piwik no script img

Wo Wasser, Blut und Farben fließen

Sie tanzen durchs Feuer und baden im Eis: Niina Lehtonen Brauns Aquarelle und Gouachen nackter Frauen in Aktion in der Schwartzschen Villa in Berlin

Von Katrin Bettina Müller

Frauen. Sie sind auf jedem der großen und kleinen Aquarelle und Gouachen zu sehen, die Niina Lehtonen Braun dicht an dicht über zwei Wände in der Galerie Schwartzsche Villa verteilt hat. Man spürt noch immer das Wasser in den Pinselstrichen, mit denen die finnische Künstlerin ihre Figuren auf das Papier wirft. Skizzenhaft, spontan, so wirkt das. Hier kniet eine vor einem Ofen, neben sich Briketts, da tanzt eine durchs Feuer, eine grillt Würstchen, eine legt den Kopf mit geschlossenen Augen wie träumend auf die Wasseroberfläche. Unbekleidet sind sie alle.

Die Fenster in der Schwartzschen Villa sind offen, von draußen hört man die Gäste des Cafés. Vielleicht, weil es gerade so warm ist, denkt man an ein Ferienlager für Frauen, die zusammen Feuer machen, baden und reden und reden. Denn in viele Blätter fließt Schrift mit ein, Deutsch und Englisch. Manchmal muss man nah rangehen, um lesen zu können, dass unter einer kleinen Figur, die über eine weite rosa Fläche geht, steht: „… auf dem Weg zur Strahlentherapie“. Manchmal muss man den Kopf in den Nacken legen für eine längere Erzählung über Menstruation und ihre quälende Trübung des Gemüts. Anderes scheint lustig: Über einer Frau, die sich lässig mit einem Rotweinglas auf den Ellbogen stützt, steht: „Ich habe die Ärztin gefragt, ob es ihr etwas ausmacht, wenn ich vor dem Einsetzen der Spirale etwas Wodka trinke“.

Es ist eine intime Collage kollektiver Stimmen, die von Pubertät, Verhütung, Geburt und Krankheiten berichten. Oft geht es in den Texten um die Hindernisse, die Mädchen, jungen und alten Frauen, durch Konventionen, Vorurteile oder medizinische Institutionen in den Weg gelegt werden. Kontrollierende Instanzen, die als Fehler markieren, was sich im Laufe des Lebens eben so im Körper ereignen kann. Einzelne der Episoden sind deshalb traurig. Aber dem hält die Vielfalt der Bilder visuell eine Leichtigkeit entgegen. Jede Geschichte ist in dieser Gemeinschaft aufgehoben.

Die 1975 in Helsinki geborene Künstlerin, die in Berlin lebt und arbeitet, setzt in der Ausstellung „My Body is my studio“ ihr Projekt fort, nah an ihrem Alltag als Frau, Künstlerin, Tochter und Mutter zu arbeiten. Sie erkundet die Risse, die sich zwischen Erwartungen und Forderungen, die aus tradierten Rollenbildern resultieren, und dem lebbaren Alltag auftun; nicht nur allein, sondern auch in vielen Gesprächen mit Freundinnen und Verwandten.

Das Ineinanderfließen der Geschichten nimmt im zweiten Raum der kommunalen Galerie in Berlin Steglitz eine weitere Gestalt an. Niina Lehtonen Braun übersetzt da ihre Aquarelle in einen neunminütigen Videofilm, „Being alive is just this leaking in and out“: Nach und nach werden Figuren aus ersten Strichen, Farbe fließt in die Binnenflächen, dann über das ganze Papier, Szenen entstehen und werden wieder fortgeschwemmt. Eine Frauenband taucht auf, aber auch verschneite Landschaften mit zugefrorenen Seen. Im Eisloch badet ein Kind, Frauen sägen an großen Stämmen. Reinigungsrituale deuten sich an. Dann wächst wieder ein Baum nach dem anderen über das Blatt, Birken und Tannen. Begleitet wird das von Geräuschen wie von Feuer und dem Fallen großer Tropfen.

Dieser Bilderfluss mäandert durch Landschaften der Erinnerung, durch mythisches Gelände, streift Formen des Märchens und des Comics. Er ist eine Liebeserklärung an das Leben inBildern, an die Verbindungen zwischen Realem und Geträumten, an die Möglichkeiten der Verwandlung. Das Wasser, mit dem Farben über die Flächen fließen, gibt diesem Bilderkosmos einen Hauch von Unendlichkeit.

Niina Lehtonen Braun:„My body is my studio“. Schwartzsche Villa, Berlin, bis 27. September

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen