform?



    Zum einen werden die Laufbahnen von Richtern und Staatsanwälten getrennt. …s.o.=



    “Es gehe darum, „die Magistratur aus dem Weg zu räumen.“

    Na Mahlzeit 👍

    • @Lowandorder:

      Ergänz mal um den Einleitungsbonmot -



      Verständlicher - auch in seiner Dimension - zu machen! Newahr



      Gleichheit der Richter! Hola & Einheitsbesoldung!



      Da pfeifen aber die Bundesrichter mit R6 aber durch die Zähne “…da häng ich mich jahrendelang dreckfreesend rein!



      Und Däh - genauso viel auf Tasche wie der Amtsrichter in Palermo - oder Düren! 🙀🤔



      (Ob das man so stimmt!“ moppert neben der Freund Kollege Weggefährte & MEDEL-Präsi!



      de.wikipedia.org/w..._les_Libert%C3%A9s



      Magistrats Européens pour la Démocratie et les Libertés (abgekürzt MEDEL; deutsch in etwa: Europäische Richter und Staatsanwälte für Demokratie und Freiheitsrechte) ist eine europäische Organisation von Richtern und Staatsanwälten.…& schau



      Langjähriger Vorsitzender war Edmondo Bruti Liberati, gleichzeitig Präsident der italienischen Richtervereinigung ANM. Seit Dezember 2017 steht Filipe Marques (ASJP - Portugal) der Vereinigung vor.

      Doch auch sowas gibts & Eu-weit - Richtergehälter ein weites Feld.



      Tut aber der italienischen Vorreiterrolle keinen Abbruch •