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Wissenschaftler über Kulturkampf„Wir alle sind Teil dieses Spiels“

Der Rechtspopulismus, sagt der Kulturwissenschaftler Gernot Wolfram, ist cleverer als seine Kritiker:innen. Die dürfen nicht immer nur reagieren.

Nicht über jedes Stöckchen springen, empfiehlt Gernot Wolfram: Provokation ist regelmäßig das Mittel der rechtspopulistischen Wahl Foto: Silas Stein/dpa
Alexander Diehl

Interview von

Alexander Diehl

taz: Herr Wolfram, warum lohnt der Blick auf die Kultur als Feld rechtsextremer Aktivität – gibt es nicht viel Wichtigeres?

Gernot Wolfram: Spannenderweise sind die rechten Populisten am Thema Kultur unglaublich interessiert. Sie zeigen damit eine kluge Strategie, weil Kultur etwas ist, über das sich Identitätsfragen transportieren lassen, auch große Gefühle, die wir vom Kino bis zur Musik bis hin zum Theater finden, verbunden mit schillernden Zukunftsprognosen: Diese Mischung haben die Rechten für sich entdeckt. Es ist ihre Erfolgsformel. Und gehen damit sehr viel geschickter um, als es die Demokratiefreunde tun.

taz: Setzen sie aufs Gefühl, um den Verstand zu umgehen?

Wolfram: Ich glaube, es ist schon noch etwas Tieferes im Spiel. Einerseits gibt es diese Emotionalisierung, auf der anderen Seite geht es um große Erzählungen. Um das, was über den Alltag hinausgeht, was in die Zukunft weist. Das sehen wir auch bei Trump: Nun komme die goldene Zeit in Amerika. Das können Sie in ähnlicher Form auch bei deutschen Vordenkern finden: Die große Zeit Deutschlands kommt erst noch. Oder: Wir holen uns dieses Deutschland zurück.

taz: Also kein reines Zurück, sondern auch etwas nach vorne Gerichtetes.

Wolfram: Ich glaube, wir unterschätzen Parteien wie die AfD und ihre Medienkompetenz. Im Parteiprogramm steht ganz klar: Es geht um eine geistig-kulturelle Wende in Deutschland. Das ist ja schon ein großer Ansatz. Was man beobachten kann: Sie tun es auf zwei Ebenen. Die eine ist die Hochkultur, also mit Bezug auf Nietzsche oder die Dome des Mittelalters. Dann gibt es Künstler wie den AfD-Politiker Matthias Moosdorf, die nach Russland fahren, über die Kraft der Musik reden und Kunst als Friedensstifter preisen.

Bild: Causalux/Edition Einwurf
Im Interview: Gernot Wolfram

Jahrgang 1975, ist Publizist und Kulturwissenschaftler in Berlin. Zahlreiche Bücher und Veröffentlichungen zu dem Verhältnis zwischen Kulturen, Orten und Medien. Er publiziert regelmäßig in der taz, der Jüdischen Allgemeinen und wissenschaftlichen Fachmagazinen. Er ist Professor für Medien- und Kulturmanagement am Campus Berlin der Macromedia University. Er ist zudem permanenter Gastprofessor für Cultural Studies an der Fachhochschule Kufstein/Tirol und hält einen Lehrauftrag für Kulturelle Bildung an der Universität Basel sowie an der Panteion Universität Athen für das Fach „E-Politics“.

taz: Und die andere Ebene?

Wolfram: Die Tiktok-Ebene: Da geht es um schnell geschnittene Videos, aber auch darum, dass man vordergründig nicht so viel über Politik spricht, sondern über Frisuren, über Heimat, über KI-generierte Kanäle mit Musik, die angeblich dein Deutschtum in dir wieder aufrührt. Diese Mischung aus Hochkultur-Erzählung und Banalitäten, das greift meisterlich ineinander. Und das ist durchaus faszinierend, diese Verbindung von Hohem und Trash. Es ist insofern in die Zukunft gewandt, als es auf beiden Ebenen elektrisierende, stimulierende Erzählungen sind. Da wird ja das getan, was früher das Theater gemacht hat.

taz: Inwiefern?

Wolfram: Populisten führen permanent Spektakel auf. Wenn Frau Weidel mit Elon Musk spricht, steht das am nächsten Tag in allen Zeitungen. Das wäre in den 70er-Jahren ein Fluxus-Happening gewesen. Heute erzeugen diese theatralen Spektakel auf den digitalen Bühnen eigentlich die Populisten – und gehen die gleiche Wette ein, die damals auch radikale, innovative Kunst eingegangen ist: Irgendjemand wird sich massiv darüber aufregen, und das wird den Diskurs befeuern. Insofern ist das schon eine Mischung aus altbacken und innovativ.

taz: Bedient sich diese Art von rechter, ich nenne es mal vorsichtig: Kulturpolitik gerade auch solcher Formen, die sie ablehnt?

Wolfram: Genau. Schauen Sie sich nur mal an, auf wie vielen Verschwörungskanälen Hannah-Arendt-Zitate stehen? Wie oft wird mit Kafka argumentiert oder mit Rosa Luxemburg, „Die Freiheit der Andersdenkenden“. So etwas nehmen die auf wie ein Staubsauger, semantical reloading nennt man das in der Wissenschaft.

taz: Also in etwa ein Wiederaufladen mit – anderer – Bedeutung.

Wolfram: Die deuten so etwas derart fröhlich um, dass man als gebildeter, klassischer, vielleicht progressiv denkender Demokratiefreund erst mal sagt: Hey, das ist doch aber mein Text, wieso nehmen die mir jetzt meine Heldin weg?

taz: Ein Feld der Kultur ist das Gedenken. Da hören wir heute von gut geschulten Leuten, die etwa in KZ-Gedenkstätten kommen, um das dort verbreitete, eigentlich etablierte Wissen zu untergraben. Da gibt es auch Zweierlei: Einerseits identifiziert man sich recht dreist schon mal mit NS-Opfern, wenn es passt. Andererseits leugnet man latent, dass die nationalsozialistischen Verbrechen überhaupt passiert sind.

Wolfram: Zwei Gleise, die sich aber ständig überschneiden. Es gibt ja auch eine starke Pro-Israel-Haltung in extrem rechten Kreisen – bei gleichzeitigem Antisemitismus. Man ist für Israel, weil „die machen es richtig“ mit den arabischen Ländern. Die wehren sich gegen die „Überfremdung“ und so weiter. Man lässt also eigentlich zwei disparate Motive gegeneinander laufen, verschmilzt die miteinander – und ist damit im Herzen der Postmoderne.

taz: Gibt es inzwischen nicht schon eine Art typischen Verlauf: Auf die bewusste Provokation folgt eine Reaktion des oder der Etablierten – aber auch die Normalisierung?

Wolfram: Im Grunde genommen sind wir alle Teil dieses Spiels. Das ist ja das Großartige am Theater, auch an der Provokation des Theaters, dass es eigentlich Neuland betritt und dieses dann für ein größeres Publikum erschließt. Nun werden diese ganzen Narrative, die wir eigentlich aus der klassischen Linken kennen, die wir auch aus der Kunst kennen, jetzt eben neu besetzt. Und ich glaube, der Widerstand, der dagegen aufgerufen wird, ist geradezu hilflos.

taz: Woran denken Sie?

Wolfram: Ja, also, wie nach dieser Villa-Geschichte in Potsdam die Leute hier in Berlin dann mit den Kerzen abends durch den Park gelaufen sind. Oder Theater, die Lesungen aus den Correctiv-Protokollen vorgeführt haben, da gab es so einen Wohlfühl-Ekel, wie schlimm das alles ist. Die Empörung ist ja immer die Voraussetzung dafür, dass das Spektakel gelingt. Michel Friedman hat es jetzt auch noch mal gesagt: Wir müssen all dem Kunst entgegensetzen. Das ist für mich eine ganz klassische Vorstellung von: Da draußen ist diese postmoderne Trashwelt, aber wir, die wir die Demokratie leben, wir setzen dem jetzt irgendwie Kunst entgegen.

Der Termin

Lesung und Diskussion „Kampfzone Kultur – rechte Medien, TikTok und das große Spektakel“ (Moderation: Anna Marohn): Di, 17. 2., 19 Uhr, Hamburg, Patriotische Gesellschaft/Kirchhof-Saal

Gernot Wolfram: „Kampfzone Kultur. Wie uns Populisten verführen“. Edition Einwurf 2026, 192 S., 22 Euro; E-Book 19,99 Euro

taz: Aber das haut nicht hin.

Wolfram: Das ist rührend und auch berührend. Ich will das keinesfalls lächerlich machen. Aber wirkt es nicht hilflos?

taz: Wenn das nicht funktioniert: Haben Sie eine Idee, was funktionieren kann?

Wolfram: In meinem Buch gibt es ein ganzes Kapitel zum Thema Widerstand. Einerseits müssen wir auf unsere eigene Haltung schauen: Nehmen wir diese Demokratie, nehmen wir uns selbst überhaupt ernst? Haben wir eine starke Vorstellung von uns als Demokraten? Oder sind wir in der Rolle von reaktionsgetriebenen Empörten? Das Zweite ist die Sprache, die wir sprechen. Wie genau ist sie, wie entlarvend, wie differenzierend? Steigen wir bloß auf eine moralische Panik ein? Was ich erlebe, meiner Ansicht nach in Reaktion auf die AfD, ist eine permanente moralische Panik, die aber von vornherein eingepreist ist.

taz: Und das Dritte?

Wolfram: Wir brauchen neue, analoge Orte. In Deutschland haben wir etwa ein unglaublich dichtes Netz von Buchhandlungen, von Bibliotheken, von öffentlichen Theatern und Kultureinrichtungen gerade im ländlichen Raum, die großartige Arbeit leisten. Viele sind aber nicht vernetzt und stehen kaum im Fokus der Kulturpolitik. Es sind aber die Orte, an denen Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft sich treffen können. Gerade in Bibliotheken treffen Geflüchtete, Rentner, Studierende, Alleinerziehende aufeinander. Es ist ja ein riesiger Unterschied, ob sich eine einsame Masse hinter dem Telefon versteckt und dort ihren Hass ausbreitet – oder ob ich den, den ich angeblich hasse, plötzlich vor mir sehe und mich ganz anders austauschen muss. Ich glaube, wir brauchen Orte, an denen Menschen wirklich miteinander ins Gespräch kommen können und die nicht gleich wieder vorgeprägt sind als Eliten- oder Hochkultur-Orte.

taz: Noch etwas?

Wolfram: Ein letzter Punkt ist, dass wir stärker europäisch denken und lernen sollten. Zum Beispiel von Griechenland: Wie haben es andere Länder geschafft, die extremen Rechten aus dem Parlament größtenteils wieder rauszubekommen?

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