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Zweimal „Blind“ von Lot VekemansWegen Familie und so

Leonie Rebentisch inszeniert „Blind“ von Lot Vekemans in Hannover, Judith Jungk in Osnabrück. Die Ambivalenz des Kammerspiels loten sie unterschiedlich aus.

In Leonie Rebentischs Inszenierung in Hannover werden Vater und Tochter von Max Landgrebe und Johanna Wieking gespielt Foto: China Hopson

Die klassische Familie als Solidargemeinschaft sei kein funktionierendes Konzept mehr, davon ist Helen überzeugt. Ihre Mutter ist verstorben und die Beziehung zu ihrem Vater Richard ist vor allem durch eine Erfahrung geprägt: Er ist zu jedem Thema grundsätzlich anderer Meinung als sie. Als einstiger Selfmade-Karrierist hält Richard die Menschen für Egoisten, von denen nur die Fittesten ihr Dasein über dem Sozialhilfeniveau gestalten. Und das seien vor allem die Nutzer familiärer Strukturen.

Der daraus resultierende Streit mit Helen hat schon rituellen Charakter angenommen. Schließlich kämpft sie als Anwältin für die Chancengleichheit sozial Benachteiligter und lehnt eine Lebensweise ab, bei der man sich in kleinen Wir-Grüppchen abschottet. Helen liebt die große, diverse Gemeinschaft – und blendet den Vater aus ihrem Leben am liebsten aus. Aus Be- wurde Entfremdung.

Die niederländische Dramatikerin Lot Vekemans verhandelt in „Blind“ dieses gesellschaftliche Problem der Ab- und Ausgrenzung von Menschen, die anders denken, leben, fühlen oder aussehen. Sie tut dies auf dem privaten Feld einer dysfunktionalen Vater-Tochter-Geschichte als Generationskonflikt: Zukunft gestalten auf der einen Seite, Vergangenheit bewahren auf der anderen. Es gilt zu erkunden, ob die Barrieren der mit Selbstgerechtigkeit betonierten Überzeugungen und Ansprüche zu schleifen sind.

Die Tochter wird zwangsverpflichtet

„Blind“ ist ein perfekt gebauter, arg zugespitzter und erbittert zu führender Kammerspieldialog, der in der Reduktion auf eine psychologisch-realistische Spielweise am Schauspiel Hannover und am Theater Osnabrück herauskam.

Unter der Regie von Leonie Rebentisch verströmt die Bühne in Hannover den weißkalten Charme des Reichtums, während das textile Design Richard (Max Landgrebe) als modebewussten Egozentriker auszeichnet. Das passt. Er ist ein reicher Pensionär, der aus Angst vor dem Weltgeschehen in eine schwer bewachte Gated Community gezogen ist. Dieses luxuriöse Gefängnis verkauft Isolation als Sicherheit und ermöglicht den Rückzug in eine winzige Wirklichkeitsblase, die wie ein Glaskasten designt ist.

Darin sollte natürlich niemand mit Vorwürfen wie mit Steinen um sich schmeißen, ohne vorher darüber reflektiert zu haben, ob er oder sie nicht selbst für die anderen vorgehaltenen Fehler oder Schwächen zu kritisieren ist. Die milchglasigen Scheiben, durch die nur verschwommene Umrisse erkennbar sind, verweisen auf den Tumor im Kopf des Vaters, der ihm das Augenlicht nimmt – und bald das Leben.

Blind ist ein perfekt gebauter, arg zugespitzter und erbittert zu führender Kammerspieldialog

Passend zu Richards wachsender Blindheit gegenüber der Wirklichkeit vor der Haustür und Helens (Johanna Wieking) linkem Idealismus erblindet er also auch physisch. Darum will er die Tochter zwangsverpflichten, ihn zu pflegen. Wegen Familie und so. Was sie mit Empörung ablehnt. Helen übernimmt zwar ökologisch und sozial überall gern Verantwortung, nicht aber für ihren Vater.

Pingpong gegensätzlicher Einstellungen

In Osnabrück lebt Richard (Thomas Kienast) an der Grenze zur Verwahrlosung in schäbigen Versatzstücken einer Wohnküche. Er knabbert eine trostlose Scheibe Brot, kümmert sich um ein paar jämmerliche Pflanzen und vertreibt sich die Zeit mit Kreuzworträtseln. Damit illustriert Regisseurin Judith Jungk zwar seine Einsamkeit, widerspricht aber dem Realismus der Vorlage und der gesamten sozialen Konstruktion.

Das Pingpong gegensätzlicher Einstellungen explodiert an beiden Spielorten beim Thema Ehe. In Hannover ist Helen mit einem Schwarzen Schriftsteller verheiratet. Richard kann mit seiner klaren Ablehnung kaum an sich halten.

Ihre Kollegin in Osnabrück hat eine Schriftstellerin geheiratet. Die Ablehnung der lesbischen Beziehung ist ebenso deutlich, weswegen die Tochter ihren Vater zu Recht als „rassistisches, homophobes, selbstgefälliges Arschloch“ bezeichnet. Sie selbst aber weist auch jede Äußerung zurück, die nicht ihrer Wokeness entspricht.

Ausweichen unmöglich

Gibt es trotzdem ein Interesse daran, sich gegenseitig wahrzunehmen, einander zuzuhören, Gegensätze gelten zu lassen und sich anzunähern? Vekemans lässt dazu die Rollläden von Papas Wohnung auf unbestimmte Zeit schließen. Ein Ausweichen ist nicht mehr möglich. Richard schwankt in Hannover weiterhin zwischen Miesepetergesicht und Besserwissergrinsen. Nur bei Erzählungen von früher huscht ein Strahlen über sein Antlitz.

Er bölkt auch mal: „Krieg ich keinen Kuss?“, bleibt aber vorsichtig in seiner Bosheit. Manchmal ist er geradezu unterwürfig und bemüht sich um einen Hauch Freundlichkeit, während Helen mit ihrem gehetzt-dauergenervten Auftreten die Herrscherin des hitzigen Duells ist. Sie kommentiert mit Grimassen, wie befremdlich bis peinlich sie ihren Vater findet.

In Osnabrück ist die Hierarchie eine andere. Richard kommt mit sonor-kraftstrotzender Stimme, den stolzen Posen und der herrischen Souveränität eines Bühnenkönigs daher, während Helen (Lua Mariell Barros Heckmanns) zwar feindlich, aber unsicher auftritt und durch die Kränkungen ihres Vaters verletzt wirkt. Sie lebt die Wut enttäuschter Hoffnungen und wirkt auch von Schuldgefühlen irritiert. Richard spricht unbeirrt von oben herab zu ihr, hat jede Situation im Griff – nur nicht das Finale des Machtspiels.

„Blind“ in Hannover und Osnabrück

Staatstheater Hannover, Ballhof 1; nächste Aufführungen: 27.2., 7.3., 28.3., 19.30 Uhr

Theater Osnabrück, Emma-Theater; nächste Aufführungen: 11.2., 20.2., 25.2., 19.30 Uhr

Die Jalousien öffnen sich wieder und Hoffnungslicht strömt herein. Was es bedeute, dass sie seine Tochter sei, fragt Richard. „Dass es mich ohne dich nicht gegeben hätte“, lautet die für ihn enttäuschende Antwort. „Der Rest ist das, was wir daraus machen“, sagt Helen.

In Hannover duldet sie keinen Widerspruch, lächelt und steckt Richard mit ihrem plötzlich erwachten Optimismus an. Sie ist überzeugt, dass da noch was gehen kann mit ihnen beiden zusammen.

In Osnabrück wird mit demselben Dialog lediglich die Unmöglichkeit formuliert, noch einmal ganz neu miteinander anzufangen. Es spricht für die Vorlage, dass sie beide Möglichkeiten hergibt. Und es spricht für die Theater, dass sie die Ambivalenzen unterschiedlich ausgelotet haben. Gerade der Vergleich weckt Neugier auf Perspektivwechsel – nicht nur im Theater.

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