Serie über rassistischen Mord in Oslo: Niemals vergessen
„After Benjamin“ erzählt den Mord an einem 15-Jährigen durch Neonazis – und Wunden, die bis heute offen sind. Das gelingt der Serie unerwartet gut.
Der 26. Januar 2001: „Der Tag, an dem Norwegen seine Unschuld verlor“. Sagt der Erzähler in der sechsteiligen Dramaserie „After Benjamin“. Sie verfilmt den wahren, rassistisch motivierten Mordfall an dem 15-jährigen Benjamin Hermansen in dem Osloer Stadtteil Holmlia. Die europäische Koproduktion von New8 zeigt die Unglaublichkeit einer Hass-Tat und die unheilbaren Wunden, die sie hinterlassen hat.
Benjamin Hermansen (in der Serie hervorragend besetzt mit Emil Sesay Stenseth) ist ein normaler Jugendlicher – er versucht, seinen besten Freund und seine beste Freundin zu verkuppeln, er raucht so, dass niemand es riechen kann und er liebt seine Mutter mehr als jeden anderen Menschen auf der Welt, aber sagt es ihr nicht.
Er ist voller Talent und Zukunft, als ihn eines Nachts im Januar 2001 Neonazis auf brutalste Weise jagen und tödlich niederstechen. Sein bester Freund Elias (ebenso herausragend: Sam Ashraf) kann entkommen. Von nun an lebt er mit der kaum zu ertragenden Schwere des zufälligen Überlebens.
„After Benjamin“, 6 Folgen, ab 20. März in der ZDF-Mediathek und ab 24. März, 22.35 Uhr, ZDFneo
Eine Welle der Solidarität gegen Rechtsextremismus ergreift das Land, Jugendliche demonstrieren für ein gewaltloses Miteinander und gegen Rassismus. Gleichzeitig lässt die Angst vor rassistischen Angriffen in dem multikulturellen Stadtteil Holmlia nicht nach, bis ein weiterer Todesfall passiert: Victor Lopez, von dem Erzähler der Serie als „Holmlias vergessener Sohn“ bezeichnet und ein enger Freund von Benjamin Hermansen.
Klug und mutig
Stellte die norwegische Polizei Suizid fest, zweifeln seine Mutter und sein Umfeld bis heute diese Todesursache an: Victor wurde nach dem Mord an Benjamin durch öffentliche Auftritte auf Demonstrationen zu einem Gesicht der antirassistischen Bewegung und erhielt daraufhin wiederholt Morddrohungen von Neonazis.
Die Serie beweist Mut und große Klugheit, den Todesfall von Victor in ihre Erzählung aufzunehmen und die Worte einzuflechten: „Auch wenn sie ihn nicht getötet haben, haben sie ihn getötet.“ Victors Mutter setzt sich bis heute öffentlich für eine Wiederaufnahme der Ermittlungen ein und lobte zuletzt die Darstellung von Victors Tod in „After Benjamin“.
Die Serie von Mikael Diseth und Lev David zeigt feinfühlig Jugendliche, die mehr von Freundschaft und Liebe verstehen als die Erwachsenen und die Art von Freundschaft erleben, die es nach dem Jugendalter kaum mehr gibt und deren Verlust endlose Traurigkeit und Wut auslöst.
Gleichzeitig gelingt der Serie, einen ästhetischen Raum jenseits bloßer Nacherzählung zu schaffen. Der Erzähler fährt auf Rollerblades und mit gelber Mütze durch Holmlia und kommentiert die Geschehnisse oder durch Benjamin, der am Ende vor Gericht von der Mordnacht erzählt und seinen Arm um Elias legt. Das ist theatral, anspruchsvoll, voll künstlerischer Kraft.
Die Statue von Benjamin wurde 2021 mit rechtsextremen Worten geschändet. Die Serie „After Benjamin“ verschreibt sich dem Satz, der zur Parole nach dem Mord an Benjamin wurde: „Glem ikke“: „Niemals vergessen“.
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