Kommentar Frauen in arabischen Ländern: Fragwürdiges Ranking

In Ägypten geht es Frauen schlechter als in Saudi-Arabien? Die Studie zum Thema fußt auf den hohen Erwartungen an die Arabellion-Staaten und ist verzerrt.

In Mekka undenkbar, in Kairo häufig anzutreffen: eine Demonstrantin – hier auf Seiten der Mursi-Anhängerschaft. Bild: reuters

Die Lage der ägyptischen Frauen ist sicherlich nicht schönzureden. Es verwundert dennoch, wenn Frauen in Ländern wie Saudi-Arabien, dem Jemen oder dem Sudan ein besseres Leben führen sollen als in Ägypten, wie es eine Studie der Thomson Reuters Foundation jetzt mit dem Verweis auf sexuelle Belästigung, Genitalverstümmelungen und eine allgemeine Zunahme von Gewalt nahelegt.

Denn die allgemeine wirtschaftliche Lage der Frau in Saudi-Arabien mag besser sein als die der Durchschnittsägypterin: Autofahren darf sie trotzdem nicht, und auch sonst wird sie wie eine Minderjährige behandelt. Der Sudan und Jemen schließlich sind nicht nur stockkonservativ in Frauenfragen, sondern auch bettelarm.

Die Krux der Umfrage ist, dass sie sich nicht auf rechtliche oder wirtschaftliche Fakten stützt, sondern darauf, wie 336 befragte Experten, Frauenrechtlerinnen und Journalisten die Lage der Frauen in den arabischen Ländern wahrnehmen. Es geht deshalb vor allem um Erwartungen.

Gegenüber den im Umbruch befindlichen Ländern sind diese Erwartungen besonders hoch – und das muss sogar so sein: Nach den Aufständen gegen die Mubaraks, Gaddafis und Ben Alis ist in einigen arabischen Staaten ein Streit zwischen Liberalen und konservativen Islamisten ausgebrochen, auf den die Diktaturen jahrzehntelang den Deckel draufgehalten hatten. Es ist ein notwendiger gesellschaftlicher Streit jenseits elitärer Zirkel, in dessen Zentrum auch die Rolle der Frau steht.

In Ägypten drängen Themen wie sexuelle Belästigung oder Beschneidung deshalb jetzt in die öffentliche Diskussion. In Saudi-Arabien oder im Sudan gibt es aber keinen Umbruch und damit auch keine breiten Debatten über diese Themen. Das senkt selbst die Erwartungen von Experten. Und damit auch die Aussagekraft solcher Studien.

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Karim El-Gawhary arbeitet seit über drei Jahrzehnten als Nahost-Korrespondent der taz mit Sitz in Kairo und bereist von dort regelmäßig die gesamte Arabische Welt. Daneben leitet er seit 2004 das ORF-Fernseh- und Radiostudio in Kairo. 2011 erhielt er den Concordia-Journalistenpreis für seine Berichterstattung über die Revolutionen in Tunesien und Ägypten, 2013 wurde er von den österreichischen Chefredakteuren zum Journalisten des Jahres gewählt. 2018 erhielt er den österreichischen Axel-Corti-Preis für Erwachensenenbildung: Er hat fünf Bücher beim Verlag Kremayr&Scheriau veröffentlicht. Alltag auf Arabisch (Wien 2008) Tagebuch der Arabischen Revolution (Wien 2011) Frauenpower auf Arabisch (Wien 2013) Auf der Flucht (Wien 2015) Repression und Rebellion (Wien 2020)

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