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Die einen schuften,andere verdienen

Kleinbauern in Ländern des globalen Südens verkaufen meist nur Rohstoffe. Die Gewinne durch Weiterverarbeitung machen andere

Frauen ihre Rechte bewusst zu machen ist in vielen Ländern ein wichtiger erster Schritt

Von Frank Herrmann

Wer auf einer kleinen Parzelle in Guatemala, Äthiopien oder Vietnam Kaffee anbaut, hat neben Klimaschwankungen, Pilzbefall und Landflucht ein weiteres Problem: Er ist abhängig von den Weltmarktpreisen. Kaffee ist eines der wichtigsten Handelsgüter weltweit. Seinen Preis bestimmen Börsen, Großkonzerne und Supermarktketten. Global Player, die die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern im globalen Süden nie zu Gesicht bekommen haben. Sie liefern lediglich den Rohstoff.

Weltweit setzt alleine die Kaffeeindustrie Schätzungen zufolge jährlich 200 Milliarden US-Dollar um. Doch an der Tasse Kaffee, die wir in Deutschland für 2 bis 3 Euro im Café trinken, bleiben dem Kaffeebauer lediglich 4 Cent pro Tasse. Kaffee­bauern liefern ein Luxus­produkt, bleiben jedoch arm. Seit Jahren sind die Kaffeepreise im Keller und lagen zuletzt deutlich unter 1 US-Dollar pro Pfund Rohkaffee. „Der Kaffeepreis ist an der Börse auf ein Niveau gesunken, von dem die Familien der Kaffeebauern nicht leben können“, sagt Manuel Blendin, Geschäftsführer des Forums Fairer Handel.

An dieser Situation hat auch der Faire Handel bislang nur punktuell etwas ändern können. Denn die Weiterverarbeitung der Rohstoffe findet überwiegend in den Industrie­ländern des Nordens statt oder wird von kapitalkräftigen Unternehmen vor Ort erledigt. Während die Kaffeebauern unter der Talfahrt der Kaffeepreise ächzen, wachsen die Gewinne der Akteure, die Kaffee in den globalen Norden importieren, rösten, verpacken und verkaufen. Die Akteure, das sind Multis wie Nestlé, Starbucks, Kraft Foods und deutsche Unternehmen wie die Neumann Kaffee Gruppe, Tchibo, Melitta und – Aldi. Der Discounter verarbeitet den Kaffee in eigenen Röstereien und kann ihn so konkurrenzlos günstig anbieten. Die im Dezember 2018 von mehreren Organisationen des Fairen Handels veröffentlichte Studie „Kaffee: Eine Erfolgsgeschichte verdeckt die Krise“ belegt, dass die Wertschöpfung bei Röstern und Händlern in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren um 139 Prozent gestiegen ist. ­Recherchen des „Global Coffee Barometer 2018“ zeigen, dass nur 10 Prozent des Geldes, das weltweit mit Kaffee umgesetzt wird, in den Anbauländern verbleibt.

Das extreme Ungleichgewicht zwischen Rohstoff­preisen und Gewinnen durch Wertschöpfung, also Mehrwert durch Weiterverarbeitung, ist den Akteuren des Fairen Handels bestens bekannt. Um Kleinbauern effektiver zu unterstützen, reiche es nicht, nur auf einen gerechteren Erntepreis und die Fair-Prämie zu schauen, sagen sowohl Anhänger als auch Kri­tiker von Fairtrade. Denn solange die Erzeuger keine Möglichkeit haben, die Rohstoffe vor Ort weiterzuverarbeiten, bleiben sie arm – davon ist der Wirtschaftsexperte Ndongo Sylla überzeugt. „Afrika ist seit 200 Jahren in der Produktion von Rohstoffen gefangen“, sagt der Autor des Buchs „The Fair Trade Scandal: Marketing Poverty to Benefit the Rich“. „Ein Modell, das darauf aufbaut, weiter Rohware zu exportieren, wird nicht zu einem Ausstieg aus der Armut führen.“

Mehr Wertschöpfung im Ursprungsland „bietet den jüngeren Generationen eine Per­spektive und den Produzenten neue Marktzugänge“, sagt Stefan Bockemühl, Geschäftsführer von El Puente. „Der Schlüssel liegt im Aufbau regionaler Märkte“, sagt Claudia Brück von Fairtrade Deutschland. „Das würde den Konsum von Kaffee im eigenen Land belassen und dadurch auch die Wertsteigerung.“

Kaffeeverarbeitung in dem Land, in dem der Kaffee angebaut wird, ist das eine. Aber Kaffee für die anspruchsvollen Kunden der Industrienationen zu rösten, mahlen und zu verpacken ist ungleich schwieriger: Zwar ist Buchautor Sylla überzeugt, dass der Faire Handel eine viel größere Wirkung hätte, wenn Afrikaner ihren Kaffee oder Kakao vor Ort weiterverarbeiten und ihn dann in den europäischen Supermärkten verkaufen könnten. Aber wer gerösteten und gemahlenen Kaffee in die EU exportieren möchte, hat zahlreiche Hürden zu überwinden:

Die Kaffeemarken des Nordens benötigen große Mengen Kaffee in gleichbleibender Menge und Qualität. Doch bei den Kleinproduzenten fehlt es schlichtweg am Kapital für Röst- und Verpackungsmaschinen und dem Know-how, sie zu bedienen. Die Anforderungen der EU an Hygiene und Qualität von importierten Lebensmitteln sind hoch, der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Dünger ist streng geregelt, und manche Inhaltsstoffe sind schlichtweg verboten. Mitunter sind EU-Importzölle auf verarbeitete Lebensmittel höher als auf unverarbeitete, etwa bei Rohkaffee aus Brasilien oder Südafrika.

Hinzu kommt, dass die meisten Konsumenten Kaffeemischungen, sogenannte Blends, kaufen. „Ein Blend kann Kaffee aus Brasilien, Kolumbien und Guatemala beinhalten, und bei Espresso-Mischungen besteht der Kaffee oft aus 60 Prozent Arabica aus Lateinamerika und 40 Prozent Robusta aus Vietnam oder Ostafrika“, betont Simon Aebi, Kaffee-Experte bei Max Havelaar, Schweiz. Bei diesen Blends sei eine Röstung vor Ort nicht möglich. Eine Hürde ist auch, dass in Europa gerösteter Kaffee frischer ist und ein längeres Mindesthaltbarkeitsdatum hat – der Ablauf der Haltbarkeit eines Kaffees beginnt direkt nach der Röstung. Während des Transports nach Europa geht wertvolle Zeit verloren. Frische ist auch für Ingo Herbst vom Fairhändler Contigo einer der Hauptgründe, der gegen eine Verarbeitung vor Ort spricht. „Die Kaffees werden in unseren Läden geröstet und sind selten älter als drei Tage.“

Gerecht ist, wenn der Kooperative die Fabrik und die Maschinen gehören

Wer allerdings glaubt, dass es die Röster sind, die am meisten vom Geschäft mit der braunen Bohne profitieren, der irrt: „Die größte Wertschöpfung entsteht am Ende der Handelskette, also bei den Supermärkten, Bioläden und Discountern“, sagt Klaus Kruse vom Fairhändler Ethiquable Deutschland. „Der Lebensmitteleinzelhandel beansprucht Margen zwischen 30 und 50 Prozent vom Endpreis.“ Zu mindern sei dies nur durch direktere Handelswege und Margenbegrenzung, so Kruse.

Dass die Verarbeitung von Kaffee im Ursprungsland trotz aller Hindernisse funktionieren kann, zeigt im kleinen ­Umfang die Gepa. Sie lässt drei Kaffees im Herkunftsland verarbeiten: Frauen der Genossenschaft Aprolma in Honduras rösten ­inzwischen einen kleinen Teil der Kaffeebohnen für den Export. Von den 5,99 Euro, die das halbe Pfund Biokaffee ­kostet, bleiben 1,87 Euro bei der ­Ko­operative – „mehr als dreimal so viel wie beim konven­tionellen Kaffee“, sagt Gepa-Sprecherin Brigitte Frommeyer. Im herkömmlichen Kaffeehandel sind es nur 68 Cent. Vergleichbare Röst­kaffeeprojekte gibt es auch in Guatemala und Ruanda.

Fertig verarbeiteten Kaffee auch für die einheimischen Märkte zu produzieren, das gelingt vor allem größeren Fair-trade-Genossenschaften, darunter Norandino in Peru, Cafenorte in Kolumbien und Expocaccer in Brasilien. In Tansania haben die Mitglieder der Fairtrade-Kaffeekooperative KCU die Mehrheitsanteile einer Fabrik übernommen, die Instantkaffee produziert – sie verkaufen das fertige Endprodukt am lokalen Markt. „Damit bleibt der Großteil der Wertschöpfung im Land, und die Kooperative profitiert direkt von den Erlösen“, sagt Hartwig Kirner, Geschäftsführer von Fairtrade Österreich.

Gerecht im Sinne des Fairen Handels ist es aber nur dann, wenn – wie im Fall von KCU – auch die Fabrik und die Maschinen der Kooperative gehören, damit Kleinbauern und Arbeiter wirklich profitieren. Denn „wenn die lokale Bourgeoisie, in deren Hand oftmals die wenige Industrie ist, oder wenn die im Land ansässigen Multis von der Weiterverarbeitung profitieren, ist für die Kleinbauerngenossenschaften wenig gewonnen“, sagt Kruse von Ethiquable.

Frank Herrmann ist Autor des Buches „Fair einkaufen – aber wie?“, siehe unten.