Worunter Frauenfußball wirklich leidet: Doppelter Sexismus

Gladbachs Coach Heiko Vogel soll „zur Strafe“ ein Frauenteam trainieren. Kickende Frauen sind aber weder Abmahnungsinstrument noch Therapie­tool.

Fußbllspielerinnen im Zweikampf um den Ball.

2. Bundesliga auf Kunstrasen: Mehr will Mönchengladbach nicht in sein Frauenteam investieren Foto: Tobias Jenatschek/imago

Heiko Vogel dürfte lange nicht so viel internationale Aufmerksamkeit genossen haben wie dieser Tage. Mindestens, seit er als Trainer des FC Basel im Jahr 2011 Manchester United aus der Champions League kegelte. Verdammt lang her, verdammt lang. Heute ist Vogel – solide Laufbahn, zweite Reihe – Trainer der U23 von Borussia Mönchengladbach.

Dass nun halb Europa über ihn twittert, dürfte ihn weniger freuen. Der Ärger ist berechtigt, weil der Westdeutsche Fußballverband (WDFV) sich für eine offenbar sexistische Beleidigung durch Vogel eine idiotische Sanktion ausgedacht hat: Heiko Vogel soll „zur Strafe“ sechs Spiele einer Frauen- oder Mädchenmannschaft leiten.

Das ist bestenfalls ungeschickt, schlechterenfalls demütigend. Kickende Frauen sind weder Strafe noch Therapiewerkzeug. Wahlweise wollte der WDFV tapsig etwas Gutes tun. Oder die 15 Männer auf 16 Sitzen im Gremium empfinden es tatsächlich als Strafe, ein Frauenteam zu trainieren. Beides ist schlecht.

Dieser doppelte Sexismus – sexistische Äußerung, sexistische Strafe – hat im Männerfußball System. Nicht nur gab es den prominenten Fall des Fußballers Kerem Demirbay, der nach frauenfeindlichem Spruch ein Mädchenspiel pfeifen „musste“.

Strukturelle Empörung

Auch die Bestrafung des damaligen Frankfurters Marc Stendera, der nach einem „Wir sind hier doch nicht beim Frauenfußball“-Ding bei den U17-Spielerinnen antanzen und sich Bälle an den Hintern schießen lassen musste, ist eher marginal progressiv. Die breite Kritik, vor allem von Frauen, ist ein Fortschritt. Sinnvoller wäre allerdings strukturelle Empörung.

Trainer Heiko Vogel.

Kickende Frauen als Strafe – geht's noch? Gladbachs Trainer Heiko Vogel Foto: imago

Die genannten Frauen von Borussia Mönchengladbach sind 2019 aus der Bundesliga abgestiegen, mit einem Negativrekord von einem Punkt und 7:110 Toren. Ja, das haben Sie richtig gelesen. Warum? Weil der Verein kein Geld für sie ausgeben wollte. In einer Liga, deren Betrieb immer noch lächerlich billig ist. Der Tagesspiegel bezifferte 2019 das Budget der Gladbacher Männer auf 90 Millionen Euro, das der Frauen auf 500.000 Euro.

Über diesen größeren Skandal empörte sich kaum jemand. Strukturelle Diskriminierung ist komplexer als eine Trainerstory, und dafür muss man sich wirklich für Frauenfußball interessieren. Das tun leider wenige. Empört euch! Aber grundlegender. Das würde den Gladbacherinnen langfristig helfen. Bis dahin bleibt, die Lage mit Humor zu nehmen. Eine Sportkollegin wurde mal entsetzt begrüßt mit: „Wie, die schicken uns heute eine Frau?“ Sie erwiderte: „Ja, ich bin die Strafe.“

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Jahrgang 1991, studierte Journalismus und Geschichte in Dortmund, Bochum, Sankt Petersburg. Schreibt für die taz seit 2015 vor allem über politische und gesellschaftliche Sportthemen zum Beispiel im Fußball und übers Reisen. 2018 erschien ihr Buch "Wir sind der Verein" über fangeführte Fußballklubs in Europa. Erzählt von Reisebegegnungen auch auf www.nosunsets.de

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