Zum Tod von Rita Süssmuth: Die Nächstenliebende
In der Aidskrise setzte sie auf Aufklärung, sie sah Deutschland als Einwanderungsland, sie ebnete Frauen in der Union den Weg: Rita Süssmuth fehlt.
Als sie am 26. September 1985 zur neuen Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit wurde, als sie also im Bonner Bundestag mit der für die Union unhinterfragbaren Formel „So wahr mir Gott helfe“ ihren Amtseid ablegte, war für Bundeskanzler Helmut Kohl, vor allem für die Unionsfraktion die Welt, ihre Welt noch in Ordnung: Rita Süssmuth war nun Kopf eines Ministeriums, das über ein vergleichsweise geringes Budget verfügte und politisch keine Alarmstimmung verbreiten würde. Schließlich war die Regierung Kohl Ende 1982 angetreten, eine „geistig-moralische Wende“ zu schaffen, die Lockerungen der Sitten und Gebräuche, die mit der Formel „Achtundsechzig“ allzu karg nur zu beschreiben ist, zurückzudrängen.
Süssmuth, Professorin der Erziehungswissenschaften, gebürtige Wuppertalerin vom Jahrgang 1937, Tochter eines Schulrats, ambitioniert und ehrgeizig, wissbegierig, in jeder Hinsicht katholisch: Werte wie Barmherzigkeit, Nächstenliebe und Fürsorge waren für sie, die später berühmteste Politikerin ihrer Zeit, zentrale Werte. Solche, die für sie, Mitglied der CDU seit 1981, auch in praktischer Hinsicht zu gelten hatten.
Ihren Namen hatte vor allem der politisch weitsichtige Heiner Geißler auf dem Zettel. Er, ein Modernisierer seiner Partei, die sich (nicht nur) seiner Auffassung nach vom Patriarchalischen zu lösen hatte. Sondern auch vom Bild eines weiblichen Parteimitglieds loskommen musste, das zuerst und zuletzt für die schmucke, auch dienende, Seite einer Parteiorganisation zuständig war, in der nicht einmal ein Bewusstsein dafür lebte, dass Frauen mehr sein könnten als dem Manne untertan. Süssmuth war eine Seiteneinsteigerin in die politische Spitze, es war ihr Vorteil, nicht durch jahrelange Arbeit in der Parteimühle mit den eigenen Ideen aufs Provinzmaß zurechtgestutzt worden zu sein.
Als sie ihre Arbeit als Bundesministerin begann, war sie binnen kürzester Zeit ein Star – weil sie eben das reaktionäre Rollback, das die geistig-moralische Wende ja meinte, nicht mitmachte. Und das immer freundlich, konziliant, zu keiner Sekunde auf den Barrikaden stehend, dafür beharrlich und Schritt für Schritt die Verhältnisse gerade für Familien besser stellen wollend, vor allem im Hinblick auf die strukturelle Benachteiligung von Frauen. Süssmuth wusste sehr wohl das Geschäft der Machtabsicherung zu besorgen, sie war in Spitzenämtern der Katholiken tätig, sie sicherte sich ab, sie warb für ihre Politik.
Sie verstörte ihre Partei in der Aidskrise
Am nachhaltigsten aber verstörte sie ihre Partei – und alle konservativen Rollbacker - in der Zeit der Aidskrise Mitte der achtziger Jahre. Die Infektionskrankheit traf besonders vieltausendfach tödlich die Minderheit der homosexuellen Männer, das Virus war kurz zuvor aus Nordamerika nach Europa gelangt. Scharfmacherische Töne aus der Union, in denen fantasiert wurde, „die Schwulen“ nötigenfalls zu isolieren, jedenfalls für ihr sexuelles Verhalten zu bestrafen, die mit Namen wie Peter Gauweiler und Horst Seehofer verbunden werden, die waren nicht von Süssmuth zu hören.
Sie setzte, keineswegs leicht, durchaus gegen krasseste Widerstände in ihrer Partei, auf Aufklärung, auf Forschung, auf, wie soll man sagen, anteilnehmende Nächstenliebe. Süssmuths Diktum, man bekämpfe die Krankheit, nicht die Kranken, wurde zur Leitidee einer wirklich sittlichen Erschütterung. Die Ministerin erkannte, dass die beste Prävention, wenn schon medikamentös (noch) nichts zu therapieren war, die sexuelle Aufklärung war.
Um Aids zu bannen, kam es nicht auf Strafen an, sondern auf das Sprechen über das Sexuelle. Mit der Zeit Süssmuths an den Lenkseilen dieser Gesundheitspolitik kamen Worte wie „Kondom“, „Sperma“, „Analverkehr“ oder auch „Virenlast“ in den allgemeinen Sprachgebrauch. Die sexuelle Scham, schon gar in schwuler Hinsicht, war nicht verschwunden, aber es wurde möglich, über sexuelle Vorsichtspraktiken zu sprechen.
Rita Süssmuth nervte
1988 war es den männlichen Granden der Union dann doch zu viel. Rita Süssmuth nervte, in diesem Urteil sind sich alle Kommentare, auch in der historischen Rückschau, einig. Aber sie konnte nicht ins stumm stellende Austragshäusl für erledigte Schicksale – sie wurde quasi über Nacht zur Bundestagspräsidentin, ein auch repräsentatives Amt, das sie bis zur rotgrünen Koalition und dem Ende der Kanzlerschaft Kohls 1998 innehatte. Süssmuths weitsichtig integrative Gesundheitspolitik blieb erhalten, die Konservativen konnten gegen den Erfolg der Aufklärungskampagnen nichts setzen.
Sie füllte ihr neues Amt politisch aus: längst beliebt über alle Fraktionen hinweg, ein Idol der Antipolarisierung im Gesellschaftlichen. Sie managte den Umzug des Bundestags von Bonn nach Berlin, ließ die Kunstaktion zu, bei der Jeanne-Claude und Christo 1995 den Reichstag in Berlin verhüllten, zu einer Art gesamtrepräsentativem Kondom. Sie wirkte in zahlreichen Kuratorien und Ehrenämtern und wurde zu einer Stimme der Christdemokratie, katholisch allumfassend, ohne Hass, bar allen Ressentiments.
Dass ihre Partei sie öfters buchstäblich verfluchte, stand auf einem anderen Blatt. Etwa als die rotgrüne Koalition Gerhard Schröders sie in eine Kommission zur Einwanderung berief und sie der Bitte entsprach, gegen den ausdrücklichen Wunsch ihrer Partei, die sich immer noch nicht auf den Satz zum Faktischen zu einigen vermochte, dass nämlich Deutschland ein Einwanderungsland ist.
Lieber das krumme Holz als die gerade Planke
Rita Süssmuths aus der Perspektive von Ordokonservativen und Reaktionären schockierendes Wirken hat sie in dieser Weise nicht empfunden. Sie habe das Naheliegende getan und entsprechend öffentlich gesprochen. Sie war frei von Hass und Kulturkämpfertum, ihr stand jedes krumme Holz, gut christlich, näher als jede akkurat zurechtgeschnitzte Planke. Nach langer Krankheit, durchaus noch lebensmutig, ist Rita Süssmuth am 1. Februar gestorben, in Neuss am Rhein, dem Ort ihres Zuhauses.
Aus heutiger Sicht ist kaum zu ermessen, welche Provokation sie als Person und mit ihrer Arbeit war. Mit ihr stirbt auch ein Stück moderner Parteigeschichte: eine Union als Partei des Nonmachotums, und sei es nur als Idee. Ohne sie wären Karrieren wie die von Angela Merkel oder Ursula von der Leyen undenkbar gewesen.
Die alte Bundesrepublik hatte in ihr eine Moderatorin, die sich vor neuen Zeiten nicht fürchtet. Vor allem die schwulen Communitys trauern erschüttert und erheblich, sie war besonders für sie wie eine Mutter, die ihre Sprösslinge niemals preiszugeben bereit war.
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