Wir retten die Welt: Uschi, Bernie und das grüne Wunder

In Europa und Amerika hoffen viele auf den Green Deal. Aber was nötig ist, ist kaum durchzusetzen. Und was machbar ist, reicht nicht aus. Was tun?

Ein Taube und ein Spatz an einer Pfütze.

USA und Europa: Dicke Taube und magerer Spatz Foto: imago

Im Baum vor meinem Fenster bastelt eine Taube an ihrem Nest. Auf dem Fenstersims springen die Spatzen hin und her. Ich schreibe über den Green Deal. Da verwandeln sich die Vögel schnell in Methaphern: Die mageren Spatzen sind der Europäische Green Deal. Immer zu wenig, immer zu spät, unterversorgt. Die dicke Taube da draußen, das ist der Green New Deal in den USA. Der Rockstar unter den Weltrettern.

Dieser Rockstar ist gerade auf großer Tournee: In den USA gibt es für alle, die an die Zukunft glauben, derzeit nur zwei Ziele: Trump muss weg. Und ein Green New Deal muss her. Yeah!

Das heißt: 100 Prozent grüner Strom! Krankenversicherung für alle! Bezahlbares Wohnen! Gute Ausbildung! Ein ordentlicher Mindestlohn! Effiziente Häuser, neue Straßen, sauberer Transport, BioFarming! Yeah, yeah, yeah!!! Am besten unter Präsident Bernie. Sein Versprechen: Alles wird sanders.

Bernie bringt Revolution, von der Leyen eine EU-Verordnung

Unser Bernie hier in good old Europe heißt Ursula von der Leyen. Sie sagt eigentlich das Gleiche: Null-Emissionen bis 2050, Kreislaufwirtschaft, saubere Landwirtschaft, alle Regionen absichern, Häuser lebenswert sanieren, den Verkehr von den Fossilen wegbringen, Artenvielfalt retten.

Uschi hat gegenüber Bernie nur einen Nachteil: Sie hat mit ihrem Green Deal bereits die wolkigen Höhen der allgemeinen Versprechen verlassen und für die Umsetzung Rechtsakte, Zeitpläne und einen Finanzrahmen vorbereitet. Und da kann man natürlich gleich meckern: Bei der Billion ist ja kaum frisches Geld dabei! Die Planung für das Klimapaket 2020 kommt drei Monate zu spät! Die Polen wollen imme rnoch nicht mitmachen!

Inhaltlich bin ich ganz klar ein Sandernista: Wir haben so viele Jahrzehnte nichts getan, dass jetzt nur noch was Radikales hilft: Der Öllobby an den Kragen, schnell Schluss mit der Kohle, massiver Ausbau der Erneuerbaren, echter Schutz für Wälder und Artenvielfalt, Bildung und Sozialprogramme, dass es nur so kracht. Volle Pulle öko, damit nicht bald Flasche leer, so muss die Devise lauten.

Aber das schnell umzusetzen wäre selbst mit absoluter Mehrheit schwierig. Es ist zum Heulen: Was wirklich notwendig wäre, ist kaum durchsetzbar. Was vielleicht gerade noch machbar ist, wird bei Weitem nicht ausreichen. Also freuen wir uns an der fetten Taube, die Bernie Sanders aufs Dach fliegen lässt? Oder ärgern wir uns über den mageren Spatz, den Ursula von der Leyen uns in die Hand drückt?

Welchem der Green-Dealer man auch folgen will, es ist kompliziert. In Europa hat die Grüne Vision zumindest die EU-Maschinerie hinter sich, mit all ihren Verordnungen, Prüfbescheiden und Strukturhilfen. Dafür hat die grüne Blaupause nicht wie in den USA die Hälfte der Gesellschaft zum offenen Feind, die sich zum Bürgerkrieg rüstet.

Da drüben erscheint die Hoffnung auf den radikalen Green New Deal doch eher etwas für totale Spinner. Andererseits: Vor vier Jahren erschien es unmöglich, dass Trump Präsident werde. Heute ist das immer noch irreal, aber Realität. Man sollte die Irren auf allen Seiten nicht unterschätzen.

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Jahrgang 1965. Seine Schwerpunkte sind die Themen Klima, Energie und Umweltpolitik. Wenn die Zeit es erlaubt, beschäftigt er sich noch mit Kirche, Kindern und Konsum. Für die taz arbeitet er seit 1993, zwischendurch und frei u.a. auch für DIE ZEIT, WOZ, GEO, New Scientist. Autor einiger Bücher, Zum Beispiel „Tatort Klimawandel“ (oekom Verlag) und „Stromwende“(Westend-Verlag, mit Peter Unfried und Hannes Koch).

Die Erderwärmung bedroht uns alle. Die taz berichtet daher noch intensiver über die Klimakrise. Alle Texte zum Thema finden Sie unter taz.de/klimawandel.

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Klimawandel

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