Neue Nutzung von Kirchen: Ommmm statt Amen
In Deutschland stehen vielerorts Kirchen leer oder werden sogar abgerissen. Dabei lassen sich die Gebäude für so viel anderes nutzen.
G otteshäuser müssen nicht bis in alle Ewigkeit Gotteshäuser bleiben. Aus alten Kirchen können Buchhandlungen, Kletterhallen, Yogastudios oder Wohnungen werden, wie Beispiele aus aller Welt (und auf den folgenden Seiten) zeigen. Die Frage, was mit leerstehenden Kirchengebäuden geschehen soll, wird sich in Zukunft in Deutschland vermehrt stellen: Sowohl die katholischen als auch die evangelischen Kirchengemeinden schrumpfen weiterhin dramatisch – beide haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten jeweils mehr als 6 Millionen Mitglieder verloren. Viele Gemeinderäume werden deshalb nicht mehr für religiöse Zwecke gebraucht. Von insgesamt etwa 45.000 Kirchengebäuden in Deutschland könnten schon bis 2033 rund 10.000 Kirchen, Kapellen und Pfarrhäuser aufgegeben werden, schätzen Expert:innen.
Eigentlich könnte das für Kommunen auch ein Grund zum Jubeln sein, mangelt es doch allerorten an Raum (für Neues). Oft genug aber werden die Kathedralen immer noch abgerissen, wie zuletzt etwa die Zufluchtskirche in Berlin-Spandau, St. Norbert in Kaiserslautern oder viele Nachkriegskirchen im Ruhrpott. Karin Berkemann, Professorin für Baugeschichte und Denkmalpflege an der Hochschule Anhalt in Dessau, sagt, es fehle häufig an Zeit und Geduld bei der Nachnutzung von Kirchen. „Die Kirchengemeinden vor Ort dürfen mit dem Finanzdruck nicht alleingelassen werden. Denn sonst schließen sie ihre Kirchen zu voreilig und verkaufen sie oft auf Abriss.“ Es brauche aber Zeit, um Investoren zu finden, Nachnutzer:innen zu gewinnen, die Sanierung zu konzipieren. Ein Grundstück zu verkaufen, sei da oft die leichtere und lukrativere Lösung. „Aus dieser Logik des schnellen Abstoßens der Kirchengebäude müssen wir raus.“
Karin Berkemann hat 2024 das Manifest „Kirchen sind Gemeingüter!“ mitinitiiert, das unter anderem von der Bundesstiftung Baukultur und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz mitgetragen wird. Knapp 23.000 Unterzeichner:innen hat die Petition. Die Kernanliegen: Kirchen sollen als gemeinwohlorientierte Räume erhalten werden, Stiftungsmodelle oder eine ganz neue Stiftungslandschaft sollen zu diesem Zweck entstehen.
„Wichtig ist, dass die Gebäude in öffentlicher Nutzung bleiben. Das sage ich als Denkmalpflegerin, die sich um den Zustand der Kirchenbauten sorgt“, erklärt Berkemann im Telefongespräch. „Wenn Sie mich als Theologin fragen, würde ich mir mehr Mischnutzungen wünschen, also dass sich Kirchengemeinden und nichtreligiöse Gruppen die Räume öfter teilen, als dies bislang geschieht.“ Bei der Finanzierung müsse man dann kreativ sein. Berkemann könnte sich vorstellen, dass die Staatsleistungen für Kirchen in einen Fonds zur Kirchennachnutzung fließen. In 14 Bundesländern erhalten religiöse Gemeinden diese Staatsleistungen aufgrund von Gebäudeenteignungen aus früheren Jahrhunderten, über 600 Millionen Euro wurden 2024 bundesweit an Kirchen ausgezahlt.
Kein neues Phänomen
Das Thema der Sakralraumtransformation – wie es fachlich auch genannt wird – scheint dabei langsam in Politik und Zivilgesellschaft anzukommen. Wenn Kirchen säkular nachgenutzt werden, spricht man bei katholischen Kirchen von Profanierung, bei evangelischen von Entwidmung. Die beiden großen christlichen Kirchen halten es mit der Heiligkeit ihrer Gebetsräume etwas unterschiedlich: Nach evangelischem Verständnis sind Kirchen „in usu“ heilig, also im Gebrauch, katholische Kirchen werden dagegen geweiht – müssen also auch entweiht werden, wenn sie zweckentfremdet werden sollen. Und noch etwas muss bei der Neu- und Nachnutzung berücksichtigt werden: der Denkmalschutz. Etwa 90 Prozent der Kirchen in Deutschland sind denkmalgeschützt.
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Dass einst als heilig geltende Orte verweltlicht werden, ist dabei eigentlich alles andere als ein neues Phänomen. Bereits während der Reformation im 16. Jahrhundert wurden aus Klöstern zum Beispiel Schulen oder landwirtschaftliche Betriebe. In jüngerer Zeit waren die sehr säkularen Niederlande Vorreiter für Umnutzung, dort gehören nur noch rund 30 Prozent der Bevölkerung den großen christlichen Kirchen an, in Deutschland ist es noch etwa die Hälfte.
Unsere Nachbar:innen haben vorgemacht, was aus Kirchen werden kann – etwa eine Brauerei, ein Trampolinpark oder ein Buchladen. Ein Blick ins Ausland lohnt dabei immer; im litauischen Vilnius wird eine Kirche als Restaurant genutzt, das unter anderem von Menschen mit Behinderung betrieben wird.
In Berlin hat sich im Herbst eine Arbeitsgruppe zur Kirchennachnutzung aus Senatsmitarbeiter:innen und Vertreter:innen des Erzbistums Berlin sowie der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg gegründet. Sie berät nun über 300 Kirchen in der Hauptstadt, die in den kommenden Jahren frei werden sollen. Silke Lechner ist stellvertretende Beauftragte für Kirchen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften des Berliner Senats und Teil der Arbeitsgruppe. „Wir haben ein Interesse daran, dass diese Gebäude eben nicht verschleudert und privatwirtschaftlich genutzt werden, sondern dem Land Berlin erhalten bleiben“, sagt sie im Videochat. „‚Die Kirche im Kiez lassen‘ ist unser Motto. Die Gebäude sollen weiter dem Gemeinwesen dienen.“ Auch Lechner betont die besondere Verantwortung für die Bauten und die religiösen Gemeinschaften, die diese genutzt haben. „Wir verfolgen zugleich das Ziel, dass Räumlichkeiten für kleinere Religionsgemeinschaften gesichert werden. Wir wollen nicht, dass diese an den Rand gedrängt oder aus ihren Häusern vertrieben werden.“ Auch Lechner sieht die Mischnutzung von kulturellen, zivilgesellschaftlichen, sozialen und eben auch religiösen Gruppen als Königsweg.
Soziale Nachnutzung und Begegnungsorte
Aber natürlich können die Kirchen auch zu Wohnraum werden, der in vielen Städten knapp ist. In Berlin gibt es in Schöneberg, Kreuzberg und in Weißensee (im Bau) schon einige Beispiele dafür, die jedoch eher im hochpreisigen Segment liegen. Vielleicht braucht auch Berlin ein Manifest – eines für die soziale Nachnutzung der Kirchen. Obdachlosenheime, Sozialwohnungen und Geflüchtetenunterkünfte unterm Kirchendach? Angesichts der Wohnraumkrise wäre das eine so naheliegende wie bedenkenswerte Utopie.
Das Know-how ist dabei längst da, in vielen Städten haben Architekturbüros Expertise bei der Kirchenumnutzung. So hat das Büro Bundschuh in Berlin mehrere Kirchenumbauten vorgenommen, in Hannover und Goslar haben Gert Meinhof und Dirk Felsmann zuletzt einige Projekte realisiert. Das Entwicklerduo wies kürzlich in der FAZ darauf hin, dass „es preiswerter und ökologisch sinnvoller ist, den Bestand zu erhalten und behutsam nachzunutzen, als alles komplett abzureißen und neu zu bauen. Gerade bei Kirchbauten, die ja meist in zentralen schönen Lagen errichtet wurden.“
Auch Kunst- und Architekturwissenschaftlerin Stefanie Lieb, Expertin für Kirchennachnutzung, sagt, der nachhaltigere Weg sei in Zeiten der Klimakrise die Umnutzung. Im Sommer brauche es künftig vermehrt kühle Räume, welche die Kirchen bieten könnten. Und für den Winter sei der Einbau intelligenter neuer Heizsysteme sicher ökologischer als der Abriss.
Denkmalpflegerin und Theologin Karin Berkemann will, dass die Kirchen in neuer Form eine alte Funktion beibehalten: die des Zusammenkommens. „Die Demokratieforschung sagt, dass es eine alltägliche Begegnung zwischen Menschen braucht, mit denen wir uns sonst vielleicht nicht treffen würden, die nicht zu unserer Bubble gehören“, sagt sie. Diese Funktion der Kirche sei oft verloren gegangen, werde aber auch in einer säkulareren Gesellschaft benötigt – gerade in einer instabilen Zeit wie der heutigen. „Demokratie können wir nicht mehr einfach voraussetzen, sondern wir müssen an ihr arbeiten“, sagt sie. Kirchen als Demokratieorte? Auch da geht doch noch was. Jens Uthoff
Maastricht: Vom Kloster zur Buchhandlung
Der Buchhändler Ton Harmes ist leidenschaftlicher Liebhaber seines Geschäftsgebäudes, des 700 Jahre alten früheren Dominikanerklosters mitten im niederländischen Maastricht. Er hat dort 2006 einen riesigen Buchladen eröffnet, der 74-Jährige spricht heute vom „spirituellen Inhalt als Treibstoff“ für sein Geschäft. Mit seiner Liebe ist er nicht allein: 2007 adelte der britische Guardian seinen Boekhandel Dominicanen zur „schönsten Buchhandlung der Welt“, sie sei „wie im Himmel erschaffen“. Das deutsche Geo-Magazin sekundierte später: „Göttlich“. Mittlerweile, so Harmes, kämen mehr als eine Million Menschen pro Jahr zu Besuch.
Das Besondere an der Buchhandlung sind die begehbaren zweigeschossigen Regalkonstruktionen. Im zweiten Stock, auf gut acht Metern Höhe, öffnen sich den Besuchern umringt von Bücherwänden immer neue Blicke ins Kirchenschiff, und man ist den restaurierten Deckenmalereien aus dem Mittelalter und der Barockzeit ziemlich nah. Die riesigen Regale sind aus Eisen und 30 Meter lang. Wie Schachteln wurden sie denkmalschutzgerecht in die gotische Halle hineingestellt und teils um die mächtigen Säulen herumgebaut. „Wir berühren das Gebäude nicht“, sagt Harmes. Der gesamte Raum scheint auf magische Weise gewachsen, obwohl die Regalwände so viel Platz einnehmen. Für ihr Konzept erhielt das Amsterdamer Architekturbüro Merkx+Girod seinerzeit den Niederländischen Innenarchitekturpreis.
Die Dominikaner sind dabei schon seit den Zeiten Napoleons raus. Im Jahr 1815 ging das Gebäude in den Besitz der Stadt über – und wurde immer nur gelegenheitsgenutzt, mal als Konzertsaal, mal als Schlachthaus, nach dem Krieg für den Kinderkarneval, dann als Parkhaus für Hunderte Fahrräder. Bis Harmes die Kirche vor knapp 20 Jahren pachtete.
Der Lesetisch im alten Altarbereich hat die Form eines angedeuteten Kreuzes. Den Cappuccino machen die Coffeelovers von Blanche Dael, einem kleinen Maastrichter Fairtrade-Kaffeeröster. Manche rümpften die Nase, profaner Genuss an diesem heiligen Ort? „Nein, passt“, sagt Harmes, „das ist doch der Ort des Abendmahls.“ Etwa 170 Veranstaltungen gibt es jährlich: Lesungen, Konzerte, Diskussionsrunden.
Die älteste Stadt der Niederlande hat noch viele andere umgenutzte Sakralbauten – ein Naturkundemuseum, ein Info-Center der Uni und ein Modegeschäft befinden sich heute dort. Eine frühere Kirche gleich am Maasufer war lange eine Disco, dann eine Turn- und Fitnesshalle, später ein Gemüsemarkt. Im benachbarten Heerlen wird eine Kirche gerade zum Schwimmbad. Besonders spektakulär: das Maastrichter Kreuzherrenkloster von 1440, heute zum Fünfsternehotel umgebaut. Auf zwei Etagen sind im Kirchenschiff die Restauranttische für gotteslästerliche Völlerei untergebracht, darüber schweben wie Ufos die meterbreiten Lampen des Münchner Lichtdesigners Ingo Maurer. 60 Betten gibt es in den Seitenflügeln. Doppelzimmer ohne Frühstück: 206 bis 430 Euro die Nacht. Ob es zum Trost konservativer Kirchenkreise wenigstens die Bibel bei Buchhändler Harmes zu kaufen gebe? „Aber ja, natürlich“, sagt der, „und den Koran und die jüdische Bibel auch.“ Bernd Müllender
Berlin: Filmset und Konzertsaal
Lange Zeit stand dort, wo Isabel Schubert nun schnellen Schrittes die Treppe hinaufgeht und durch einen Säulengang schreitet, eine komplett zugewucherte Kirchenruine. Eine einigermaßen berühmte sogar. Karl Friedrich Schinkel errichtete hier in der Berliner Invalidenstraße zwischen 1832 und 1835 im Auftrag des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. die Kirche St. Elisabeth. Damals befand sich hier nicht Berlin-Mitte, sondern die Rosenthaler Vorstadt, „ein armes Arbeiterviertel am Rande Berlins, in dem die Menschen meist in prekären Verhältnissen lebten“, wie Isabel Schubert erklärt. „Der König wollte die ärmeren Stadtviertel aufwerten und hat ‚zur moralischen Erhebung der Verhältnisse‘ – wie er es nannte – vier Kirchen in den Vorstädten errichten lassen.“ Im Zweiten Weltkrieg wurde St. Elisabeth dann zerstört, bis in die neunziger Jahre rottete die Ruine vor sich hin – ehe eine Kulturkirche an diesem Ort entstand.
Isabel Schubert ist Kulturmanagerin und arbeitet seit 2006 für das Kultur Büro Elisabeth (KBE), das aus der einstigen Kirche den heutigen Veranstaltungsort gemacht hat. Schubert hat das Projekt fast von Beginn an begleitet, ist heute dessen künstlerische Leiterin. Die 50-Jährige führt nun hinein ins Innere der Kirche mit ihrer prächtigen hohen Decke und der runden Apsis, dem ehemaligen Altarraum, der heute oft als Bühne dient. Im Jahr 1990 fing man an, die Kirchenruine Stück für Stück wiederherzustellen, im Jahr 2003 begann die kontinuierliche Nutzung für Kulturveranstaltungen. Der vor einigen Jahren verstorbene Architekt Klaus Block, der viele Kirchensanierungen und -umbauten in Berlin begleitet hat, ließ unter anderem die Fassade und das Dach erneuern; seine Pläne werden bis heute realisiert. Aktuell werden zwei Seitenemporen, die Teil der Dachkonstruktion sind, ausfahrbar gemacht, sodass sie als weitere Bühnenfläche genutzt werden können.
Die ständige Erweiterung ist Konzept beim Kultur Büro Elisabeth. Gleich mehrere kirchliche Orte – darunter die angrenzende Villa Elisabeth, die Sophienkirche und die Zionskirche – bespielt die Initiative. Die meisten Veranstaltungen finden allerdings in den beiden „Haupthäusern“, St. Elisabeth und der Villa Elisabeth, statt. Zwölf Mitarbeiter stemmen um die hundert Veranstaltungen im Jahr, davon etwa 50 im kuratierten Konzertprogramm. Das Festival Tanz im August ist zum Beispiel jährlicher Gast, Orchester, Chöre und Ensembles der Freien Szene Berlins geben Konzerte. All das gelingt dem KBE-Team ohne dauerhafte öffentliche Förderung; refinanziert werden die Kulturveranstaltungen unter anderem durch Vermietung an Firmen, für Filmdrehs, Werbeevents oder Kongresse.
Schubert legt Wert darauf, dass das Kultur Büro Elisabeth den religiösen Hintergrund der Gebäude mitdenkt. „Bei der Kuration achte ich darauf, dass die Veranstaltungen mit der Würde des Ortes zusammenpassen“, sagt sie. „Wenn die Kirche etwa nur als Kulisse zur Provokation dienen soll, lehnen wir Projekte eher ab. Dafür entwickelt man mit der Zeit ein Gespür.“
Die Architektur des Gebäudes wirkt dabei fast überwältigend, man blickt zur über 13 Meter hohen Decke auf, die alten Klinkersteine der Seitenwände gehen über in das moderne Glasdach, das den Raum mit Licht durchflutet. Der Besucherraum hat 315 Quadratmeter, ohne jegliche Bänke darin kommt er einem sehr weit vor. Rechts und links neben dem einstigen Altarraum an der Front ragen die ehemaligen Sakristeien wie Türme auf. Der alte Schinkel scheint hier mit dem neuen Block organisch zusammengewachsen zu sein.
„Man spürt, dass von Kirchengebäuden eine ungeheure Kraft ausgehen kann“, sagt Schubert, während sie weiter durch den Raum streift. „Einzig auf die praktische Nutzung zu setzen und den spirituellen Charakter außen vor zu lassen, funktioniert daher nicht. Man muss alle Aspekte zusammendenken.“ Für sie bedeutet das auch, die Geschichte dieses Ortes mitzuerzählen. In der NS-Zeit sei dies eine sehr braune Kirchengemeinde gewesen, dominiert von den Deutschen Christen. Schubert hat auf dem Außengelände zu dieser Epoche einen Info-Point errichtet; auch auf der Website kann man die NS-Geschichte der Kirche nachlesen.
Isabel Schubert, Kulturmanagerin
Die Arbeit des Kultur Büros Elisabeth lässt sich mit den Worten Karl Schefflers zum Zustand Berlins Anfang des 20. Jahrhunderts treffend beschreiben: „verdammt, immerfort zu werden und niemals zu sein“. Es wurden weiter neue Orte erschlossen, vor drei Jahren hat das KBE das Friedhofscafé Lisbeth eröffnet, einen Begegnungs- und Kulturort, der insbesondere den Themen Abschied, Übergang und Trauer Raum gibt. Und in Zukunft sollen die Haupthäuser mit einer Geothermie-Anlage ausgestattet werden und endlich eine vernünftige Heizung bekommen. Nachhaltigkeit ist dabei ein Stichwort, das Isabel Schubert wichtig ist, das sie aber auch in dem Sinne definiert, „wie etwas nachwirkt“. Sie sagt: „Wenn man in so einem Raum ein tolles, schönes Erlebnis hatte, dann kann man das auch als nachhaltig bezeichnen.“ Dass diese Kathedrale in Berlin-Mitte für solche Erfahrungen wie geschaffen ist, weiß jeder, der sie mal besucht hat. Jens Uthoff
Staig: Wo die Kirche im Dorf bleiben soll
Nirgends hat das „Omm“ von Yogatrainerin Heike Seemüller bislang so gewaltig gehallt wie vor dem ehemaligen Altar der Marienkirche im schwäbischen Dorf Staig bei Ulm. Hinter ihr thront während der Übungen ein gläsernes Abbild von Jesus, rund fünfzig Yogis rollen ihre Matten dort aus, wo einst Betbänke standen. Während die bunten Bleiglasfenster den Raum in warmes Licht tauchen, schlägt die Trainerin gegen ihre Klangschale. „Genießt jeden Atemzug“, flüstert sie. Und die Kursteilnehmer:innen scheinen ihr zu folgen.
Der Saal, in dem die Yogis erst in den herabschauenden Hund, dann den Vierfüßlerstand geführt werden, stand jahrzehntelang leer. Mitte der 1960er baute die katholische Gemeinde eine neue Kirche im Ort, die alte Marienkirche sollte abgerissen werden. Doch die Denkmalbehörde stoppte das Vorhaben. Das Gemäuer verkam, Tauben nisteten im einstigen Gotteshaus.
In den 1980er Jahren übernahm dann der Restaurator Peter Rau die heruntergekommene Kirche für eine symbolische D-Mark. Er profanierte sie, investierte einen Millionenbetrag. Jetzt will er sein Lebenswerk für rund 1,5 Millionen Euro verkaufen – am liebsten zurück an die Gemeinde. Doch die lehnt ab. Was also tun mit der Kirche, die schon wieder niemand will?
Eine Gruppe aus Dorfbewohner:innen hat eine Antwort: Im Mai 2025 gründeten 14 Personen aus der Gemeinde die Interessengemeinschaft „Zukunft Marienkirche“. Das ehrenamtliche Team entwickelte einen Plan, um die Marienkirche im Dorf zu halten. „Unser Ziel war es erst mal, dieses Haus in die Öffentlichkeit zu bringen“, sagt Ulrike Geiselmann, die sich in der Interessengemeinschaft engagiert. Denn die meisten der rund 3.000 Dorfbewohner:innen haben die Räume noch nie von innen gesehen.
Geiselmann findet, die Marienkirche könne eine Lücke füllen. Das Sportangebot im Ort sei zwar schon super, doch fehle es an Kultur. „Wenn junge Leute hier was unternehmen wollen, müssen sie eigentlich in die nächste Stadt fahren“, erklärt sie. Die Interessengemeinschaft organisierte also Konzerte, ein Café, Yoga, einen Kabarettabend. „Hunderte Menschen kamen und unterschrieben, dass die Kirche im Dorf bleiben soll“, sagt Geiselmann. Doch die Gemeinde verweist noch immer auf fehlende Mittel.
Die Interessengemeinschaft hat nun einen Plan entwickelt: Sie möchte eine Genossenschaft gründen, mit der sie die Kirche kaufen will. Genoss:innen sollen Anteile für je 1.000 Euro erwerben können, der Rest wird von der Bank geliehen. Vorstand, Aufsichtsrat und viele helfende Hände sollen die Kirche dann zu einem generationsübergreifenden Anlaufpunkt für den ganzen Ort machen. Nun gilt es, Menschen aus der Region von dem Vorhaben zu überzeugen: „Es braucht seine Zeit, Genoss:innen zu finden“, sagt Geiselmann.
Wie die 61-Jährige sich die Zukunft ausmalt? Ein volles Café im grünen Vorgarten der Marienkirche, ein Konzert an einem lauen Sommerabend, sonntags vielleicht eine Hochzeit oder ein Kindertheater – so ihre Visionen für das Gelände. Obwohl der Plan in weiter Ferne und der Kaufpreis hoch ist, bleibt sie optimistisch. Denn als sie im Sommer auf ihrer Yogamatte kniete und sich zum Summen der Klangschale entspannte, brach ein Sonnenstrahl durch das bunte Bleiglasfenster direkt auf ihre Matte. „Schon da war mir klar: Wir werden es schaffen, die Kirche in unsere Hände zu bekommen“, sagt Ulrike Geiselmann. Leon Scheffold
Mönchengladbach: Richtung Himmel klettern
Ulrike Geiselmann, Ehrenamtliche
Der Anfang war mühsam, im Nachhinein komisch. „Im Radio hatte ich gehört, dass St. Peter endgültig aufgegeben wird“, sagt Simone Laube, leidenschaftliche Kletterin aus Mönchengladbach. Diese Kirche, dachte die 53-Jährige, könnte man doch zum Kletterparadies umbauen. „Aber, wie kommt man an eine Kirche?“
Anrufe bei der Stadt, beim Bistum, der Kirchengemeinde. „Auf meinen Wunsch: Ich will die Kirche kaufen oder mieten, kam immer zuerst: Totenstille …“ Ja wie, was, klettern? Der Pfarrer habe gefragt, „ob wir Nachfahren von Luis Trenker“ – bekannt für seine Bergsteigerfilme – seien. Erst der Kirchenvorstand gab zurück: „Charmante Idee.“
Die Umsetzungspläne begannen Ende der Nullerjahre, auch sie gestalteten sich schwieriger als gedacht. „Für Banken war das völlig neu, für Stadt, Denkmalschutzbehörde und Architekten auch. Und das Bistum wollte uns erst nicht aus seinem teuren Versicherungspool lassen.“ Doch Simone Laube blieb beharrlich, sie eröffnete 2010 „die einzige katholische Kletterkirche der Welt“, wie sie sagt. Laube ist Pächterin des Kirchengebäudes. „Ich habe einen Traum verwirklicht.“
Jetzt am frühen Nachmittag ist es ziemlich leer. Die 12-jährige Juliana ist gerade da, Anfängerin. Die Chefin selbst sichert am Seil und redet ihr gut zu. „Vertrau mir, es kann nichts passieren …“ Juliana kommt dem Himmel fast drei Meter näher. „Du wirst immer besser“, hört sie wenig später und erwidert schüchtern „gut“, noch staunend über ihre Fortschritte in der Senkrechten.
Vormittags kommen oftmals Schulklassen, nachmittags viele Schüler:innen einzeln, auch Kinder ab 5 Jahren zum Schnupperkletterkurs. Abends ist es voll, sagt Laube, da kommen die Fortgeschrittenen und Könner:innen, am Wochenende oft im Familienverbund. Es warten 42 Seile, gut 200 Routen, unzählige bunte Tritte und Griffe; auf 1.300 Quadratmetern, bis 13 Meter Höhe, mit Überhang unter der Decke. All das hatte 2013 auch der damals 9 Jahre alte Leander Carmanns hier über sich. Heute ist Carmanns 21 und Vizeweltmeister im Speedklettern. 2028 ist Olympia. „Und der Leander holt Gold“, ist sich Laube sicher.
Die kirchliche Anmutung ist im umgebauten Gebäude stellenweise geblieben: die großen runden Seitenfenster mit den bunten Mosaiken, die Weihwasserbecken im Eingangsbereich, eine kleine Glocke, ein paar alte dunkle Betbänke zwischen den drei Kletterwänden zum Zugucken. Die Bar (Kaffee, Kuchen, Kreide, Leihgurte und Leihschuhe) ist aus dem Holz des ehemaligen Kircheninterieurs gezimmert. Im Seitengang findet sich ein Anfängerparcours, schräg hinter der Kirche eine Anlage zum Outdoor-Bouldern, beide mit dicken Matten.
Die Griffe aus Epoxidharz gehen bei der Nutzung mit der Zeit kaputt, sie wären dann eigentlich als Sondermüll zu entsorgen. Aber verschlissene Teile wegzuwerfen findet Laube nicht nachhaltig, „also upcycle ich sie selbst“.
Neben diesem Öko-Nebenjob ist die gelernte Zahntechnikerin auch zur Pädagogin geworden. „Man kann jungen Menschen hier Werte vermitteln, man lernt Kontrolle abzugeben, Verantwortung zu übernehmen, immer Respekt zu haben vor den anderen und den Gefahren. Vertrauen lernen, sich auf andere verlassen.“ Und, was sie immer wieder beobachtet: Kinder und Jugendliche reden in der Kletterhalle über ihre Ängste. „Wo gibt’s das sonst! Klettern ist eine pädagogische Schatzkiste.“ Bernd Müllender
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