Petition der Woche: Wer übernimmt die Verantwortung?

Von den 50ern bis in die 80er wurden in BRD und DDR Millionen Kinder in Kur geschickt, viele erfuhren dort Gewalt. Eine Petition fordert Aufarbeitung.

Anja Röhl an einer Strandprommenade.

Anja Röhl, Initiatorin der Petition, auf Borkum, wo es zeitweise 30 Kinderheime gab Foto: Andreas Behr/dpa/picture alliance

Vertröstet und versetzt – so fühlt sich Anja Röhl, Initiatorin der Petition „zur Aufarbeitung der Misshandlungen der Verschickungskinder“ an Familienministerin Lisa Paus. Etwa acht Millionen Kinder wurden seit Beginn der 1950er bis Ende der 1980er Jahre quer durch die BRD zur Erholung in spezielle Kinderkurheime geschickt. Viele der verschickten Kinder waren dort Prügel und Demütigungen ausgesetzt und erlitten schwere psychische Schäden. Auch in der DDR gab es Kinderkuren, ein noch kaum bekanntes Thema.

Röhl, die selbst zweimal verschickt wurde, hat im Frühjahr ein Buch zum Thema veröffentlicht. Sie lancierte die Petition, nachdem das Bundesfamilienministerium bei einem Treffen im Juli abgelehnt hatte, sich mit dem Thema zu befassen. Es begründete dies laut Röhl damit, dass für die Verschickungen „allein die Länder verantwortlich“ gewesen seien.

Innerhalb kürzester Zeit unterzeichneten fast 40.000 Menschen den Aufruf für eine gesellschaftliche „Anerkennung des Leids“ der Verschickungskinder und eine wissenschaftliche Aufarbeitung der organisatorischen Strukturen und medizinisch-pädagogischen Vorgaben, die das Kinderverschickungssystem möglich gemacht haben. Zudem wollen die In­itia­to­r:in­nen, dass im Bundestag eine Anhörung zu diesem Thema stattfindet.

Die Initiative fordert keine individuelle Entschädigung, sondern finanzielle und logistische Unterstützung bei der Einrichtung von Forschungsprojekten, psychologischen Beratungsstellen und bei der Bewältigung „der ehrenamtlichen Arbeit, die alleine nicht mehr zu schaffen ist“, sagt Röhl. Es brauche ein Dokumentationszentrum, eine Stiftung und eine Geschäftsstelle zur Koordination der Aktivitäten, allein die Flut der Zuschriften sei nicht mehr von Einzelnen zu bewältigen.

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Über 7.000 ehemalige Verschickungskinder haben auf der Seite der Initiative über ihre Erfahrungen berichtet. Unter dem Dach der Initiative sind zahlreiche Heimort- und Ländergruppen, Selbsthilfe- und Recherchegruppen entstanden. In Nordrhein-Westfalen gab es eine Anhörung im Landtag, in mehreren Bundesländern wurden wissenschaftliche Untersuchungen in Auftrag gegeben.

Dass der Bund eine „Verantwortungsübernahme“ ablehnt, empört Röhl. „Die Verschickungen waren ein bundesweit verzahntes Unterfangen“, sagt sie auf Nachfrage der taz, „sie wurden länderübergreifend organisiert. Eine Entsendestelle in Schleswig-Holstein verschickte Kinder nach Bayern und umgekehrt: Sonderzüge der Bahn transportierten in den Jahren 1963 bis 1976 jährlich über 250.000 Kinder kreuz und quer durch die Bundesrepublik, bezuschusst wurden die Fahrten vom Bund, gesetzlich flankiert durch die staatliche Sozialgesetzgebung.“

Röhl hält eine Drittelung der Kosten bei der Aufarbeitung zwischen Bund, Ländern und den Trägerorganisationen für angemessen. „Die Kuren waren für die Träger eine willkommene Einnahmequelle. Unsere Recherchen ergeben ganz klar: Es war ein System – der Bund fungierte als Geldgeber, die Länder hatten die Heimaufsicht, und Träger der Heime (von Kirche bis Arbeiterwohlfahrt und viele andere) tragen gemeinsam die Verantwortung dafür.“

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