: Wo sich Protest formiert, ist die AfD schon da
In Sachsen-Anhalt droht der Frust über Politik erstmals seit 1945 eine rechtsextreme Regierung an die Macht zu bringen. Wie konnte es so weit kommen? Ein Erklärungsversuch in drei Schritten
Foto: Jens Schlüter/afp
Aus Halle an der Saale Jan Schumann
Vor gut zehn Jahren war das noch ein anderes Land. „Ich kann, ich will, ich werde“, ließ der Linken-Spitzenkandidat Wulf Gallert Anfang 2016 selbstbewusst auf seine Plakate zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt drucken. Dazu ein Foto, das den 52-jährigen Lehrer mit Schnauzbart und visionärem Blick in die Ferne zeigte. „Ich kann, ich will, ich werde“, das klang nach Julius Caesar und Barack Obama – jedenfalls nach Wahlsieg und Staatskanzlei. Tatsächlich galt der Oppositionsführer aus Havelberg im Norden Sachsen-Anhalts über viele Jahre hinweg als einer der ganz wenigen Linken-Politiker Deutschlands mit echten Chancen auf ein Ministerpräsidentenamt.
Heute, im Sommer 2026, lässt die Linke solche Plakate nicht mehr drucken. Bald wird der mittlerweile 63 Jahre alte Gallert sein Büro im Landtag in Magdeburg für immer räumen. Bei der Wahl im September tritt er nicht mehr an, sein großer Traum bleibt unerfüllt. Hoffnung auf die Staatskanzlei hat jetzt der neue Oppositionsführer. „Alles ist möglich“, lässt der 35-jährige AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund auf seine Plakate schreiben. Und: „Hol dir dein Land zurück“.
Der Zufall will es, dass Siegmund wie Gallert in Havelberg geboren ist. Und auch er will als Oppositionsführer Historisches schaffen.
Denn bei der Landtagswahl im September könnte in Sachsen-Anhalt etwas passieren, das es seit 1945 nicht mehr gab in Deutschland: Eine rechtsextreme Partei übernimmt die Regierung. Die AfD steht in den Umfragen bei gut 40 Prozent, ihr Ziel ist die absolute Mehrheit. „Wir müssen es allein schaffen“, kündigte Siegmund bereits im Frühling an. Auch im Ausland ist längst angekommen, dass in Sachsen-Anhalt bald Geschichte geschrieben werden könnte. Vom Parteitag in Magdeburg berichtete die BBC, über das AfD-Programm gibt es Analysen der New York Times.
Wie konnte es dazu kommen – ausgerechnet in Sachsen-Anhalt?
Der erste Tabubruch
Wer Antworten sucht, muss in die Geschichte dieses kleinen Bundeslands eintauchen. Sie beginnt lange vor dem ersten Einzug der AfD in den Landtag im Jahr 2016.
Denn tatsächlich wird Sachsen-Anhalt schon früh – kurz nach der Wiedervereinigung 1990 – zum Labor für unerhörte politische Experimente. Weil die ersten CDU-Landesregierungen bis 1994 von Skandalen erschüttert scheitern, mischt plötzlich die PDS in der Landespolitik mit. Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte lässt sich in Sachsen-Anhalt eine SPD-geführte Minderheitsregierung von der sozialistischen Oppositionspartei tolerieren, das Experiment heißt Magdeburger Modell. In weiten Teilen Deutschlands ist von einem „Tabubruch“ die Rede, weil die Nachfolgerin der DDR-Staatspartei SED plötzlich wieder den politischen Kurs mitbestimmt.
Selbst für den SPD-Bundesvorsitzenden Rudolf Scharping ist die PDS eine „undemokratische Partei“. 1994 erklärt er seinen Genossen in Halle noch: „Wer glaubt, dass sich in Deutschland irgendetwas verändern und verbessern lässt mit der PDS, der ist auf dem Holzweg.“ Trotzdem hält das Magdeburger Modell bis 2002.
Einer, der damals mittendrin war, denkt heute gern daran zurück. „Viele fanden das unglaublich, dass so ein Modell mehr als drei Monate halten kann“, sagt Wulf Gallert. Für die PDS ist er damals als junger Strippenzieher im Landtag einer der Verantwortlichen dieses Experiments. „Da haben wir bundesweit Geschichte geschrieben.“ Gallert glaubt: Erst durch die Tolerierung in Sachsen-Anhalt sei es der Linkspartei später möglich geworden, in anderen Ländern auch selbst zu regieren.
Abkehr von der Politik
Vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern schreiben Autor*innen aus beiden Bundesländern in jeder wochentaz über ihren Blick auf die Zukunft ihrer Heimat, über den Kampf gegen den Rechtsextremismus – und was ihnen Hoffnung macht, dass die Demokratie gewinnt.
Was den Erfolg der Oppositionspartei damals befördert: In Sachsen-Anhalt, das in den Neunzigerjahren von hoher Arbeitslosigkeit und einem Rote-Laterne-Image geprägt ist, stellt sich die PDS als Kümmererpartei dar. Mit etlichen Funktionären auch in kleinen Orten und Städten präsentiert sie sich als Hilfsdienst bei Alltagssorgen.
Und davon gibt es damals viele, nicht nur die Arbeitslosigkeit. Etliche Sachsen-Anhalter finden lediglich Jobs im Niedriglohnsektor, er wächst in diesem Bundesland besonders groß. Zudem gilt Sachsen-Anhalt lange nur als „verlängerte Werkbank“ für westdeutsche Konzerne, der Lohn ist niedriger als drüben.
Eine rechtsextreme Opposition? Die gibt es damals zwar im Bundesland, sie ist aber schwach organisiert. Die NPD schafft es nie in den Landtag nach Magdeburg. Die DVU zieht 1998 zwar mit 12,9 Prozent ein, fliegt vier Jahre später aber wieder raus.
Und eigentlich geht es auch voran in Sachsen-Anhalt. Die großen Städte Halle, Dessau und Magdeburg werden ab den Neunzigern aufwändig saniert. Graue, bröckelnde Stadtkerne werden zu modernen Zentren. Auch kleine Städte wie etwa Quedlinburg im Harz werden nach der Wende restauriert.
Trotzdem scheint sich in dem Land eine Politikverdrossenheit zu verhärten, das zeigen die Wahlbeteiligungen über Jahre hinweg. 2002, 2006 und 2011 pendelt die Wahlbeteiligung zwischen 44 und 56 Prozent – ein sehr niedriger Wert.
Persönlicher Frust, Politikverdrossenheit, ein rechtsextremes Wählerpotenzial: 2016 gelingt es der AfD, dieses Gemisch für sich zu nutzen. Im Gegensatz zur früheren PDS setzt sie jedoch weniger auf ein soziales Kümmererimage. Stattdessen verbreitet sie Untergangsstimmung, befeuert Feindbilder und macht demokratische Institutionen verächtlich.
Wut wird zum Programm
Bei ihrer ersten Landtagswahl holt die Partei gleich 24 Prozent. Auf der Wahlparty in einem Magdeburger Hotel sagt der damalige AfD-Spitzenkandidat André Poggenburg: „Wir haben Politik wieder interessant gemacht. Wir haben die Leute wieder an die Wahlurne bekommen.“ Da ist was dran. Mit der AfD klettert die Wahlbeteiligung im Land wieder auf 61 Prozent. Bis heute schöpft die rechtsextreme Partei stark aus früheren Nichtwählermilieus. Möglicherweise liegt das daran, dass die AfD ab 2016 konsequent jede neue Protestbewegung im Land zu vereinnahmen versucht und Unzufriedene auf ihre Seite zieht. Erst sind es Demos gegen den Zuzug von Flüchtlingen, dann gegen die Coronapolitik und gegen steigende Energiepreise infolge des russischen Kriegs in der Ukraine. Egal wo sich Protest formiert – die AfD ist meistens schon da. Als im Dezember 2024 ein saudischer Amokfahrer auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg sechs Menschen tötet und mehr als 300 verletzt, trommelt die AfD 3.500 Menschen auf dem Domplatz zusammen. Die Menge ruft: „Abschieben! Abschieben!“
Wetten, die Demokratie gewinnt?
Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern droht erstmals eine AfD-Regierung. Die taz berichtet, was auf dem Spiel steht – und wer jetzt die Demokratie verteidigt. Alle Texte zur Serie finden Sie unter taz.de/ltw26
Die rechte Oppositionspartei schafft es seit 2016, solche Proteste für sich zu nutzen – und sich mit ihnen zu verbünden. Das Rezept geht auf. Lag die AfD in Wahlumfragen bis zur Coronapandemie noch bei rund 20 Prozent, kletterte sie ab 2023 kräftig nach oben, erst auf 30, jetzt auf gut 40 Prozent. Gleichzeitig putschen Politiker der Partei ihre Anhänger mit Endzeitrhetorik auf. „Nach zwölf Jahren des politischen Kampfes ist klar, dass wir tatsächlich die einzige Alternative sind, die das deutsche Volk noch hat“, sagt der Landtagsabgeordnete Christian Hecht 2025 auf einem Parteitag. Er stehe „ganz vorn in der ersten Frontlinie im Schützengraben“.
AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund ist der, der diese Politik nun möglichst vielen Sachsen-Anhaltern verkaufen will. Er macht das mit freundlichem Lächeln. Siegmund war früher Verkäufer für Raumdüfte, die ein gutes Gefühl erzeugen. Die Landtagswahl will er zu seinem größten Erfolg machen, zum größten Erfolg der AfD.
In Sachsen-Anhalt gelten mittlerweile 54 Prozent der Menschen als „fragile Demokraten“ – sie sind sich nicht mehr sicher, wie klar sie sich im Zweifel zur Demokratie bekennen würden. So steht es im neuesten Sachsen-Anhalt-Monitor, einer Studie im Auftrag der Landeszentrale für politische Bildung.
Kommt im September also der große Tabubruch? Alles ist möglich, lautet der Wahlkampfslogan der AfD.
Jan Schumann ist landespolitischer Korrespondent der Mitteldeutschen Zeitung in Halle.
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