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„Ich würde mich heute nicht mehr auf die Straße kleben“

Die Klimaaktivistin Carla Hinrichs blickt auf die Proteste der Letzten Generation zurück. Hier erzählt sie, warum sie die Blockaden weiterhin für richtig hält, es nun aber neue Strategien braucht.

Carla Hinrichs ist als Pressesprecherin der Letzten Generation bekannt geworden Foto: Marlene Charlotte Limburg

Interview Lenja Vogt

wochentaz: Frau Hinrichs, Zeit für ein Zwischenfazit. Viele Ak­ti­vis­t*in­nen der Letzten Generation stehen vor Gericht, um die Klimabewegung ist es still geworden und es gibt nach wie vor keinen wirksamen Klimaschutz in Deutschland. Ist es das, was Sie sich von den Protesten erhofft haben?

Carla Hinrichs: Es ist schmerzhaft zu sehen, wie es den Menschen ergeht, die sich auf die Straße gesetzt haben, um für ihre Rechte und ihre Zukunft einzustehen. Die Klimakrise eskaliert um uns herum, die Lage ist schlimmer als je zuvor. Es war ein Weckruf – und der Staat hat entschieden, ihn nicht nur zu ignorieren, sondern auf brutale Art und Weise dagegen vorzugehen. Das macht es alles ziemlich düster. Natürlich habe ich mir damals, als ich meinen ganzen Mut zusammengenommen und mich auf die Straße gesetzt habe, etwas anderes erhofft. Aber damit, dass Menschen für ihren friedlichen Protest als kriminelle Vereinigung verfolgt werden, hat glaube ich niemand gerechnet.

Was sagt das über unsere Demokratie aus?

Jede Person, die sich für zivilen Widerstand entschieden hat, wusste, dass ihr Handeln sie vor Gericht bringen kann. Das war auch mir vollkommen klar. Grundsätzlich halte ich es für richtig, dass der Rechtsstaat überprüft, ob und inwiefern eine Aktion gerechtfertigt oder strafbar ist.

Aber?

In dem Moment, in dem Menschen unter Schmerzgriffen von der Straße geführt, in Präventivhaft gesperrt und vor Gericht gezerrt werden, geht es nicht mehr um eine inhaltliche Auseinandersetzung. Dann geht es darum, Protest zu delegitimieren, zu unterdrücken und zu kriminalisieren. Eine Demokratie muss sich immer daran messen lassen, wie sie mit Protest umgeht. Und da zeichnet sich gerade kein gutes Bild ab.

Hat die Letzte Generation dennoch etwas erreicht?

Wir haben eine mutige und hoffnungsvolle Vision für die Zukunft geschaffen. Neben der Aufmerksamkeit für die Klimakrise, die es ohne die Letzte Generation in diesen Jahren so nicht gegeben hätte, hat sich der Raum des Möglichen verschoben. Wir haben gezeigt, wie viel sich verändern kann, wenn Menschen gemeinsam Verantwortung übernehmen und Widerstand leisten.

Die Proteste haben zwar viel Aufmerksamkeit erzeugt, aber nicht unbedingt positive. Würden Sie sich heute immer noch auf die Straße kleben?

Es war immer richtig und es wird immer richtig gewesen sein – in einem Moment, in dem alles auf dem Spiel stand, in dem es aber auch noch die Möglichkeit gab, etwas zum Guten zu verändern. Wenn sich die Umstände ändern, muss sich jedoch auch der Protest anpassen. Das müssen wir als Bewegung leisten können. Deswegen würde ich mich heute nicht mehr auf die Straße kleben. Es wäre naiv zu glauben, dass wir mit der gleichen Taktik plötzlich andere Ergebnisse erzielen könnten.

Hat der Staat es am Ende also geschafft, die Bewegung zum Schweigen zu bringen?

Carla Hinrichs ist Klimaaktivistin. Gerade erschien „Meine verletzte Generation – Wie der Staat uns alle verrät“ bei Klett-Cotta.

Wenn die Polizei mit gezogener Waffe in dein Zimmer stürmt, ist das definitiv einschüchternd. Natürlich blicke ich seitdem anders auf den Klimaaktivismus. Ich stelle mir zweimal mehr die Frage, was mein Protest für Folgen haben wird. Trotzdem wehre ich mich entschieden gegen die Behauptung, die Klimabewegung sei tot. Protestbewegungen sind nicht linear, sie kommen in Wellen. Es gibt Phasen, in denen mit einem Thema viele Menschen mobilisiert werden können. Und es gibt Phasen dazwischen, in denen es ruhiger wird, in denen man sich neu organisiert und reflektiert, was funktioniert hat und was in Zukunft funktionieren kann.

Da befinden wir uns gerade?

Ja. Es gibt nach wie vor viele Menschen, die sich für das Klima engagieren, obwohl es momentan keinen zu interessieren scheint. Die im Hintergrund die Strukturen aufrechterhalten und weiterentwickeln. Diese Menschen schaffen die Grundlage dafür, dass in ein paar Monaten oder Jahren wieder massenhaft Menschen auf die Straße gehen werden. Nicht weil sie wollen, sondern weil sie müssen.

Beim taz lab wird Carla Hinrichs gemeinsam mit Thilo Bode darüber sprechen, was die Klimabewegung hätte besser machen müssen. Blaue Bühne, 16 Uhr

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