Zoom-Premiere am Residenztheater München: Aufheben, was andere fallen lassen

Lot Vekemans Monologe sind Stoff für große Solos. Das Münchner Residenztheater brachte ihr Monolog-Triptychon „Niemand wartet auf Dich“ heraus.

Eine Frau in gebeugter Haltung, mit hellen Haaren und hellem Pullover

Juliane Köhler als ältere Frau in „Niemand wartet auf Dich“ Foto: Adrienne Meister

Die holländische Dramatikerin Lot Vekemans ist eine Spezialistin für große Fragen. Gerne legt sie diese Figuren in den Mund, die im Schatten des Mythos stehen. In ihren Monologen „Judas“ oder „Schwester von“ steigen Jesu engster Vertrauter und Ödipus’ unscheinbarste Tochter und Halbschwester Ismene aus dem Sammelgrab für Buhmänner und Sidekicks, um die tieferen Beweggründe ihres Handelns oder Nichthandelns zu offenbaren.

Nicht nur die deutschen Thea­ter mochten das auch vor dem coronabedingten Solo-Boom schon sehr, weil Vekemans’ Stücke großen Solisten noch größere Entfaltungsspielräume bieten. Man denke nur an Steven Scharfs luzides Martyrium in „Judas“ an den Münchner Kammerspielen (Regie Johan Simons) oder an Elsie de Brauws innerlich bebende Ismene am NTGent (Regie Allan Zipson).

Juliane Köhler, die jetzt vor die Live-Cam tritt, mit der das Münchner Residenztheater die deutsche Erstaufführung von Vekemans’ jüngstem Stück, „Niemand wartet auf Dich“, aufzeichnet, hat ebenfalls das Zeug zur großen Leidenden, Denkenden, Wütenden. Es ist darum schwer zu sagen, ob sie in der von Daniela Kranz in Szene gesetzten ­Zoomperformance nur etwas unterspannt rüberkommt, weil sich meine Lockdown-Lethargie inzwischen auch auf meine Wahrnehmung auswirkt – oder weil Köhler und Kranz bewusst das immense Erregungslevel heruntergedimmt haben, auf dem das 2018 uraufgeführte Monolog-Triple vor sich hin brodelt.

Das Resi führt mit diesem einstündigen Livestream eine Programmschiene weiter, die es seit Beginn der Intendanz von Andreas Beck mit Solo-Abenden bestückt. Die Idee dahinter: Die Münchner Zuschauer sollen die neuen Schauspieler kennenlernen. Das wäre bei Juliane Köhler, die seit 1993 konstant in Münchner Ensembles ist, zwar nicht nötig gewesen, aber in diesen Zeiten kommt es ja ohnehin eher aufs Kontakthalten an.

Aufmunterung an die Zoom-Gesichter

„Gut sehen Sie aus!“, sagt Köhler deshalb irgendwann stückgetreu, aber vielleicht besonders aufmunternd zu den 23 Zoom-Gesichtern, die ihr Publikum sind. Mit diesem warmen Köhler-Lächeln, das an klirrende Gläser und lange Sommerabende erinnert. Ach! Gerade ist die ewig Mädchenhafte allerdings als alte Frau in den Raum geschlurft – mit zaghaften, in ihrem Radius eingeschränkten Bewegungen. Gerda sammelt Müll und hebt auf, was andere fallen lassen, weil man etwas tun muss, wenn man die Welt verändern will, und nur das ändern kann, was in die eigene Reichweite fällt. Das wirkt zupackend und traurig zugleich und ist mit mehr als einem Quäntchen Fortschrittslamento versehen.

In Teil zwei ringt sich eine Politikerin ein schmerzhaftes Manifest gegen den selbstgerechten Unfehlbarkeitswahn in der Politik ab, in Teil drei kann eine Schauspielerin nicht mehr schlafen, weil sie sich für alles, was in dieser Welt schiefgeht, verantwortlich fühlt.

Alle drei haben ein Buch gelesen, das den Titel dieses kurzen Abends trägt – „Niemand wartet auf Dich“ – und ihn unterschiedlich gedeutet: als Aufforderung zur begrenzten und dafür zufrieden machenden Tat, zum Farbebekennen wider die eigenen Interessen oder zum Verzweifeln angesichts der globalen Verantwortung (wobei schleierhaft bleibt, wie sich das im Einzelnen begründet).

Ganz andere Fragen nach Eigenverantwortung

Dass man aus diesen bisweilen moralinsäuerlichen Ausführungen unter dem Strich mehr herauslesen kann als das Bonmot „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, davon kann die Inszenierung nicht überzeugen. So bleibt man etwas ratlos zurück und mit dem dumpfen Gefühl, dass die Pandemie ganz andere Fragen an Eigenverantwortung und Politik stellt, als es Vekemans vor drei Jahren ahnen konnte.

Es ist nicht Juliane Köhlers Schuld, dass ich es zwischendurch interessanter finde, meinen Mitzuschauern, unter denen auch die sichtlich angetane Autorin ist, beim Zuschauen zuzusehen. Diese puren Instanttheaterformen, die eher erweiterte szenische Lesungen sind, haben es einfach schwer, die vierte Wand des heimischen Bildschirms zu durchstoßen und dauerhaft zu fesseln.

Die schönsten Momente für mich lagen zwischen den Kurzmonologen, als sich die alte Dame vor einem Garderobenspiegel in die Politikerin verwandelte – weiße Kurz- gegen schwarze Langhaarperücke, beigen Pulli gegen schwarzes Jackett getauscht, ein kurzes mascara- und pudergestütztes Einruckeln in die neue Figur, und: Tata! Das ist der Zauber der Verwandlung, durchsichtig gemacht.

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