piwik no script img

Zivildienst im Handwerk Nützlich, aber nicht gemeinnützig

Simon Poelchau

Kommentar von

Simon Poelchau

Der Handwerksverband fordert einen Zivildienst in seiner Branche. Bessere Arbeitsbedingungen wären allerdings eine schlauere Option.

D en jungen Menschen wird in der aktuellen Wehrdienstdebatte viel abverlangt. Nicht nur, dass sie sich von viel älteren Politikern anhören müssen, warum sie fürs Land ihr Leben riskieren sollen. Sie müssen auch mit weiteren noch so abwegigen Begehrlichkeiten klarkommen, die nun an sie gestellt werden. Das jüngste Beispiel kommt jetzt vom Zentralverband des deutschen Handwerks: Wenn nun im Zuge eines neuen Wehrdienstes auch wieder der Zivildienst eingeführt würde, sollten die jungen Menschen ihn doch auch in Handwerksbetrieben ableisten, fordert Verbandsgeneralsekretär Holger Schwannecke. Schließlich sei das Handwerk entscheidend für die Sicherheit und Versorgung der Gesellschaft.

Natürlich wäre die Wiedereinführung des Zivildienstes sinnvoll -schließlich wird dabei Dienst an der Gesellschaft und nicht an der Waffe geleistet. Er muss bei einer Neuauflage der Wehrpflicht wegen des Grundrechts auf Kriegsdienstverweigerung sogar angeboten werden. Und manch Akademikersohn hat früher erst als Zivi Einblick in die harte Realität bekommen – etwa als sich er im Krankenhaus um Patienten kümmerte oder in der Küche eines Altenheims am Fließband Mittagessen portionierte. Für viele war dies vermutlich der einzige Ausflug ins manuelle Arbeitsleben.

Nur leider interpretieren die Handwerkslobbyisten das mit dem Dienst an der Gesellschaft etwas zu weit: Natürlich schaffen ihre Betriebe durchaus etwas Nützliches, aber nützlich ist eben auch die Kaufhalle nebenan. Trotzdem ist sie nicht gemeinnützig. Und genau das war ja das entscheidende Kriterium damals: Zivis sollten gemeinnützige Arbeit leisten, etwa im Krankenhaus oder Altenheim und nicht im Supermarkt an der Kasse oder auf der Straßenbaustelle. Deswegen sollte das Handwerk, wenn es denn wieder attraktiver für junge Leute werden will, eher überlegen, ihnen bessere Löhne und Arbeitsbedingungen zu bieten, anstatt ihnen Verständnis für noch mehr abwegige Forderungen abzuverlangen.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Simon Poelchau

Simon Poelchau Redakteur

ist für Ökonomie im taz-Ressort Wirtschaft und Umwelt zuständig.
Mehr zum Thema

1 Kommentar

 / 
  • Der dreckich Katz

    Oh, das ist fein. Ich habe hier noch eine Baustelle im Keller, die mir ein Handwerker gerne ehrenamtlich in Ordnung bringen darf. Nachweis über meinen geleisteten Zivildienst 1994/95 kann ich selbstverständlich vorlegen.