„Wir haben wirklich 72 Stunden am Stück durchgerettet“

Gorden Isler ist Unternehmer, Grüner und Seenotretter. Ein Gespräch über unvermeidbare Arschlochquoten, Ermächtigung und die Frage, wieso er Wachstum für eine Notwendigkeit hält

Foto: Miguel Ferraz

Interview Kristian Meyer FotoMiguel Ferraz

taz: Herr Isler, als vor ein paar Tagen wieder mindestens 74 Menschen bei einem Schiffsunglück vor Libyen starben, gab es wieder schreckliche Kommentare auf Social Media. Seenotretter werden bedroht. Ihre Familie muss solche Dinge mittragen, oder?

Gorden Isler: Meine Frau trägt das natürlich mit, seit vier Jahren. Aber grundsätzlich versuche ich, meine Familie komplett rauszuhalten. Es ist schließlich meine persönliche Entscheidung, mich in so exponierter Weise für Seenotrettung zu engagieren. Und da bekommt man auch viel Hate Speech ab. Oder sogar Morddrohungen.

Morddrohungen sogar?

Ja, als ich im Juni 2019 Einsatzleiter auf der „Alan Kurdi“ war.

Eines von mittlerweile wieder zwei Seenotrettungsschiffen der Hilfsorganisation Sea-Eye.

Exakt. Da hatte mir jemand wirklich direkt ins Facebook-Profil eine Morddrohung gepostet. Mit Namen, Foto und Arbeitsplatz. Er hat mir einen Kopfschuss angedroht.

Und das war kein Fake-Profil?

Nein. Ich habe das dann an unseren Anwalt weitergeleitet, der hat Strafanzeige gestellt. Der letzte Stand war, dass die Bremer Staatsanwaltschaft sich bei mir gemeldet hat, ob ich wisse, wo die Person sich aufhält, sie wüssten es nicht. Ansonsten stehen wir bei solchen Fällen, auch bei anderen im Verein, aber in gutem Kontakt zur Bundespolizei. Die interessieren sich auch dafür und fragen immer mal wieder nach. Aber ich sehe es nicht als unsere Aufgabe, mit einer trolligen Minderheit zu streiten. Unsere Aufgabe ist es, Menschenleben zu retten.

Ist das wirklich so eine Minderheit? Die dank des Netzes lauter ist als üblich? Oder wächst da nicht doch ein größeres Problem heran?

Ich beobachte schon eine Polarisierung. Aber wenn man sich Wahlumfragen in Deutschland anschaut, habe ich nicht den Eindruck, dass die AfD stark profitiert von der Polarisierung. Das scheint eher wieder zurückzugehen. Im September gab es eine Umfrage, laut der über 90 Prozent der Befragten bereit waren, Menschen aus Moria aufzunehmen. Manche haben das an eine Bedingung geknüpft. Etwa dass andere auch aufnehmen müssen. Aber nur etwa acht Prozent haben kategorisch gesagt: Nein. Interessanterweise ist die AfD in den Umfragen auch bei acht Prozent gerade. Wir haben also eine stabile Arschlochquote zwischen acht und zehn Prozent. Aber insgesamt ist Deutschland bei den 90 Prozent sehr stabil.

Anders als in anderen Ländern.

Ja, genau. Und das ist der Vorwurf, den ich unserer Regierung auch mache. Dass sie den aufnehmenden Ländern am Mittelmeer zu wenig hilft. Und dadurch kommen Menschen wie Matteo Salvini von der Lega Nord an die Macht, die plötzlich einen ganz anderen Ton anschlagen und grundlegendste Menschenrechte infrage stellen.

Sie selbst sind ja bei den Grünen aktiv.

Ich bin Schatzmeister in einem Grünen-Kreisverband, in Hamburg-Eimsbüttel.

Was halten Sie von Schwarz-Grün im Bund 2021?

Naja, ich bin kein großer Fan dieser Koalition. Aber es muss sich eben dringend etwas ändern. Und das wird in der Großen Koalition nicht passieren. Allein die Klimafrage drängt so sehr, da müssen jetzt schnelle Entscheidungen her, und das geht nur mit den Grünen. Und das muss und darf auch Geld kosten. Bankenrettung und Corona-Hilfspakete haben auch Geld gekostet. Unser Planet und die Menschen brauchen jetzt auch einen Rettungsschirm.

Nun sind Sie ja nicht nur bei Sea-Eye und den Grünen aktiv, sondern auch Unternehmer. Welcher dieser drei Gorden Islers war zuerst da?

Bei den Grünen bin ich ja wirklich allein Schatzmeister in einem Kreisverband. Da bin ich einmal die Woche in der Geschäftsstelle. Zuerst war ich Unternehmer. Ich habe mein Jura-Studium in Frankfurt/Oder, da komme ich her, nach zwei Semestern abgebrochen und danach eine Lehre zum Versicherungskaufmann gemacht.

Relativ klassischer Weg für verhinderte Juristen, glaube ich.

Ja, möglicherweise. Auf jeden Fall wurde mir als jungem naiven Menschen mit Idealen das ganz gut verkauft damals, dass man ja auch in dem Job Menschen hilft, schließlich braucht ja jeder Versicherungen. Und wir bieten heute Versicherungen, Geldanlagen, Finanzierungen an. Vor ein paar Jahren kam dann die ESG-Weiterbildung dazu.

Gorden Isler

38, ist Geschäftsführer des Versicherungs­unternehmens Fairvendo und sitzt im Vorstand der Flüchtlingshilfs­organisation Sea-Eye. Die hat am 15. November ihr neues ­Rettungsschiff „Sea-Eye 4“ vorgestellt, das im kommenden Jahr zu seiner ersten Mission im Mittelmeer aufbrechen soll. Isler lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in Hamburg.

ESG?

Environment, Social und Governence. Also einfach gute, ökologische und sozial-ethische Unternehmensführung.

Und die eigene Firma gibt es seit wann?

Die gibt es seit 2006, sie gehört mir und meinem Schwiegervater. Deswegen kann ich mich aber auch überhaupt bei Sea-Eye engagieren, weil meine Kolleg*innen mir den Rücken freihalten und ich mir die Zeit auch nehmen kann. Derzeit kann ich nur noch so 20 bis 30 Prozent meiner Zeit für die Arbeit aufbringen. Den Rest verbraucht Sea-Eye.

Was sagen die Kunden?

Die tragen das mit. Der ein oder andere rümpft vielleicht mal die Nase, aber sonst finden das alle gut. Erst gestern hat mir ein Neukunde erzählt, dass ich ihm empfohlen worden bin. Aber dass ich vielleicht auch mal nicht erreichbar sei, „dann tingelt der wieder auf dem Mittelmeer rum“. Was den Kunden nicht abgeschreckt hat, im Gegenteil. Er hat gesagt: Das ist mein Mann! Man kann das natürlich schwer messen, aber ich glaube, bisher hat uns niemand verlassen deswegen.

Der Statistik von vorhin nach müssten es ja acht bis zehn Prozent sein.

Möglicherweise ja. Ich glaube aber, wir haben nicht so eine hohe Arschlochquote. Wir haben ja auch sehr spezielle Kunden. Weil wir überwiegend ökologische und soziale Geldanlagen anbieten. Dadurch haben wir sowieso eher mit netten Leuten zu tun. Und spätestens wenn ich Kunden vorrechne, wie sich nachhaltige Anlagen die vergangenen fünf Jahre entwickelt haben, dann wird auch dem konservativsten Kunden schnell klar, dass es eine verdammt blöde Idee war, bisher nicht nachhaltig investiert zu haben.

Für Sie ist das also kein Widerspruch, Investment und ökologisch-soziale Werte?

Überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Dieser Widerspruch wird ja konstruiert. Das Gegenteil ist doch schon bewiesen. Wir reden immer darüber, die Wirtschaft zu retten auf einem Planeten, der bald kaputtgeht. Den Planeten zu retten, heißt doch auch, die Wirtschaft zu retten.

Müssten Sie da nicht gegen Wachstum sein?

Die Weltbevölkerung wächst. Wenn der Wohlstand ein Kuchen wäre, dann braucht man eben mehr davon, damit jeder ein ausreichendes Stück abbekommt. Also halte ich Wachstum schon für eine Notwendigkeit. Allerdings muss es in Einklang mit unseren Lebensgrundlagen stehen. Wir müssen Wachstum so begreifen, dass unser Planet nicht zerstört werden darf, und eben auch die sozialen Lebensgrundlagen anderer Menschen, dass alle eine faire Chance haben müssen.

Das Nord-Süd-Gefälle müsste abgebaut ­werden.

Genau so ist es. Es ist ja auch Quatsch, dort nicht kräftig zu investieren. Das sind doch zukünftige Märkte. Dort sind Menschen, die Arbeit wollen, eine Perspektive, die Schulen brauchen, Krankenhäuser. Dann würden sie auch nicht dort wegwollen. Entweder investieren wir und empowern Afrika. Oder wir werden uns an das Sterben an unseren Außengrenzen gewöhnen müssen. Und da, fürchte ich, sehen wir gerade erst den Anfang. Die große Flucht, die der Klimawandel und die Zerstörung ganzer Lebensräume bringen werden, die kommt ja erst noch. Sogar McKinsey prognostiziert 200 bis 400 Millionen Menschen.

„Wir reden immer darüber, die Wirtschaft zu retten auf einem Planeten, der bald kaputtgeht. Den Planeten zu retten, heißt doch auch, die Wirtschaft zu retten“

Deswegen jetzt schon die harte Linie?

Genau, das Mittelmeer wird derzeit in eine Art Burggraben umgebaut. Die Zugbrücke wird hochgezogen, es werden noch ein paar Krokodile ins Wasser gesetzt und dann mal gucken, wer es noch schafft. Um gleich die Botschaft zu vermitteln: Keine Chance, ihr kommt hier nicht durch, hier geht es euch nur noch schlechter! Kooperation mit der libyschen Küstenwache, die Türkei als Türsteher, die Lager auf den griechischen Inseln, keine staatliche Seenotrettung, private Seenotretter werden bekämpft, 20.000 Tote – das ist die sogenannte europäische Lösung, wie wir sie jetzt schon haben!

Wie kamen Sie zur Seenotrettung?

2016 war ich auf meiner ersten Mission bei der Hamburger Organisation „LifeBoat Minden“. Die gibt es leider nicht mehr. Meine Mission im November 2016 war dermaßen eindrücklich, wir haben wirklich 72 Stunden am Stück durchgerettet. Tag und Nacht waren Menschen im Wasser, von denen es auch nicht alle geschafft haben.

Es sind direkt vor Ihren Augen Menschen ertrunken?

Ja. Das war bei Nacht. Es war neblig und wir hatten zwei Schlauchboote, je eines auf jeder Seite mit je rund 120 Menschen. Wir haben die mit unseren Suchscheinwerfern immer halbwegs finden können. Einigen konnten wir Rettungswesten zuwerfen, aber es sind auch immer Menschen ohne Westen vom Boot gerutscht. Und dann waren da 20, 30 Menschen im Wasser. Und diejenigen, die nicht schwimmen konnten, denen musste man dabei zuschauen, wie sie ertrinken. Es dauerte dann noch ein paar Stunden, bis die italienische Küstenwache kam und uns geholfen hat. Wir hatten auch wirklich kleine Kinder mit Atemproblemen auf der Krankenstation. Alles hat nach Benzin gestunken, einfach alles. Weil die Benzinkanister ausgekippt sind auf den Booten.

Was hat das mit Ihnen gemacht?

Also, ich war ja selbst gerade ein Jahr lang Vater zu der Zeit, und dann hat man da Kinder auf der Krankenstation, die um Atem ringen. Das ist nichts, wo man danach nach Hause fährt und alles ist wie vorher. Da war mir einfach klar, ich muss mich in dem Bereich weiter engagieren.