Folgen von Corona fürs Bildungssystem: Dauerbaustelle Personal

Die Pandemie verschärft die Probleme im Bildungssystem, so der Bildungsbericht 2022. Er warnt: Der Fachkräftemangel wird sich noch verschärfen.

Ein Kind schneuzt in ein Taschentuch

Hatschi! Als Kitas und Schulen geschlossen waren, war es hart für Kinder und Jugendliche Foto: Nicolas Armer/dpa

BERLIN taz | Weniger Auszubildende, schwächere Lesekompetenzen bei Viertklässler:innen, allgemeiner Digitalisierungsschub. An vielen Stellen im Nationalen Bildungsbericht 2022, der am Donnerstagmittag in Berlin vorgestellt worden ist, lassen sich die Folgen von Corona ablesen. „Die Pandemie hat das Bildungsgeschehen in den vergangenen zwei Jahren erheblich beeinflusst“, sagte der Geschäftsführende Direktor am Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation, Kai Maaz.

Tatsächlich bestätigt der vorgelegte Bericht „Bildung in Deutschland 2022“ viele Beobachtungen, die Schulen und Ministerien, Krankenkassen und Bil­­dungs­for­sche­r:in­nen seit Anfang 2020 zusammentragen. Etwa, dass die vergangenen zwei Jahre viele Betroffene psychisch belastet haben. Oder dass sozial benachteiligte Kinder stärker von Einschnitten wie Kita- und Schulschließungen betroffen waren.

Der Bericht leuchtet aber auch weniger bekannte Folgen aus: etwa die Probleme, die VHS- und Integrationskurse bei der Umstellung auf digitale Formate hatten. Oder den besonders starken Einbruch bei der dualen Ausbildung. Die Au­to­r:in­nen betonen aber, dass die Folgen von Corona auf die Bildungswege von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen noch nicht vollständig absehbar seien.

Das liegt zum Teil auch an den Daten. So wurden im Jahr 2021 große Vergleichsstudien wie Pisa verschoben. Ob die niedrigeren Kompetenzen, die einige Bundesländer bei Grund­schü­le­r:in­nen im Vergleich zu Vorpandemiejahren gemessen haben, deutschlandweit und auch für andere Altersklassen gelten, können die Bil­dungs­for­sche­r:in­nen nicht sagen. „In Deutschland ist das Bildungsmonitoring nicht engmaschig genug“, heißt es in dem Bericht.

Aufholprogramm versagt

Auch Lehrerverbandschef Heinz-Peter Meidinger hält fehlende Daten für ein Problem. „Spätestens Anfang des kommenden Schuljahres brauchen wir bundesweit vergleichbare Lernstandserhebungen, um den Handlungsbedarf ehrlich einschätzen zu können“, forderte Meidinger vor Beginn der Kultusministerkonferenz (KMK) an diesem Donnerstag. Aus seiner Sicht erreicht das Aufholprogramm von Bund und Ländern zu wenige der betroffenen Schüler:innen.

Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) sagte: „Die Lernrückstände sind enorm.“ Und mit Blick auf den Bildungsbericht forderte Stark-Watzinger: „Unser Bildungssystem muss besser werden.“ Unter anderem sprach sie sich für eine schnellere Digitalisierung und mehr Chancengerechtigkeit aus.

Alle zwei Jahre erhalten Bund und Länder mit dem Nationalen Bildungsbericht eine umfassende Übersicht über die Entwicklungen in den Bereichen frühkindliche Bildung, Schule, berufliche Bildung, Hochschule und Erwachsenenbildung. Für viele Bereiche stellen die Au­to­r:in­nen in dem aktuellen Bericht positive Entwicklungen fest, wenn auch oft mit Einschränkungen.

So sind beispielsweise die Betreuungsquoten für Kitas und Ganztagsangebote an Grundschulen in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Allerdings können die Bedarfe der Eltern nicht gedeckt werden. Ein Problem, wenn die Politik den ab 2026 schrittweise geltenden Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung an Grundschulen einhalten möchte. Viele Trends und Problemlagen im aktuellen Bericht, so Kai Maaz, habe die Bildungsforschung bereits vor der Pandemie beobachtet.

Soziale Ungleichheit bleibt

Beispielsweise die anhaltend hohe soziale Ungleichheit. „Die Abhängigkeit des Bildungserfolges von der sozialen Herkunft hat sich in den vergangenen 20 Jahren nicht wesentlich verbessert“, sagte Maaz. Nach wie vor machen nur 31 von 100 Kindern aus sozial benachteiligten Familien Abitur oder Fachabitur, bei Kindern aus besser gestelltem Elternhaus sind es 79.

Dass die sozialen Unterschiede trotz aller Anstrengungen in der Frühkindlichen Bildung nicht abnehmen, erklärt Maaz damit, dass es sich bei Kitas und Ganztag nach wie vor um Betreuungsangebote handle, und nicht um Bildungsangebote: „Als Ungleichheitsforscher sehe ich zwar eine große Expansion der frühkindlichen Bildung – diese Expansion zielt aber nicht auf den Erwerb von Kompetenzen.“ Folglich könnten Betreuungsangebote im Vor- und Grundschulalter auch keine Leistungsrückstände kompensieren.

Dazu kommt aus Maaz' Sicht ein weiteres Problem: „Es gibt viele Maßnahmen, um die soziale Ungleichheit im Bildungssystem abzufedern. Wenn dann aber einige Kinder die Bildungsstandards nicht erreichen, bleibt das oft folgenlos“. Weil diese Kinder aber meistens die sind, die aufgrund ihres sozioökonomischen Hintergrunds ohnehin schon Nachteile haben, würden die sozialen Unterschiede so reproduziert.

Als das zentrale Problem für die kommenden Jahre macht der Bildungsbericht aber den Personalmangel aus. In den vergangenen zehn Jahren ist das Personal vor allem in der frühkindlichen Bildung stark gestiegen. Bis 2025 werden allein in dem Bereich geschätzt 75.200 Fachkräfte fehlen. An den Schulen werden es 30.000 bis 2030 sein. Dass die Pandemie die Lage noch verschärft hat, zeigt eine repräsentative Befragung von Lehrkräften durch die Robert Bosch Stiftung Anfang Juni. Demnach möchte jede zehnte Lehrkraft wegen der Überlastung im kommenden Schuljahr ihre Stelle reduzieren.

KMK-Präsidentin Karin Prien sagte, dass die Länder das Problem erkannt hätten und sich verstärkt auf die Lehrkraftgewinnung und -qualifizierung konzentrieren würden. Prien will etwa die Abbruchquoten bei Lehramtsstudierenden senken. Positiv sieht Prien die zunehmende Durchlässigkeit des Bildungssystems.

Tatsächlich holen etwa drei von vier Schulabbrechern ihren Abschluss binnen vier Jahren nach. „Offenbar bietet der zweite Bildungsweg viele Möglichkeiten, dass ein Großteil dieser Jugendlichen einen Abschluss in kurzer Zeit nachholen kann“.

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