Zeugnisausgabe: „Damit kommst du nicht weit“
Letzter Schultag vor den Sommerferien. 376.000 Schülerinnen und Schüler haben Zeugnisse bekommen. Zur Belohnung gibt es für manche Eis.
Letzter Schultag vor den Sommerferien. „Hier brennt die Ranch“, sagt die Sekretärin der Carl-von-Ossietzky-Schule auf die Frage, ob man mal kurz den Schulleiter sprechen könne. 1.200 Schülerinnen und Schüler der Kreuzberger Sekundarschule haben am Mittwoch ihre Zeugnisse bekommen, in ganz Berlin waren es 376.000.
„Gefühlt war dieses Schuljahr besser als das davor“, sagt Schulleiter Michael Dahms mit Blick auf Corona. „Wir sind mit den Maßnahmen besser klargekommen.“ 2021 sei auch deshalb schlimm gewesen, weil ein Kollege seiner Schule der Pandemie erlegen sei.
Nach der Zeugnisausgabe nichts wie weg: „Sie sind ein bisschen spät dran“, sagt eine Lehrerin, die vor der Carl-von-Ossietzky-Schule die letzten Eltern verabschiedet. Es ist kurz nach 11 Uhr, der Schulhof ist verwaist. Neben dem Eingang ein einsames Regal mit Fundsachen aus dem zu Ende gegangenen Schuljahr. Trinkflaschen, Jacken, Mützen, einzelne Sportschuhe. „Ich gebe Ihnen einen heißen Tipp“, sagt die Lehrerin. „Die sitzen jetzt alle in der Eisdiele ‚Delfin‘ am Südstern.“
Schon von Weitem ist zu hören, dass das Gartenlokal gut besucht ist. Lautes Stimmengewirr und Lachen dringen über den Zaun, davor achtlos hingeworfen Roller und Fahrräder. Auch aus der Reinhardswald-Grundschule sind Kinder mit ihren Eltern hier. Sechs Kids zählen ihre Notendurchschnitte auf. Schlechter als 1,3 ist in der Runde niemand.
Spagetti-Eis geht am besten
Die Bemerkung, das grenze ja an Strebertum, wird mit ausgelassenem Lachen quittiert. In rote Fleecedecken gemummelt, schaufeln die Kinder Unmengen von Eis und Schlagsahne in sich hinein. Am Nachmittag stehe noch ein Besuch im Naturkundenmuseum an, erzählt ein Mädchen. Die Mutter habe sich extra dafür freigenommen.
Spaghetti-Eis gehe am besten, erklärt Wirt Ljuta Muhamed. Der Mann, groß und stämmig, gibt sich als Jahrgang 1981 zu erkennen. Auf welche Schule er selbst gegangen sei? Heinrich-Heine-Schule Neukölln, er sei kein Musterschüler gewesen. Doch dann korrigiert sich Muhamed unvermittelt. In Wirklichkeit sei er auf der Rütlischule gewesen: „Ich will ehrlich sein.“ Erst habe er das nicht sagen wollen, weil die Rütlischule zu seiner Zeit so einen schlechten Ruf gehabt habe. „Jeder denkt, alle Schüler dort sind Versager.“
Er selbst sei aber das beste Beispiel dafür, dass das nicht stimme, sagt Muhamed. Er habe einen erweiterten Hauptschulabschluss gemacht und sei nun Inhaber von zwei Eisdielen und einem Restaurant und arbeite 10 bis 12 Stunden am Tag. Auch seinen eigenen Vater habe er damit widerlegt. „Mit diesem Zeugnis kommst du nicht weit, hat der immer gesagt.“
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert