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Behinderte und BehördenIgnoriert statt inkludiert

Wilma Johannssen

Kommentar von

Wilma Johannssen

Viele Menschen mit Behinderung brauchen im Alltag eine Assistenz. Aber diese bekommen sie häufig nicht, weil sie als zu kostspielig gilt.

Fehlende Barrierefreiheit schließt Menschen aus Foto: Sven Hoppe/dpa

D ie Treppe runter zur U-Bahn, der Griff ins oberste Küchenregal, das Warten im Stehen an der Supermarktkasse. Für viele Alltag und verinnerlicht. Wenn man denn ausreichend mobil ist. Dann laufen manche sogar mal gern die halbe Stunde nach Hause, statt den Bus zu nehmen. Der Schrittzähler freut sich, der Körper erst recht.

Doch nicht jeder und jedem fällt der Gang zur Bushaltestelle oder der Weg zur Arbeit so leicht. Für Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung kann es die größte Herausforderung des Tages sein, eine Bahn zu erreichen. Selbst eine Bordsteinkante und ein kleiner Treppenvorsatz können ein Hindernis sein. Besonders betroffen sind unter anderem Menschen mit Muskeldystrophie (Lgmd). Bei der genetisch vererbten Erkrankung bauen sich die Muskeln fortlaufend ab. Die Folgen sind mal gravierender, mal schwächer: Bewegungseinschränkungen und damit einhergehend in den meisten Fällen eine schwerwiegende körperliche Behinderung.

Noch nie davon gehört? Das verwundert nicht. Denn Menschen mit dieser körperlichen Behinderung sind im öffentlichen Raum unterrepräsentiert. Nicht nur, weil sie nur einen Anteil der Gesellschaft ausmachen, sondern auch, weil sie nicht ausreichend inkludiert werden. Denn oft werden Menschen mit Behinderungen in gesonderten Bussen zu ihren Arbeitsstätten gefahren, sie besuchen andere Schulen oder arbeiten in besonderen Einrichtungen. Die meisten Menschen ohne Behinderung haben in ihrem Alltag kaum oder gar nichts mit behinderten Menschen zu tun.

Hinzu kommt eine fehlende Barrierefreiheit: Es mangelt an Behindertentoiletten, barrierefreien Universitäten und Schulen, Aufzügen in öffentlichen Gebäuden. Sogar Behindertenparkplätze sind durch Bordsteine oft nicht nutzbar, U- oder S-Bahnhöfe haben keine Fahrstühle. Kurz: Körperlich behinderte Menschen fühlen sich ignoriert.

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Auch bei der Einstufung zur Pflege. Ohne eine Pflegekraft könnten viele Betroffene ihren Alltag nicht bewältigen. Sie können nicht mehr laufen, sich nicht allein waschen, geschweige denn für sich kochen. Und doch wird nicht wenigen von ihnen ein Pflegegrad verwehrt, mit dem sie Geld bekommen und damit eine Pflegekraft bezahlen können.

Die Krux: Der Fragebogen zur Einstufung ist vor allem an alte Menschen angepasst, die demenzkrank, inkontinent, psychisch labil sind – nicht aber an Betroffene, die klar im Kopf sind, aber sich nicht mehr gut bewegen können. Manche bezahlen eine Haushaltshilfe daher selbst. Eine nicht genehmigte Pflegestufe ist nicht das einzige Problem. Einige Pa­ti­en­t*in­nen berichten, Ergo- oder Physiotherapie, die für Muskelerkrankte essenziell sind, viel zu spät bewilligt zu bekommen oder einen Rollstuhl erst nach dem vierten Antrag an die Krankenkasse zu erhalten. Das ist fatal, weil sich der Zustand der Betroffenen rasch verschlechtert.

Betroffene können Widerspruch einlegen, wenn ihnen eine Leistung verweigert wird. Doch auch das ist häufig aussichtslos. Manche gehen den Klageweg, mit ein bisschen Glück wird die Klage sogar zu ihren Gunsten entschieden. Dafür ist nicht nur eine gute Anwältin notwendig, es kostet vor allem Nerven und Energie. Denn auch in solchen Fällen sind die meisten auf sich allein gestellt, Unterstützungsangebote sind rar. Da ist der Weg zum Arzt für medizinische Atteste nur eine kleine Hürde im Vergleich zu den Anträgen an Kranken- und Pflegekasse, der komplexen Rechtslage, den Tücken bei der Bürokratie. Die Betroffenen werden das Gefühl nicht los, im Stich gelassen zu sein.

Unwissen im Umgang mit Behinderten

„Demokratie braucht Inklusion“, heißt es zuallererst bei der UN-Behindertenrechtskonvention. Und das bedeutet: Menschen mit Behinderung sollen gleichberechtigt an der Gesellschaft teilhaben dürfen. Dafür steht ihnen ein Nachteilsausgleich zu. Doch der fehlt oft. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz scheint das nicht verändern zu wollen. So wurde er kritisiert, als er im vergangenen Sommer auf dem Kommunalkongress des Deutschen Städte- und Gemeindebundes in Berlin die steigenden Kosten für Inklusion als nicht länger akzeptabel bezeichnete. Hunderttausende unterzeichneten daraufhin eine Petition gegen die Kürzung bei der Eingliederungshilfe. An den Schwächsten der Gesellschaft, an Menschen mit Beeinträchtigung dürfe nicht gespart werden, entgegnete auch die Bundesvorsitzende der Lebenshilfe Ulla Schmidt.

Bereits vor zwei Jahren erklärten die Vereinten Nationen die Inklusionspolitik in Deutschland als unzureichend. Das Problem ist, dass für viele Menschen ohne Behinderung die Begegnung mit Menschen mit Behinderung unangenehm ist. Viele wissen schllicht nicht, wie sie sich verhalten sollen. Wie spricht man sie an? Wie bietet man Hilfe an, ohne diskriminierend zu sein? All das kann man lernen – man muss es nur wollen.

Damit Menschen mit Behinderungen – sowohl körperlichen als auch geistigen – ein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft werden, müssen wir ihnen begegnen. Wir müssen mit ihnen arbeiten, mit ihnen essen gehen, mit ihnen Sport machen und mit ihnen Bahn fahren. Wenn eine Studentin eine Universität nicht mehr besuchen kann, weil der Aufzug fehlt oder die Wege zu weit sind, dann scheitert das nicht an fehlendem sozialen Umdenken, sondern bereits an elementaren strukturellen Hilfestellungen, die Teilhabe erst ermöglichen. Es braucht politische Aufmerksamkeit, mehr Empathie und Bewusstsein – und einen einfacheren Zugang zu ausreichender Unterstützung für Menschen mit Behinderung. Solange aber Unterstützung für Inklusion als zu kostspielig angesehen wird, wird das nichts mit der Integration von Menschen, die Hilfe benötigen.

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Wilma Johannssen
Redakteurin Tazlab
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2 Kommentare

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  • Was Menschen ohne Behinderung ebenfalls meist nicht mitdenken ist, dass viele Hindernisse, die Menschen in den Weg gelegt werden, nicht nur die Beeiträchtigten betreffen.



    Die Regale im Supermarkt sind nicht so eingeräumt, wie wir es gewohnt sind, weil es für die Mehrheit so einfacher wäre, sondern weil es gut fürs Geschäft ist, manche Waren möglichst schwierig erreichbar zu präsentieren. Wege zur Arbeit sind nicht deswegen so weit, weil die Mehrheit das so will, sondern weil es für Arbeitgeber billiger ist, wenn Wohnen und Arbeiten deutlich getrennt voneinander stattfinden. Das gleiche gilt für die meisten Kulturangebote, die sich in entsprechenden Ballungsgebieten sammeln, wo wohnen nicht vorgesehen und daher nur mit Abstrichen im Komfort (für MbB sind das Abstriche in der Selbstständigkeit) möglich ist. Inklusion würde nicht nur den Menschen mit Behinderung helfen, sondern jedem einzelnen von uns.



    Das Inklusion momentan ein so teures Vorhaben ist, liegt nicht zuletzt daran, dass die Kosten für Infrastruktur nicht mehr gerecht auf alle Schultern gelegt werden, wie das in einer sozialen Marktwirtschaft eigentlich vorgesehen ist.

  • Daraus ziehe ich den Schluss, dass es -wen wundert's??- in unserer Gesellschaft einen Wert gibt, der alle anderen überragt: Geld. Mitgefühl, gar Nächstenliebe ist irgendwelches Pillepalle, das nur für Weicheier gedacht ist. Leute wie Elon Musk halten Empathie für Schwäche - und das kann man sich in einer aufgeklärten (??) Umgebung nun wirklich nicht leisten....