Ganz Europa kauft russische Energie: Moskaus fleißige Zahlmeister
Nicht nur die Slowakei und Ungarn kaufen Energie aus Russland. Auch andere europäische Staaten, darunter Deutschland, füllen Putins Kriegskasse.
Die bittersten Minusgrade scheinen nach den Prognosen der Meteorologen in der Ukraine erst einmal vorbei zu sein. Dennoch soll das Thermometer auch in den kommenden Nächten auf Minusgrade fallen. Und Russland greift mit Raketen und Drohnen weiter gezielt die Energieinfrastruktur der Ukraine an. Immer wieder muss die Stromversorgung ganzer Städte unterbrochen werden.
Parallel dazu drohten Ungarn und die Slowakei, die Lieferungen von Strom, Gas und Diesel in die Ukraine abzustellen und ein 20. EU-Sanktionspaket gegen Russland zu blockieren, das am 4. Jahrestag der russischen Vollinvasion in der Ukraine in Kraft treten sollte. Am Montag machte Budapest seine Drohung wahr und legte beim EU-Außenminister sein Veto sein.
Ausgerechnet Ungarn: Mit 4,3 Milliarden Euro stand die Regierung in Budapest voriges Jahr an der Spitze der europäischen KäuferInnen von Erdöl und Erdgas aus Russland. Gefolgt von der Slowakei mit Käufen im Wert von 2,8 Milliarden Euro.
Zwar sind die Käufe von russischem Öl, Gas, verflüssigtem Erdgas (LNG) und Ölprodukten wie Benzin, Kerosin und Diesel durch die Mitgliedstaaten der Europäischen Union gesunken: von Beschaffungen im Wert von 23,2 Milliarden Euro 2024 auf 16 Milliarden Euro im Jahr 2025. Das belegen die Zahlen der finnischen Nichtregierungsorganisation Centre for Research on Energy and Clean Air (Crea), die die taz vorab vorlagen.
Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.
Kindergärten und Krankenhäuser
Zum Vergleich: Die 16 Milliarden Euro, die europäische KundInnen vergangenes Jahr für russisches Öl und Gas an Moskau überwiesen haben, sind 500 Millionen Euro mehr, als die EU laut dem Europäischen Auswärtigen Dienst (EEAS) Kyjiw 2025 an Haushaltshilfen gegeben hat – zur Bezahlung von Schulen, Kindergärten, Krankenhäusern und ziviler Infrastruktur.
Öl und Gas sind die wichtigsten Einnahmequellen Russlands. 1,022 Billionen Euro wurden durch die Verkäufe fossiler Brennstoffe seit der russischen Vollinvasion in der Ukraine am 24. Februar 2022 laut Crea-Berechnungen in die Kriegskasse des Kremls gespült. Allein aus den 27 Mitgliedstaaten der EU kamen davon mehr als 220 Milliarden Euro. Davon stammten jeweils knapp die Hälfte aus Öl- und Gaskäufen, drei Prozent vom Kauf von russischer Kohle. Die Kohleimporte wurden im August 2022 gestoppt.
Diese 220 Milliarden Euro sind deutlich mehr, als das Kiel Institut für Weltwirtschaft laut seinem „Ukraine Support Tracker“ sowie der EEAS an europäischen Ukrainehilfen verzeichnen: Demnach haben EU-Institutionen und Mitgliedstaaten dem kriegsbedrängten Land finanzielle Hilfen in Höhe von 103,3 Milliarden Euro geleistet. Hinzu kamen Militärhilfen im Umfang von 69,3 Milliarden Euro, 17 Milliarden für die Unterstützung ukrainischer Geflüchteter in der EU sowie 3,7 Milliarden Euro Zinserlöse aus in der EU eingefrorenen Vermögen an die Ukraine.
90 Milliarden Euro sollten jetzt an Finanzhilfen für 2026/27 nach Kyjiw überwiesen werden, hatte der Europäische Rat der Staats- und RegierungschefInnen Anfang Februar beschlossen. Zur Auszahlung dieses Ukrainekredits kommt es nun erst einmal doch nicht – wegen Ungarn und der Slowakei.
Budapest und Bratislava als Buhmänner
Sie blockieren die Auszahlung laut Angaben der dortigen Regierungen so lange, bis die Ukraine wieder russisches Rohöl durch die Pipeline „Druschba“ (Freundschaft) fließen lässt. Mehrfach hatte die Ukraine 2025 die Rohleitung mit Drohnen auf russischem Territorium beschädigt.
Nun aber soll ein russischer Angriff die Röhre auf ukrainischem Gebiet getroffen haben, heißt es im Außenministerium in Kyjiw. Für diesen Schaden wolle das Land nicht aufkommen angesichts der Milliardenschäden an der eigenen Energieinfrastruktur. Budapest und Bratislava wollen indes erst nach Reparatur und Ölfluss die EU-Gelder freigeben.
Die beiden Russland-freundlichen Regierungen gelten in der EU als Buhmänner, doch andere Staaten können ihre trotz umfangreicher EU-Sanktionen anhaltenden Moskau-Connections dahinter verstecken: Während Ungarn und die Slowakei über die Turkstream-Pipeline aus der Türkei 17 Milliarden Kubikmeter (bcm) Erdgas bezogen, wurden voriges Jahr 20 Milliarden Kubikmeter russisches LNG nach Europa geliefert. Im Jahr vor dem Überfall hatte Russland noch 155 bcm und damit 45 Prozent des gesamten europäischen Gasverbrauchs gepumpt.
Frankreich (8 bcm), Belgien (5,8 bcm) und Spanien (3,7 bcm) waren die größten europäischen KundInnen von russischem Flüssiggas. Doch auch nach Deutschland, das direkt keine russischen LNG-Lieferungen bezieht, kam russisches Flüssiggas: 0,54 bcm für 212 Millionen Euro, wie Crea exklusiv für die taz berechnet hat. Das LNG sei über die Flüssiggasterminals im französischen Dünkirchen oder dem belgischen Zeebrugge nach Deutschland gekommen.
Verschleierung russischer LNG-Importe
Es könnte auch deutlich mehr sein, obwohl die Bundesregierung behauptet, es werde kein russisches Gas mehr eingeführt. „Die Herkunft des Gases geht verloren, sobald es in das europäische Netz gelangt“, erklärt Angelos Koutsis vom belgischen Umweltverband Bond Beter Leefmilieu die Verschleierung russischer LNG-Importe. Zudem würde Belgien die Importzahlen aus dem Terminal Zeebrugge nur mit anderthalbjähriger Verzögerung veröffentlichen.
Auch Ölprodukte, wie Benzin oder Diesel, sind in die EU (und teilweise in die USA) gekommen – ohne dass dies direkt als russische Lieferungen erkennbar wäre: 82 Prozent der per Tanker gelieferten russischen Öllieferungen an die Türkei (13,1 Millionen Tonnen Rohöl für 7,5 Milliarden Euro) sollen allein an türkischen Raffinerien verarbeitet und als Treibstoff in der EU gelandet sein – zumeist in Griechenland. Hinzu kommen große Benzinmengen aus Indien.
„Alle Schlupflöcher müssen endlich geschlossen werden“, fordert Crea. Das Zentrum berechnet seit der Vollinvasion detailliert die russischen Energieexporte und die inzwischen daraus erwachsenen Erlöse von über einer Billion Euro. Der Löwenanteil kommt aus China und Indien, dann folgen die Türkei und die EU als Moskaus Zahlmeister.
Die EU will nach dem Stopp des Imports von Ölprodukten Mitte Januar bis zum Jahresende die russischen LNG-Importe beenden und bis Frühjahr 2027 auch die ungarischen und slowakischen Pipelinegaseinfuhren aus Russland und die Ölimporte. Ungarn hatte zuletzt seine Abhängigkeit von russischem Öl von 61 Prozent vor dem Überfall auf die Ukraine auf 92 Prozent erhöht.
Falsche Behauptungen
„Österreich und Tschechien haben bewiesen, dass auch Länder ohne Meereszugang nicht auf russisches Pipelineöl angewiesen sein müssen“, sagt der deutsche Politik- und Wirtschaftswissenschaftler Benjamin Hilgenstock von der Kyiv School of Economics, die ebenfalls russische Ölverkäufe detailliert verfolgt.
Auch Crea rechnet vor, dass Ungarn und die Slowakei ausreichend Öl über die aus Kroatien kommende Adria-Pipeline aus anderen Quellen beziehen könnten. Anderslautende Behauptungen aus Bratislava und Budapest seien falsch.
Ebenfalls ein Skandal sei, sagt Sebastian Rötters von der Umweltschutzorganisation urgewald, dass noch immer nicht die LNG-Lieferungen von der russischen Halbinsel Jamal gestoppt worden seien: Wie die oft unter falscher Flagge fahrenden, veralteten und oft nicht versicherten Öltanker, die russisches Rohöl durch dänische Gewässer der Ostsee, den Ärmelkanal und die Straße von Gibraltar durch EU-Hoheitsgebiet befördern, müssten auch die modernen LNG-Tanker lahmgelegt werden.
„Jede Form von Wartung und Unterstützung muss diesen LNG-Tankern versagt werden“, fordert Rötters. Diese 16 modernen, in Südkorea gebauten Spezialtanker gehören zumeist der britischen Reederei Seapeak oder der griechischen Dynagas – und sie befördern Flüssiggas von Yamal LNG. Neben Gazprom, chinesischen Firmen und der französischen Total Energies, sind daran zwei Oligarchen beteiligt, die enge Kontakte zum Kremlherrscher Wladimir Putin haben.
Warnung vor wachsendem Haushaltsdefizit
„Es ist zu begrüßen, dass russische Energieimporte endlich bald zu Ende gehen sollen“, meint Rötters, „aber angesichts der täglichen russischen Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur ist jeder Tag einer zu viel.“ Immerhin: „Die Sanktionen wirken“, sagt Hilgenstock. „In diesem Januar hatte Russland die niedrigsten Öleinnahmen seit der Coronapandemie.“
2025 hat die russische Wirtschaft laut Schätzungen der Analysten der Gazprombank 33 Milliarden Dollar an Öl- und Gas-Exporteinnahmen verloren. Im laufenden Jahr würden die Erlöse um weitere 20 Milliarden Dollar sinken, erwartet Russlands Zentralbank. Das seien aber immer noch 399 Milliarden Dollar Gesamteinnahmen für 2026.
Die Notenbank warnt vor einem stark wachsenden Haushaltsdefizit und einer bereits beginnenden Bankenkrise. Erste russische Ölfirmen haben bereits Insolvenz angemeldet. Und die staatliche Gazprombank prognostiziert, dass der vor dem Überfall 2022 mit etwa 800 Milliarden Dollar aufgefüllte Staats-Reservefonds bis Ende des Jahres aufgebraucht sei.
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