Zukunftszentrum in Ostdeutschland: Dezentralisiert das Zentrum!

Das geplante Transformationszentrum ist eine gute Idee, um die ostdeutsche Lebensleistung anzuerkennen. Dabei sollte in jedem Ost-Bundesland eines stehen.

Wanderwitz im Anzug vor Reiterstatue mit Räuber "Krabat"

Dietmar Woidke und Angela Amerkel am Mittwoch bei der Ost-Konferenz Foto: Robert Michael/dpa

Am Mittwoch trafen sich die Mi­nis­ter­prä­si­den­t*in­nen der ostdeutschen Bundesländer zum letzten Mal mit der ersten ostdeutschen Kanzlerin der Bundesrepublik. Eine „diktatursozialisierte“ Kanzlerin ist Merkel, wie der Ostbeauftragte der Bundesregierung Marco Wanderwitz es nennen würde, zu dessen jüngsten Äußerungen über die Demokratiefähigkeit vieler Ostdeutscher zwar Nachfragen in der Pressekonferenz gestellt wurden.

Im Fokus der Ost-Konferenz standen aber andere Fragen. Etwa diese, wie es denn jetzt genau weitergehen soll mit dem Zusammenwachsen von dem, was zusammen gehört. Eine Antwort darauf, neben mehr Bundesbehörden und Arbeitsplätzen im Osten, soll das „Zukunftszentrum für Europäische Transformation und Deutsche Einheit“ sein. Es soll gesellschaftliche Umbrüche erforschen, von denen der Osten Deutschlands in enormem Tempo bekanntermaßen viele erlebt hat. Die Anerkennung ostdeutscher Lebensleistung klingt hier durch und die Suche nach dem, was der Westen vom Osten lernen kann.

Es gibt eine zentrale Asymmetrie im Wiedervereinigungsprozess: dass der Osten so werden solle, wie der Westen glaube, selbst zu sein. So drückte es der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk kürzlich auf der Leipziger Buchmesse aus. Dabei hat der Westen auch enorm vom Osten profitiert – etwa durch die vielen gut ausgebildeten Arbeitskräfte, die den Osten verlassen haben aufgrund von Perspektivlosigkeit. Von den Top 30 DAX-Unternehmen in Deutschland hat keines seinen Hauptsitz im Osten.

Und der Westen, aber eben auch andere Länder, können von den Transformationserfahrungen der Nachwendezeit lernen, vom einseitigen Elitentransfer, der bis heute stärker von Ost nach West zieht. Ein Beispiel: Von elf Exzellenzuniversitäten befindet sich eine im Osten, Berlin herausgerechnet. Auf Führungspositionen wiederum sind Ostdeutsche, wie auch Menschen mit Migrationsgeschichte, überdurchschnittlich unterrepräsentiert. Rübermachen geht also, Aufsteigen dann schon weniger.

Es braucht viele Zukunftszentren

Das Zentrum war ein zentraler Vorschlag der Kommission „30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit“, die Ende letzten Jahres ihren Abschlussbericht vorlegte. Darin klingt das Zentrum sehr schillernd, aber auch wie der unmögliche Versuch, alle Ansprüche auf einmal zu Ansprüche erfüllen. Das Zentrum wirkt wie die berühmte eierlegende Wollmilchsau: Von außen mit „architektonisch eigener Anziehungskraft“ aufgeladen, von innen wissenschaftliches Institut, Dialog- und Begegnungszentrum sowie Kulturzentrum in einem. Entsprechend begehrt ist das noch nicht einmal final geplante, geschweige denn finanzierte Werk.

Bodo Ramelow sagte im Anschluss der Ministerpräsident*innenkonferenz, dass es in Thüringen gleich Interesse von zwei Städten gäbe. Auch Michael Kretschmer rechnet mit vielen Bewerbungen aus seinem Bundesland. Jeder hätte gerne ein Stück vom Zentrumskuchen. Zu Recht. Denn eigentlich braucht es nicht ein, sondern viele Zukunftszentren für Europäische Transformation und Deutsche Einheit. Nicht nur in Chemnitz, sondern auch in Apolda und Rostock – in jedem Ost-Bundesland eines.

Es gibt diesen kollektiv gefühlten Raum Ostdeutschland, aber im Alltag hockt man eben in ganz konkreten Orten. Die Ost-Nordies fühlen sich den Sachsen nicht pauschal verbunden – und andersrum. An einem Ort könnte daher das geplante Begabtenförderungswerk sitzen, an einem anderen das Forschungszentrum zur Transformation und wiederum woanders könnte das Programm für „Scientists and Artists in Residence“ stattfinden. Denn der Hauptgewinn dieses Zentrums beziehungsweise der Zentren ist ja nicht der symbolische Wert, der Beitrag zu „Anerkennung der Lebensleistung“ der Ostdeutschen. Der konkrete Gewinn wären die entstehenden Arbeitsplätze und manifeste Treffpunkte im vorpolitischen Raum.

Die Dezentralisierung bringt natürlich auch Nachteile mit sich. Dem Wumms, der Strahlkraft des Projektes geht etwas verloren und die Kosten werden steigen.

Merkel kündigte auf der Pressekonferenz am Mittwoch an, am 7. Juli im Kabinett darüber zu sprechen. Im Bundestag wird das Vorhaben auch Thema sein müssen. Denn es geht hier, ob nun ein Zentrum oder mehrere, um viel Geld. Geld, das nach anderthalb Jahren Coronapandemie nicht ungenutzt herum liegt. Deshalb muss die Regierung die Chance jetzt nutzen. Jetzt, da noch eine ostdeutsche Kanzlerin im Amt ist, der absehbare Schock nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt noch wirkt – und bevor der Blick auf Ostdeutschland mit der Bundestagswahl wieder vereinheitlicht wird.

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Jahrgang 1985. Seit April 2016 stellvertretende Chefredakteurin der taz. Vorher Chefredakteurin des Missy Magazine. Aufgewachsen in Dresden. Schreibt über Kultur, Feminismus und Ostdeutschland. In der Chefredaktion verantwortlich für die digitalen Projekte der taz.

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