der anstoß: Als eine Frau die Form der Erde errechnete
Jeden Tag geben Menschen Adressen ins Navi ein, bestellen Essen über einen Lieferdienst oder teilen ihren Standort mit Freund*innen. Ein Alltag ohne GPS? Für die meisten Menschen ist das undenkbar. Umso paradoxer, dass der Name einer der wichtigsten Entwicklerinnen dieses Systems bis heute weitgehend unbekannt ist.
Als Kind liebte Gladys West Zahlen und hasste es, im Dreck zu arbeiten. Keine idealen Voraussetzungen, um Landwirtin zu werden, so wie es ihre Eltern für sie vorsahen. West wurde 1930 im amerikanischen Bundesstaat Virginia geboren. Damals herrschten in Virginia die Jim-Crow-Gesetze, die Afroamerikaner*innen systematisch in nahezu allen Lebensbereichen von Weißen trennten.
Den fünf Kilometer langen Weg zur Schule, an der ausschließlich Schwarze Kinder und Jugendliche unterrichtet wurden, ging Gladys West zu Fuß. Sie habe früh gewusst, dass ihre Leistungen in der Schule ihr Ticket in die Freiheit sein würden. „Ich war in allen Fächern gut. Als ich mich also entscheiden musste, was ich nach der Schule machen wollte, sagte ich erst: Ich will alles machen!“, erinnert sie sich in einem Gespräch mit der Autorin Margot Lee Shetterly im Jahr 2019. West schloss als Jahrgangsbeste ab, bekam ein Stipendium für das Virginia State College und studierte dort Mathematik, was für Frauen zu dieser Zeit ungewöhnlich war. Anschließend arbeitete sie als Lehrerin und kehrte, als sie genug Geld verdient hatte, wieder an die Universität zurück, um ihren Master zu machen.
1956 fing West als Programmiererin beim Naval Surface Warfare Center Dahlgren Division (NSWCDD) an, einer Forschungseinrichtung der US-Marine. Die Marine führte zu dieser Zeit gerade Computer ein. Fast 45 Jahre lang arbeitete sie beim NSWCDD, ohne großes Aufsehen zu erregen – obwohl ihre Arbeit revolutionär war. West entwickelte aus großen Mengen von Satellitendaten komplexe Algorithmen, um Modelle von der Form der Erde zu berechnen. Sie berücksichtigte dabei auch Kräfte, die die Form der Erde verzerren, also unter anderem die Gezeiten. Bei ihren Berechnungen setzte sie den ersten Supercomputer IBM 7030 ein, der um einiges schneller war als andere Maschinen zu dieser Zeit. Mit ihren Modellen schuf sie die Grundlage für das, was wir heute als GPS kennen: ein satellitengestütztes System zur Standortbestimmung rund um die Uhr.
Durch ihre Arbeit verschaffte sich Gladys West viel Respekt unter Kolleg*innen und Vorgesetzten, fühlte sich in ihrer Zeit bei der Marine aber oft isoliert. In einem Interview mit der britischen Zeitung The Guardian erzählte sie 2020, ihre Kollegen seien freundlich zu ihr gewesen, außerhalb des Büros hätten sie allerdings lange nicht mit ihr gesprochen. In den USA tobte in den 1960er Jahren ein heftiger Kampf um die Rechte Schwarzer Menschen. Viele von Wests Freund*innen waren an friedlichen Protesten beteiligt, die das Ziel hatten, unter anderem Restaurants und Verkehrsmittel zu desegregieren. Weil West für die Regierung arbeitete, durfte sie nicht an den Demonstrationen teilnehmen. „Ich habe immer alles richtig gemacht, um ein Vorbild für andere zu sein, die nach mir kamen, insbesondere für Frauen“, sagte sie 2018 der BBC. So habe sie auf ihre eigene Weise protestiert.
West verließ die Marine 1998 und promovierte im Alter von 70 Jahren. Erst im Jahr 2018, mit 88 Jahren, wurde sie für ihr Lebenswerk ausgezeichnet, als sie in die BBC-Liste der „100 Women of the Year“ und in die Hall of Fame der US-Luftwaffe aufgenommen wurde.
In ihrem eigenen Alltag bevorzugte Gladys West, die am 17. Januar 2026 verstorben ist, übrigens gedruckte Landkarten. Katharina Federl
Wie beginnt Veränderung? An dieser Stelle erzählen wir jede Woche von einem historischen Moment, der etwas angestoßen hat.
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