Koordinatorin über Hilfe bei Schulstress: „Eure mentale Gesundheit ist der Regierung nicht so wichtig“
Mental Health Coaches helfen Schüler:innen, Alltagsbelastungen zu bewältigen. Das Programm wird nicht fortgesetzt. Özlem Tokyay findet das kurzsichtig.
taz: Frau Tokyay, die Ergebnisse des aktuellen Schulbarometers zeigen, wie belastend der Schulalltag für viele Kinder und Jugendliche ist. Hat Sie das überrascht?
Özlem Tokyay: Nein, ehrlich gesagt nicht. Die Ergebnisse des Schulbarometers decken sich ziemlich mit den Erfahrungen, die unsere Mental Health Coaches an Schulen machen. Sehr viele Schüler:innen berichten von Leistungsdruck und Stress, aber auch von Zukunftsängsten.
taz: Die Mental Health Coaches sind ein Modellprojekt der früheren Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) an rund 100 Schulen bundesweit. Wie sieht die Arbeit konkret aus?
Die ausgebildete Medienwissenschaftlerin und Projektmanagerin ist Koordinatorin für das Bundesprogramm Mental Health Coaches bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS) e. V. in Düsseldorf. Zuvor arbeitete sie unter anderem bei dem Programm „Respekt Coaches“.
Tokyay: Unsere Mental Health Coaches sind Fachkräfte aus den Bereichen Psychologie, Sozialarbeit und Erziehungswissenschaft, die regelmäßig an festen Kooperationsschulen sind und dort Räume schaffen, um über mentale Gesundheit zu sprechen. Die Angebote sind für die Schüler:innen freiwillig und konsequent an den Lebensrealitäten junger Menschen orientiert. Die hohe Nachfrage zeigt uns aber, wie groß ihr Bedarf ist, mehr über Themen wie Stressbewältigung oder Umgang mit Krisen zu erfahren.
taz: Woher wissen Sie, bei welchen Themen die Jugendlichen den drängendsten Redebedarf haben?
Tokyay: Die inhaltlichen Schwerpunkte unserer Angebote entstehen in Absprache mit den Schüler:innen und den Fachkräften an den Schulen. Oft wünschen sie sich Angebote rund um Stress- und Selbstregulierung, Achtsamkeit oder Selbstwirksamkeit. Doch auch der Umgang mit Krieg, der Klimakrise, aber auch Freund:innenschaft werden häufig genannt. Und natürlich sind die Mental Health Coaches viel vor Ort und auch regelmäßig für persönliche Anliegen ansprechbar.
taz: Der Bundestag hat Ende 2025 beschlossen, das Programm einzustellen. Eine der Begründungen: Es wirke nicht in die Fläche. Hat Sie das enttäuscht?
Tokyay: Wir wissen natürlich, dass Modellprojekte zeitlich und vom Umfang begrenzt sind. Die Begründung ist jedoch sehr dünn. Ein Modellprojekt an 100 Schulen kann ja per se nicht in die Fläche wirken. Das abrupte Ende ist aus unserer Sicht schade, weil die wertvollen Strukturen und Netzwerke, die wir in den vergangenen drei Jahren aufgebaut haben, verloren gehen. Vor allem aber ist es auch ein Signal an die Schüler:innen: Eure mentale Gesundheit ist für die Bundesregierung nicht so wichtig.
taz: Die Universität Leipzig hat den Mental Health Coaches voriges Jahr ein gutes Zeugnis ausgestellt. Aktuell fordert die Opposition im Bundestag die Fortsetzung des Programms. Haben Sie noch Hoffnung?
Tokyay: Viel Hoffnung habe ich nicht, dass es genau Mental Health Coaches wird. Unsere Hoffnung ist, dass die aktuelle Bundesregierung zumindest die Erkenntnisse aus unserem Programm nutzt und in ihrer Strategie für mentale Gesundheit aufgreift.
taz: Welche wären das?
Tokyay: Erstens, dass Präventionsprogramme Zeit brauchen, um Strukturen aufzubauen und die nötige Beziehungsarbeit mit den betroffenen Jugendlichen zu leisten. Und zweitens, dass die finanzielle Unsicherheit von Beginn an, ob der Haushalt wirklich auch im nächsten Jahr die Gelder bereitstellt, für alle Beteiligten viel Stress bedeutet.
taz: Das Modellprojekt läuft Ende Juni aus. Wie geht es für die Fachkräfte weiter?
Tokyay: Spätestens zum Ende des vorigen Jahres sind zahlreiche Verträge ausgelaufen. An den Schulen dürfen sie jetzt schon nicht mehr sein. Die Träger haben sich bemüht, möglichst viele der Fachkräfte weiterzubeschäftigen und beispielsweise in Programmen der Schulsozialarbeit unterzubekommen.
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