Ein großes Landhaus steht zwischen hohen Bäumen auf einer trockenen Wiese

Das Haus Dahmshöhe liegt abgeschieden im Havelland, bis zum nächsten Ort sind es zwei Kilometer Foto: Sophie Kirchner

Kinderkuren in der DDR:Am Anfang war die Tat

Was im Westen die Kinderverschickung war, hieß in der DDR Kinderkur. Viele erlebten dort sexualisierte Gewalt. Geglaubt hat ihnen lange niemand.

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Aus fürstenberg, havel, 24.7.2022, 09:12  Uhr

Ein großer Wandteppich hängt im Treppenhaus, handgeknüpft. Er zeigt die stilisierte Fassade eines stattlichen Hauses mit zwei Türmen, hohen Fenstern und ziegelrotem Dach. Kinder und Erwachsene stehen Hand in Hand, als wollten sie einen Reigen um das Haus tanzen. Zweige, Blumen, Tiere, Menschen wie in einem naiven Wimmelbild verorten das Haus in ländlicher Umgebung. Darüber in Stickschrift ein Datum: 30. Mai 1948. Darunter, angelehnt an das Goethe-Zitat: „Am Anfang war die Tat“.

Tatkräftig wollte der Sozialismus den Aufbau des Landes vorantreiben, und die ersten Kinder, die Ende der 40er ins nordbrandenburgische Dahmshöhe kamen, waren vermutlich kriegsmüde, krank und unterernährt. Das Wandbild suggeriert: Hier könnt ihr fröhlich sein, hier kümmert man sich um euch. Für die zwei Frauen, die im Mai 2022 einen Rundgang durch das Haus machen, bedeutet diese Inschrift etwas anderes.

„Kennst du das?“, fragt Diana Mehmel ihre Begleiterin. „Hing das Wandbild früher schon hier?“ Sie bleibt irritiert stehen. „Ich kenne das nicht“, sagt Katrin L. entschieden. Die beiden Frauen sind an diesem Tag nach Dahmshöhe gekommen, weil sie einer Tat nachspüren, die ihr Leben einschneidend beeinflusst hat. Was genau ist ihnen hier geschehen? Das Wandbild gibt keinen Aufschluss. Es ist von ebenso heiterer wie deprimierender Eindimensionalität. Zweifel, Ängste, Fragen haben darin keinen Platz.

Erinnere ich das richtig? Kann ich meinem Gefühl, kann ich mir trauen? Diese Fragen beschäftigen in dieser Geschichte mehrere Menschen. Es sind kennzeichnende Fragen für diejenigen, die in ihrer Kindheit Traumatisierendes erfahren haben und damit allein geblieben sind. In manchen Fällen überlagert oder überblendet das Erlebte alles drumherum. Oftmals aber hinterlässt es einen schwammigen und dennoch massiven Abdruck im Körper und einen harten Abdruck in der Seele. Je länger es zurückliegt, je traumatischer das Erfahrene war, desto vager ist oft die Erinnerung: abgespaltenes Material, das uns im Laufe des Lebens immer wieder einholt. Manchmal hilft es, an den Ort zurückzukehren, wo alles begann.

Unzuverlässige Erinnerung

Dieser Ort ist in dieser Geschichte Haus Dahmshöhe. Wie ein verwunschenes Schloss liegt das denkmalgeschützte Haus im Havelland da, umgeben von einer parkähnlichen Anlage mit einer großen Terrasse. „Das Schwimmbecken ist weg“, werden Dia­na Mehmel und Katrin L. feststellen, als sie das Terrain sondieren, wo sie in ihrer Kindheit einige quälende Wochen verbracht haben. Die Topografie des Gedächtnisses ist unzuverlässig, zu zweit lassen sich Erinnerungen leichter rekonstruieren und ertragen. Katrin L. will nicht, dass ihr Familienname in der Zeitung veröffentlicht wird.

Sie sagt: „Meiner Meinung nach standen am Pool mehr Bäume. Wir hatten von den Kiefern immer diese klebrigen Nadeln im Wasser.“ Diana Mehmel sagt: „An die Nadeln kann ich mich nicht erinnern. Ich war im Winter hier, das hilft mir gerade. Ich bin relativ stabil, weil ich im Winter hier war. Das triggert nicht so extrem.“

Von 1948 bis 1990 war das heutige Haus Dahmshöhe ein Kinderkurheim. Pro Jahr wurden hier etwa 700 Kinder im Vier-Wochen-Turnus durchgeschleust. Denn wie in der BRD gab es auch in der DDR das Phänomen der massenhaften Kinderverschickung, dort hieß es schlicht: Kinderkur.

Etwa 1o Millionen Kinder waren zwischen 1949 und 1989 in der BRD betroffen; in der sehr viel kleineren DDR mit einer Bevölkerung von unter 20 Millionen wurden immerhin rund 2,6 Mil­lio­nen Kinderkuren von der Sozialversicherung als Heilkuren oder zur Prophylaxe durchgeführt. Die Zahl der Kinder, die vorbeugend eine Kur verordnet bekamen, war etwa doppelt so hoch wie die bei Genesungskuren, hat die Historikerin Julia Todtmann ermittelt.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Todtmann schreibt derzeit an ihrer Masterarbeit in Public History. Sie ist die Erste, die zum Phänomen des Kinderkurwesens in der DDR forscht. Obwohl das System der Kinderkuren dort überwiegend staatlich organisiert war, ähneln die ärztlichen Vorgaben – Haltungsschäden, Atemwegserkrankungen, Zunahmekuren – und die Erfahrungen vieler Betroffener denen aus Westdeutschland: Sie fühlten sich schikaniert, lieblos behandelt. „Im Erleben der Kinder gibt es viele Ähnlichkeiten“, sagt Todtmann. Doch wie sah es mit organisatorischen Strukturen und pädagogischen Konzepten aus?

Struktur oder Einzelfall?

Todtmann hat Archive durchforstet, Statistiken, Richtlinien und Protokolle gelesen und für den empirischen Teil ihrer Arbeit einen Fragebogen erarbeitet, den 140 Personen beantwortet haben. „Ich wollte ein Heim beispielhaft untersuchen, um herauszubekommen: Was gab es für persönliche Erfah­rungen, und was finden wir an Belegen für Gewalterfahrungen?“, erklärt sie. „Bei den BRD-Heimen spielt das Thema eine große Rolle. 6.000 Betroffene berichten mittlerweile von unterschiedlichsten Formen von Gewalt. Und meine Frage war natürlich: Findet man das in der DDR auch in diesem Umfang?“

Man findet, aber nicht in diesem Umfang, nicht vom gleichen Zuschnitt.

Todtmann entschied sich für das Kinderkurheim Dahmshöhe – kein anderes Heim hatte bei ihrer Umfrage so viele negative Treffer. Es sei zugleich das Heim gewesen, über das man in Internetforen am meisten Einträge findet. Zwar gab es bei der Auswertung ihrer Umfrage auch einige positive Berichte zu Dahmshöhe, aber insgesamt sechs Menschen schildern Erfahrungen dort in Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt. Todtmann wollte wissen, „ob es begünstigende Faktoren dafür gab“.

Zwei der sechs Betroffenen sind Dia­na Mehmel, 45, und Katrin L., 49, die im Mai gemeinsam mit Todtmann Haus Dahmshöhe besuchen. Kennengelernt haben sich die Frauen über die Gruppe der „DDR-Kurkinder“ der Bundesinitiative der Verschickungskinder. Diana Mehmel ist 1983 als Sechsjährige in Dahmshöhe zur Kur gewesen, Katrin L. 1984 mit zwölf Jahren. Mehmel wurde Zeugin, L. Opfer sexuellen Missbrauchs, beide mutmaßlich durch den damaligen Heimleiter.

Das Kinderkurheim Dahmshöhe mag ein Einzelfall sein – Hinweise auf sexuelle Übergriffe fand Todtmann für 3 von 155 ermittelten Kinderkurheimen. „Wir kennen die Dunkelziffer nicht“, schränkt sie ein. „Aber ich habe keine Belege dafür gefunden, dass sexueller Missbrauch in den Kinderkurheimen an der Tagesordnung war.“

Dennoch: Könnte die Institution Heim als solche durch ihre geografische Abgeschiedenheit, ihre erzieherischen Vorgaben und die fehlende so­zia­le Kontrolle durch Eltern oder Schule die ungestörte Ausübung von körperlicher, psychischer oder sexualisierter Gewalt begünstigt haben? Wo war der Staat, der doch angeblich über alles wachte? An wen können sich Betroffene heute wenden? Wer und was hilft ihnen bei der Aufarbeitung und Bewältigung des Erlebten?

Begegnung mit der Angst

Die drei Frauen haben auf der Terrasse von Haus Dahmshöhe Platz genommen. Das ehemalige Kinderkurheim wird inzwischen von der Lebenshilfe als Begegnungsstätte für Menschen mit Behinderung betrieben. Die heutige Leiterin empfängt freundlich und hält sich im Hintergrund. Diana Mehmel sagt: „Ich glaube, wir müssen Schritt für Schritt gehen.“ Das heißt, die Innenräume zu besichtigen, Duschräume, Toiletten und Schlafräume ausfindig zu machen. Das heißt auch: Erinnerung und Bilder hochrufen, Ängste in den Griff kriegen.

Katrin L. ist schon einmal nach Dahmshöhe gereist, vor einem Jahr in Begleitung eines Pflegers, damals war sie in stationärer psychiatrischer Behandlung. An die Rückfahrt kann sich die 49-Jährige nicht erinnern, so heftig war ihre emotionale Reaktion. „Ich habe die Fotogalerie im Haus angeschaut. In dem Moment, wo ich den Heimleiter gesehen habe, hat es bei mir im Kopf geknallt. Das schemenhafte Bild aus meinen Albträumen passte genau darauf. Er ist zwar jünger auf dem Foto, aber seitdem weiß ich, dass er es war.“

Dieses Mal verläuft der Besuch besser, L. wächst in der Situation über ihr altes Ich hinaus. Obwohl sie zunächst nicht mit ihrem Namen und Gesicht in dieser Geschichte auftauchen wollte, lässt sie sich fotografieren und beschließt, ihre Geschichte mit ihrem Vornamen zu erzählen.

Die gelernte Kranken- und Altenpflegerin lebt am Stadtrand von Cottbus. Ihre Zweizimmerwohnung und den Balkon teilt sie sich mit ihren drei Therapiekaninchen. Das dicke weiße bereitet ihr Kummer wegen einer möglichen Diabetes. Die Tiere nehmen viel Raum ein, so wie auch L.s Ängste und psychische Krisen sich in ihrem Leben breitgemacht haben. Zweimal war sie als Kind zur Kur: einmal als Sechsjährige im sächsischen Greiz und mit zwölf in Dahmshöhe. Schon nach dem ersten Kuraufenthalt kam sie mit „einer Wesensveränderung“ zurück, „danach habe ich zwei Jahre lang nachts durchgebrüllt“.

Eine Frau mit kurzen Haaren blickt in die Kamera, sie zieht ihre graue Fleecejacke eng um sich als würde sie frieren

Katrin L. wurde als Sechsjährige im Kinderkurheim Dahmshöhe sexuell missbraucht Foto: Sophie Kirchner

Konkrete Erinnerungen an den ersten Aufenthalt hat sie nicht. Der Verdacht auf sexuellen Missbrauch ist auch für Greiz nicht auszuschließen. Sechs Jahre später wurde sie erneut zur Kur geschickt, „ich war zu dünn, wirklich zu dünn“, erzählt sie, auch, dass sie in der Schule gemobbt wurde. „Ich habe mich schon immer gefragt, ob ich anders bin als andere. Ich hatte stets Angst vor Menschen. Wenn mir ein Junge zu nah gekommen ist, entstand sofort Panik. Aber ich wusste nicht, warum.“

Die verwundete Seele

Die Geschehnisse in Dahmshöhe erinnert sie schemenhaft und fragmentiert. „Ich sehe, wie eine männliche Gestalt zur Tür hereinkommt. Bei mir bricht Panik aus. Dann spüre ich, wie er sich aufs Bett setzt, anfängt mich zu begrapschen und mir die Hose auszuziehen – und dann der Rest halt. Ich spüre das richtig.“ Und sie erinnert sich an eine Frau, die dabei ihre Arme festhält. „Danach herrscht völliger Blackout.“

Nach ihrer Rückkehr war sie still, blieb stumm. Als eine Klassenkameradin, die von ihrem Vater sexuell missbraucht worden war, etwas später Suizid beging, konnte L. zunächst keinen Zusammenhang zu den eigenen Erfahrungen herstellen. Sie erlebte andere „sexuelle Übergriffe“ in der Verwandtschaft, in der Öffentlichkeit. „Vielleicht weil ich mich nicht gewehrt habe, weil ich Angst vor Menschen hatte.“

L. wirkt zart, scheu, wie ein Mensch mit einer verwundeten Seele, aber nicht wie eine, die alles auf sich nimmt. Sie besitzt bissigen Humor und hat Abwehrstrategien entwickelt. Nach einem Burnout musste sie jahrelang pausieren, ist nur eingeschränkt erwerbsfähig, heute arbeitet sie 12 Stunden pro Woche im Krankenhaus. Als sie ihrer Mutter von den sexuellen Übergriffen erzählte, brauchte es lange, bis diese ihrer Tochter glaubte. Und es brauchte Jahre, bis Katrin L. selbst die Zusammenhänge erkannte.

„Ich lag im Krankenhaus, die Diagnose PTBS stand schon. Der Verdacht auf sexuellen Missbrauch auch“, erinnert sich L. „Wir wussten aber nicht, wie und wo genau es stattgefunden hat. Da habe ich das Thema Kinderkur angesprochen und mein Therapeut meinte, ich solle mich mal dahinterklemmen und recherchieren, wo ich gewesen bin.“ PTBS steht für Posttraumatisches Belastungssyndrom.

Anhand von Ansichtskarten aus der Kur konnte sie das Kinderkurheim Dahmshöhe im Internet identifizieren und fand auf der Webseite gutefrage.net Kommentare, die ihre bösen Ahnungen bestätigten. In der Psychiatrischen Instituts­ambulanz von Spremberg, wo L. bis heute in Behandlung ist, lernt sie das Wort Trauma kennen und auf sich zu beziehen. Alles, was damit einhergeht – Flashbacks, Albträume, Intrusionen, Dissoziationen – kann sie anschaulich erklären. Intrusionen seien heftiger als Albträume, weil sie traumatische Erlebnisse physisch und schmerzvoll wieder durchleben lassen. L. nennt es ihr „Kopfkino“. Wenn es zu intensiv wird, dann kann es passieren, dass sie „dissoziiert“: eine Bewusstseinsspaltung, die das Erlebte vom Körper abtrennt. „Der Körper schaltet dann ins Stand-by. Ich kann mich nicht äußern, nicht bewegen, bekomme alles wie hinter einem Schleier mit. Eine Dissoziation ist ein totaler Kontrollverlust über meinen Körper.“

Der mutmaßliche Täter

Katrin L. und Diana Mehmel sind vorsichtig, als sie das Innenleben von Haus Dahmshöhe inspizieren. Umbauten erschweren die Rekonstruktion. Wo im Keller damals Bürstenmassagen an nackten Kinderkörpern stattfanden, ist heute eine Saunalandschaft. Und wo war der Schlafsaal der Mädchen? Und wo die Toilette, in der Diana Mehmel ihre Schlafanzughose auswusch, nachdem sie „vor Angst eingepinkelt“ hatte?

Eine Frau in weißem T-Shirt und einer türkisen Strickjacke lehnt an einer Tischtennisplatte

Diana Mehmel ist heute Koordinatorin der Gruppe ehemaliger Heimkinder Foto: Sophie Kirchner

Dahmshöhe ist nicht der richtige Rahmen, um diese Erlebnisse zu erzählen. Der Wohnraum von Diana Mehmel in einem alten Dreiseithof in der Oberlausitz, wo sie mit ihrer Familie lebt, ist geschütztes Terrain. Im Vorgarten blühen Blumen, das Kind ist in der Schule. Mehmel war sechs, gerade eingeschult, als sie nach Dahmshöhe geschickt wurde. „Also ich erinnere überhaupt nicht viel von dieser Kur, aber diese eine Nacht weiß ich noch genau. Der Leiter kam mitten in der Nacht rein, ich habe schon geschlafen. Er setzte sich gegenüber an die Bettkante zu einem Mädchen, streichelte ihr den Kopf und sagte immer wieder: ‚Ach, mein blondes Fischköppel.‘ “ In der DDR hießen so alle Mädchen, die aus dem Norden kamen, erklärt sie.

Diana Mehmel

„Ich habe die Luft angehalten. Ich wollte mich unsichtbar machen“

„Ich habe die Luft angehalten, das weiß ich noch. Ich wollte mich unsichtbar machen.“ Mehmel bekommt Herzrasen. „Wenn ich davon erzähle, gehen die Bilder wieder los. Wie ich mich heimlich aufs Klo schleiche, mitten in der Nacht, mit Riesenherzklopfen, wo ich versuche, meine Kleidung auszuwaschen.“ Das Verrückte sei gewesen, dass sie im ersten Moment eifersüchtig war. „Ich dachte: Oh, die hat’s gut. Die streichelt er. Danach wird’s schwarz, und dann weiß ich noch, dass ich mir mit sechs Jahren in die Hose gemacht habe. Ich hatte Todesangst, erwischt zu werden.“

Heimleiter war Alfred Goldmann, Jahrgang 1920. Nach dem Krieg machte er eine Lehrerausbildung und arbeitete in diesem Beruf, bevor er 1974 bis 1988 die Leitung des Kinderkurheims Dahmshöhe übernahm. Er verstarb 2004. Neben Katrin L. und Dia­na Mehmel berichten vier weitere Menschen unabhängig voneinander in Todtmanns Umfrage davon, dass Goldmann übergriffig geworden sei, indem er in die Duschen ging, wo die Kinder nackt standen oder abgebürstet wurden. Er hätte auch Kinder auf den Schoß genommen, was diese als Grenzüberschreitung wahrgenommen hätten. „Und keiner konnte sich offenbaren, weder dort noch zu Hause“, sagt Todt­mann.

Suche nach anderen Betroffenen

Haus Dahmshöhe liegt weit ab vom Schuss. Etwa zwei Kilometer sind es ins Nachbardorf Altthymen, das ebenso zu Fürstenberg zählt wie das noch kleinere Dahmshöhe. Im Haus von Ortsvorsteher Manfred Saborowski riecht es nach Holz, weil gerade umgebaut wird. Für eine Jubiläumschronik von Dahmshöhe hat er die Stationen des „Waldschlösschens“ nachgezeichnet, das ehemalige Gutshaus hat eine wechselhafte Geschichte: jüdische Bankiersvilla, Enteignung durch die Nazis, später Schule, Kurheim.

Saborowski findet es falsch, dass „eine Handvoll Menschen Haus Dahms­höhe miesmachen“ wollen. „Der eine hat gute Erinnerungen, der andere schlechte“, sagt er. „Ich lerne nur Leute kennen, die sich gern an die Zeit im Kinderkurheim erinnern. Aber die äußern sich ja nicht laut.“ Eine Frau hätte im Internet stattdessen vom „Kinder-KZ“ geschrieben, empört er sich. „Dass ein erwachsener Mensch diesen Vergleich zieht, ist völlig unangemessen. Wir hatten schließlich das KZ Ravensbrück in der Nähe“, sagt Saborowski. Häftlinge des Konzentrationslagers mussten auf dem Gelände von Dahmshöhe Baracken für eine SS-Reiterstaffel errichten.

Noch immer steht auf der Ortsseite von Altthymen, das Kinderkurheim habe einen „ausgezeichneten Ruf“ besessen. Diana Mehmel empört das. „Ich erwarte ja nicht, dass dort steht, in dem schönen Schloss hätte massenhaft sexueller Missbrauch stattgefunden. Aber diesen Satz sollte man löschen.“ Als Sechsjährige konnte sie nicht richtig erfassen, was sie gesehen hatte. Später kamen die Schuldgefühle, dass sie dem betroffenen Mädchen nicht geholfen hat.

Eine Frau mit dunklen Haaren und weißer Bluse hat die Hände in die Hüften gestemmt

Historikerin Julia Todtmann ist bisher die einzige, die zum Kinderkurwesen in der DDR forscht Foto: Sophie Kirchner

Mehmel arbeitet heute bei „Trude“, einer Beratungsstelle für Betroffene sexuellen Missbrauchs im sächsischen Niesky. Seit zwanzig Jahren ist die Diplomheilpädagogin, die eine Ausbildung zur Systemischen Therapeutin und Traumapädagogin angeschlossen hat, in dem Bereich tätig. „Meine eigene Geschichte war sicher ein Motor, mich um das Thema zu kümmern.“

Wie Katrin L. fragte auch sie vor zwei Jahren bei gutefrage.net: „Bist du auch in Dahmshöhe gewesen?“ Und sie nahm Kontakt zu der Autorin Anja Röhl auf, die als Erste über das Schicksal der westdeutschen Verschickungskinder geschrieben hat. Innerhalb weniger Jahre hat sich dank ihres Engagements eine bundesweite Initiative gebildet, aus der Dutzende Heimort- und Landesgruppen und erste Forschungsprojekte entstanden sind. Die Gruppe der DDR-Kurkinder, rund 80 Beteiligte, wird heute von Mehmel koordiniert.

Die DDR war kleiner, das Kinderkurwesen zentralisiert und überschaubarer als das Verschickungssystem in der BRD. Als die Historikern Julia Todt­mann das Buch von Anja Röhl las, stellte sie fest, „dass dort die DDR-Kinder nicht vorkommen“. Röhl erklärte ihr, dass sie die Strukturen in der DDR nicht ausreichend gekannt und deswegen ausgespart habe. Todtmann entschloss sich, ihre Masterarbeit zu diesem Thema zu schreiben. Als Kind war auch sie kurz vor der Wende zur Kur, jedoch nicht in Dahmshöhe. Ihre Erfahrungen seien weniger drastisch als die anderer, sagt sie, „sie lagen eher im Bereich der emotionalen Kälte“. 78 Prozent der von ihr befragten Personen gaben an, mit ihrem Kuraufenthalt „negative Gefühle“ zu verbinden: Angst, Drill, Essenszwang, körperliche und seelische Entblößung.

Noch am Anfang der Forschung

Todtmann, 38, sitzt im Wintergarten ihres Hauses in Eichwalde bei Berlin, vor ihr der Laptop, auf dem sie ihre Recherchen gesammelt hat. Der Master in Public History, einer Fachrichtung, die sich mit Erinnerungskultur beschäftigt, wird ihr zweiter akademischer Abschluss; sie unterrichtet bereits Geschichte an einem Berliner Gymnasium.

Was war anders bei der sozialistischen Kinderverschickung im Vergleich zur BRD? Es gab keine privaten oder konfessionellen Träger, die an den Kinderkuren verdienten. Staatliche Zuschüsse zu kirchlichen Einrichtungen gab es nur bis 1958; Kostenträger war meist die staatliche Sozialversicherung. Der Staat konnte sich als Fürsorger profilieren, der der Gesundheit seiner Bür­ge­r:in­nen große Bedeutung zumaß. „Das gute Gesundheitssystem galt als Errungenschaft, es begründete die Überlegenheit des sozialistischen Systems“, sagt Todtmann.

Julia Todtmann, Historikerin

„Der Begriff Schwarze Pädagogik trifft im Fall der DDR nicht richtig“

Dies erklärt auch die große Zahl der prophylaktischen Kuren. Anders als für das Verschickungswesen der BRD hat Todtmann im vergleichbaren Zeitraum für die DDR „keinen Hinweis auf strukturelle Gewalt im Kinderkurwesen“ festgestellt. Sie geht davon aus, dass „verschiedene Faktoren Gewaltausübung in den Heimen begünstigten, ohne dass sie Teil eines pädagogischen oder medizinisch-therapeutischen Maßnahmenplans waren“.

Es gab pädagogische Richtlinien, die „sogar erstaunlich fortschrittlich und kindernah“ gewesen seien. Die frühen reformpädagogischen Ansätze wurden durch die zunehmende Mangelwirtschaft untergraben. Es fehlte an pädagogischem und medizinischem Personal, Ausstattung und Versorgungslage waren schlecht. Und auch „die Ent­indi­vi­dua­lisierung als Teil der sozialistischen Kollektiverziehung“ vertrug sich nicht mit Ideen, in der die Entfaltung des einzelnen Kinds eine Rolle spielt, sagt Todtmann.

Gab es so etwas wie Schwarze Pädagogik in der DDR? Eine Formulierung, die in Zusammenhang mit BRD-Kinderkurheimen häufig fällt. „Ich habe den Begriff bewusst rausgelassen“, sagt die Historikerin, „er trifft nicht richtig.“ Sie spricht stattdessen von Machtmissbrauch: „Den hat es eindeutig gegeben. Dazu gehören für mich der Disziplingedanke, das Hierarchiegefälle, der Essenszwang, der militärische Drill.“

Und wie kam es zu der extremen Form des Machtmissbrauchs in Dahmshöhe? Todt­mann seufzt. Es gibt so gut wie „keine Archivalien zu Dahmshöhe“. Was sich bei jedem Besuch zeigt: Das Haus liegt mitten im Wald, sechs Kilometer sind es bis nach Fürstenberg. „Das kommt schon einem geschlossenen sozialen System nahe“, sagt Todtmann. Und: Dahmshöhe war eine eher kleine Einrichtung, an die 66 Kinder kurten dort zeitgleich. Es gab zu wenig Personal, weil der Arbeitsweg weit und die Bezahlung schlecht war. Die Angestellten hatten Zwölf-Stunden-Schichten, zweimal zwei Tage pro Woche.

Ein blaues Kinderkarussel vor Bäumen und Büschen

Auf dem Spielplatz hinter Haus Dahmshöhe steht ein blaues Kinderkarussel Foto: Sophie Kirchner

Zudem dürfte auch die Sozialisation in der Kriegs- und Nachkriegszeit dazu beigetragen haben, dass manche Angestellte möglicherweise auch mit Gewalt disziplinierten oder über das Fehlverhalten ihrer Chefs hinwegsahen, überlegt Todt­mann. Weil sie im brandenburgischen Landeshauptarchiv kaum Unterlagen zum Kinderkurheim gefunden hat, macht sie sich auf den Weg, um drei ehemalige Mitarbeiterinnen zu interviewen.

Das Kurheim als abgekapselte Welt

Ortsvorsteher Saborowski hat den Kontakt vermittelt. Es ist ein spezieller Besuch, denn eine der drei Frauen, Jutta Goldmann, ist die Schwiegertochter des ehemaligen Heimleiters. Die gelernte Erzieherin hat vor 1976 und dann erst wieder ab 1987 in Dahmshöhe gearbeitet. Als die Lebenshilfe das Haus übernahm, wurde sie 1994 Leiterin der Einrichtung. In den fraglichen Jahren, als Diana Mehmel und Katrin L. auf Kur waren, arbeitete sie in einem Kinderheim auf Rügen.

Die heute 73-Jährige hat Kuchen gebacken und zwei ehemalige Kolleginnen dazugeladen, Gerda Cornelius und Margit Jentsch, die von 1968 beziehungsweise 1973 bis zur Wende in Dahmshöhe gearbeitet haben. Todtmann erfragt pädagogische Details, organisatorische Strukturen. Das Kinderkurheim wirkt in den Erzählungen der drei Frauen wie eine kleine abgekapselte Welt, in der Parteisekretäre, SED-Richtlinien oder ministerielle Erlasse eine untergeordnete Rolle spielten.

Goldmann spricht die Vorwürfe gegen ihren Schwiegervater selbst an. Sie habe vor ein paar Jahren einen Anruf erhalten, als sie noch dort arbeitete. Eine junge Frau, die erschrocken reagierte, als Goldmann sich mit ihrem Nachnamen meldete. „Sie war eine von den größeren Mädels, die von meinem Schwiegervater häufig, so hat sie es ausgedrückt, bevorzugt behandelt wurden.“ So durfte sie mit nach Neustrelitz fahren, Wurst holen, was als Privileg galt. „Und weil ich gemerkt habe, dass da irgendwas Schwerwiegendes in ihr arbeitet, habe ich nachgehakt: ‚Sagen Sie mir bitte, was war.‘ – ‚Nein, nichts. Ich habe da eine Zuwendung erfahren, die mir zu Hause gefehlt hat. Keine körperliche Berührung, ich war einfach mal wer.‘ “

Jutta Goldmanns Bereitschaft zum Gespräch zeugt von einer offensiven Herangehensweise. Eine Möglichkeit, mit ihrer persönlichen Befangenheit umzugehen. In der kurzen Zeit, in der sie bis zur Verrentung ihres Schwiegervaters im Kinderkurheim Dahmshöhe gearbeitet habe, sei ihr „nichts aufgefallen“, sagt sie. „Selbstverständlich akzeptiere ich alles, was die Mädchen damals empfunden haben. Ich stelle nichts davon infrage und möchte nichts herunterspielen.“

Sie hat zwei Töchter, die im sozialen Bereich arbeiten. Sie weiß um die Sensibilität des Themas. Auf die „Seemannsabende“ angesprochen, die Alfred Goldmann mit Akkordeon und Liedersingen für die Kinder veranstaltet haben muss, sagen Jentsch und Cornelius: „Wir hatten dann zeitiger Feierabend.“ Anzeichen dafür, dass einzelne Mädchen verstört gewesen seien, hätten sie „auf keinen Fall“ bemerkt.

Was bleibt und was kommen muss

Bei Diana Mehmel und Katrin L. hält die tiefe Verstörung bis heute an. Möchte L. eine Traumatherapie machen? „Jein“, sagt sie. „Ich hätte gern ein Stück meiner Erinnerung zurück, obwohl es vielleicht besser ist, wenn sie nicht zurückkommt. Aber letztlich will ich Gewissheit.“ Der Zweifel, der stets ein Selbstzweifel ist, weil sich die Tat, die am Anfang stand, nicht aufklären lässt, bohrt sich in Betroffene hinein, macht verletzlich. L. sagt: „Ich suche andere Mädels aus der Zeit, die auch in Dahmshöhe vergewaltigt worden sind. Ich brauche die Bestätigung von anderer Seite. Ich brauche das zur Heilung, obwohl, Heilung gibt es ja in dem Sinne nicht. Bitte, bitte, meldet euch!“

Anfang Juli stellen Diana Mehmel und Katrin L. mit Unterstützung der Opferhilfe Sachsen einen Antrag beim Fonds für sexuellen Missbrauch. Bis zu 10.000 Euro können in Form von Sachleistungen – besondere Therapien, wie zum Beispiel Traumabehandlungen oder Therapiekaninchen – bewilligt werden. Der Fonds wird zur Hälfte aus Bundesmitteln und zur anderen Hälfte durch beteiligte Organisationen bestritten. Die Lebenshilfe steht rechtlich für Dahmshöhe nicht in der Verantwortung. Mehmel hat trotzdem Hoffnungen, dass sie sich in der Pflicht zur Unterstützung sieht. „Auf der Hinfahrt haben wir ein bisschen Visionen gesponnen“, sagt sie. „Katrin hatte die schöne Idee, eine Skulptur oder kleine Gedenktafel am Haus oder im Garten aufzustellen, wo Betroffene hinkommen und sagen können: Ich lege mein Blümchen hin als Symbol für das, was mir als kleiner Maus passiert ist.“

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