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Feminismus und Aufruhr in IranDas Rückgrat der Revolution ist weiblich

Oft waren es Frauen, die Umbrüche initiiert haben – und die dann bei der Machtverteilung übergangen wurden. Warum es im Iran anders laufen könnte.

Iranische Mädchen ohne das obligatorische Kopftuch in Teheran, 2024 Foto: Hossein Beris/imago

Sie tanzen, sie feiern. Eine springt in die Luft, kommt breitbeinig auf, wirft ihren Kopf nach vorn, schleudert die langen Haare von rechts nach links und im Kreis. Andere lassen die Haare über den Rücken fallen, werfen die Arme in die Luft, sie legen die Zunge an den Gaumen an und rufen gellend wie bei einer Hochzeit. Die Bilder feiernder Ira­ne­r:in­nen nach dem Tod von Ali Chamenei sind wohl derzeit eines der meistdiskutierten Themen überhaupt.

Wie kann man sich über den Tod eines Menschen freuen? Wie kann man es nicht, wenn damit einer der brutalsten Diktatoren der Gegenwart weg ist? Doch die Bilder feiernder Frauen erzählen auch eine andere Geschichte. Sie stellen die dringendste Frage für Iran – und für die Welt zeigen sie eine Zäsur auf, die historisch sein könnte.

Umstürze und Revolutionen beginnen selten bei Generälen und Bomben. Sie beginnen bei Menschen, die so nicht weiterleben wollen, nicht können. Und sehr oft sind diese Menschen Frauen. Sie sind und waren es, die gesellschaftliche Umbrüche in Gang setzen, aber das historische Gedächtnis weiß auch: Wenn es dann um die Verteilung von Macht geht, werden Frauen in den Hintergrund gedrängt. Genau deshalb lohnt sich ein Blick auf den Iran. Und die Frage: Wird der Iran, wird die Menschheit aus der Vergangenheit lernen?

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

Derzeit herrscht Krieg in Iran, und es gibt Stimmen, die „Frau, Leben, Freiheit“ wie etwas Vergangenes aus „besseren Tagen“ darstellen wollen. Das alte Lied: „Es ist Krieg, jetzt ist keine Zeit für Frauenrechte.“ Doch inzwischen ist bekannt, dass genau das eine der größten Fehleinschätzungen ist. Oder eben eine Schutzbehauptung, um genau die auszuschließen, die auf eine gerechte Verteilung von Macht pochen.

Auch, weil die Beteiligung von Frauen am Nation Building und Aufarbeitung von Kriegshandlungen nicht nur völkerrechtlich geboten ist, sondern weil sie sicherstellt, dass danach gerechtere, sicherere und vor allem stabile Gesellschaften entstehen. Der Economist trug dies 2021 in einer großangelegten Recherche zusammen und kam zu dem Schluss: Nations that fail women fail. Länder, die Frauen im Stich lassen, scheitern.

Unsere Bewegung ist für eine Gesellschaft, in der niemand über den Körper eines anderen herrscht.

Demonstrantin, Teheran

Ein Video aus dem Jahr 2025, Teheran: Eine junge Frau steht an einer Kreuzung, nimmt ihr Kopftuch ab und hält es einen Moment lang in der Hand, als würde sie überlegen, wohin damit. Dann steckt sie es in ihre Tasche und geht weiter. Zwei andere Frauen, ein paar Schritte entfernt, haben ebenfalls kein Kopftuch mehr. „Wir haben einfach aufgehört zu fragen, ob wir dürfen“, sagte eine Studentin aus Teheran mir seinerzeit.

Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und demokratischer Teilhabe

„Wir haben angefangen zu handeln.“ Seit dem Herbst 2022, seit dem Tod von Jina Mahsa Amini im Polizeigewahrsam, ist genau diese Handlung zu einer politischen geworden. Der Slogan „Frau, Leben, Freiheit“ ist längst mehr als ein Ruf auf Demonstrationen. Eine Protestierende aus Sanandaj formuliert es 2023 treffend: „Unsere Bewegung ist nicht nur gegen den Hijab. Sie ist für eine Gesellschaft, in der niemand über den Körper eines anderen herrscht.“

Der Widerstand der Frauen in Iran lässt sich deshalb kaum mit einer klassischen Frauenbewegung vergleichen. Zahlreiche Studien zeigen, dass er vielmehr das Gegenmodell zu einem politischen System geworden ist, das die Kontrolle über Frauen in den Kern seiner Ideologie gestellt hat. Seit der islamischen Revolution von 1979 reguliert der Staat den weiblichen Körper über Gesetze wie den verpflichtenden Hijab, über Familienrecht und moralpolizeiliche Kontrollen.

Die Soziologin Azadeh Kian beschreibt, dass Geschlechterrollen im Iran zur Strukturierung nationaler Identität und sozialer Hierarchie dienen – weshalb jede Herausforderung dieser Regeln zugleich die Legitimität des Regimes infrage stellt.

Gleichzeitig hat sich über mehr als ein Jahrhundert eine kontinuierliche Tradition weiblicher politischer Mobilisierung entwickelt, von den Aktivistinnen der konstitutionellen Revolution Anfang des 20. Jahrhunderts bis zu heutigen Netzwerken in Universitäten, Medien und der Zivilgesellschaft, wie Historikerinnen wie Afsaneh Najmabadi und Eliz Sanasarian zeigen.

Entscheidend ist dabei ein Paradox: Iran gehört zu den Ländern mit der höchsten Bildungsbeteiligung von Frauen im Nahen Osten, während sie rechtlich und politisch weiterhin stark eingeschränkt sind. Forschende wie Valentine Moghadam und Homa Hoodfar argumentieren, dass genau diese Kombination aus hoher Bildung, struktureller Diskriminierung und jahrzehntelanger politischer Erfahrung eine besonders mobilisierte Generation hervorgebracht hat.

Deshalb fungiert der Kampf iranischer Frauen heute nicht nur als feministischer Protest, sondern als gesellschaftlicher Katalysator für breitere Forderungen nach Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und demokratischer Teilhabe – ein Widerstand, der das autoritäre System im Kern herausfordert.

Man könnte es so sagen: der tagtägliche zivile Ungehorsam, den Frauen vor allem seit 2022 an den Tag legen, war der Nährboden für die Proteste, die Ende 2025 begannen, denn sie konnten in ein Klima des breit angelegten, dauerhaften und beständigen Widerstands gegen den Kern des Regimes eingebettet werden.

Drei Frauen strecken ihre Faust in die Höhe, dazu der Spruch: Solidarität ist unsere Superkraft
feministaz

Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.

Doch die Geschichte, auch des Iran, kennt ebenfalls das Risiko, dass Frauen zwar eine Revolution tragen, aber nicht unbedingt ihre politische Zukunft gestalten dürfen. 1979 beteiligten sich viele Frauen an den Protesten gegen den Schah. Nur wenige Wochen nach dem Sieg der Revolution gingen sie erneut auf die Straße – diesmal gegen den neu eingeführten Zwangsschleier. „Wir merkten plötzlich, dass die Revolution uns nicht meinte“, war eine der brutalen Erkenntnisse für Frauen.

Der iranisch-amerikanische Soziologe Asef Bayat beschreibt dieses Phänomen als ein wiederkehrendes Muster moderner Umstürze. In seinem Buch „Revolution without Revolutionaries“ schreibt er: „Frauen stehen oft an vorderster Front in revolutionären Momenten, werden jedoch an den Rand gedrängt, sobald die formalen Machtkämpfe beginnen.“

Auch Valentine Moghadam, die seit Jahrzehnten zu Frauenbewegungen im Nahen Osten forscht, weist darauf hin, dass Frauen häufig die soziale Dynamik von Protestbewegungen prägen – während politische Institutionen nach einem Umbruch wieder von traditionellen Machtstrukturen dominiert werden.

Im März 2019 stand eine junge Frau auf dem Dach eines Autos in der sudanesischen Hauptstadt Khartum. Sie trug ein weißes Gewand, hob den Arm und rief Parolen gegen die Militärherrschaft. Das Bild von Alaa Salah ging um die Welt. Die sudanesische Journalistin und Aktivistin Maha Elsanosi sagte später über diesen Moment: „Frauen waren nicht nur Teil der Revolution – sie waren ihr Rückgrat.“

Französische und Russische Revolution

Russische RevolutionDoch auch im Sudan zeigte sich ein bekanntes Muster. Frauen hatten Proteste organisiert, Demonstrationen angeführt, Netzwerke aufgebaut. Als jedoch die politische Macht neu verteilt wurde, dominierten wieder militärische und männliche Eliten die Übergangsregierung.

Doch dieses Muster ist älter als die sudanesische Revolution. Während des sogenannten Arabischen Frühlings spielten Frauen in vielen Ländern eine entscheidende Rolle. In Ägypten gehörten Aktivistinnen wie Asmaa Mahfouz zu den ersten, die zu Demonstrationen aufriefen.

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Videos von ihr verbreiteten sich 2011 in sozialen Netzwerken und halfen, Massenproteste zu mobilisieren. Doch nach dem Sturz Husni Mubaraks schrumpfte die politische Präsenz von Frauen in vielen neu entstandenen Institutionen. Die Russische Revolution von 1917 begann mit Frauen – regiert wurden sie später von Parteikadern und Generälen.

Auch bei der Französischen Revolution 1789 spielten die Marktfrauen, die man später zu „Fischweibern“ degradierte, eine entscheidende Rolle – politische Rechte erhielten sie dennoch nicht, im Gegenteil. Ihre Vereine wurden verboten.

Diese Erinnerung wirkt heute wie eine Warnung. Und trotzdem gibt es Gründe zu glauben, dass der iranische Fall anders verlaufen könnte. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass Frauen in Iran nicht nur symbolische Figuren des Protests sind, sondern das soziale und organisatorische Zentrum der Bewegung bilden.

Politikwissenschaftliche Studien zeigen, dass die politische Ermächtigung von Frauen eng mit demokratischer Transformation zusammenhängt: Gesellschaften, in denen Frauenrechte und weibliche politische Teilhabe wachsen, entwickeln stabilere demokratische Institutionen und stärkere Zivilgesellschaften.

Gleichzeitig zeigt Forschung zur Demokratisierung, dass Frauenbewegungen besonders dann nachhaltig Einfluss gewinnen, wenn sie breite gesellschaftliche Allianzen aufbauen – etwa mit Studierenden, Künstlern oder Arbeiterbewegungen. Genau das ist in Iran zu beobachten. Der Widerstand der Frauen richtet sich gegen das gesamte ideologische Fundament des Systems – nicht bloß gegen einzelne Gesetze wie die Vorschrift zum Tragen des Hijab.

In diesem Sinne könnte der aktuelle Aufbruch tatsächlich eine historische Verschiebung markieren: Wenn Frauen nicht nur Auslöser der Revolte sind, sondern bereits ihr organisatorisches Rückgrat bilden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie die politische Zukunft mitgestalten, ja bestimmen.

Und dass die nächste iranische Regierung von einer Frau angeführt wird.

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