Ökonom über Kampf gegen Großkonzerne: „Wir können gewinnen“

Thomas Dürmeier lehrte als Ökonom an der Uni. Dann gründete er den Verein Goliathwatch, mit dem er gegen die Macht von Großkonzernen kämpft.

Ökonom, Katholik, Bayer und Kapitalismus-Kritiker: Thomas Dürmeier Foto: Miguel Ferraz

taz: Herr Dürmeier, wie viele Steinschleudern liegen bei Ihnen im Büro?

Thomas Dürmeier: Keine, denn ich bin Pazifist. Aber ich verstehe schon: Im Alten Testament hat David mit einer Steinschleuder gegen Goliath gewonnen. Bei Goliathwatch geht es aber nicht darum, Steine zu schmeißen. Wir wollen klarmachen, dass die vermeintlich kleinen Leute gegen die großen Konzerne gewinnen können.

Welche Waffen braucht es dafür?

Gute Argumente, gute Analysen und die Solidarität von allen. Mit der richtigen politischen Strategie lässt sich das Problem angehen.

Das klingt nicht sehr revolutionär.

Warum nicht? David konnte Goliath ja nur besiegen, weil er im richtigen Moment die richtige Strategie gewählt hat. Als Greta Thunberg sich vor den schwedischen Reichstag gesetzt hat, wusste niemand, dass wir kurze Zeit später ein Klimakabinett haben würden.

Und was haben Sie mit Goliath­­­watch bislang erreicht?

Wir haben in unserer ersten Kampagne mit drei Leuten Google dazu gebracht, seine Suchfunktion zu überarbeiten. Dank uns schlägt Google nicht als Erstes „Lüge“ und „Mythos“ vor, wenn man das Wort „Klimawandel“ eintippt. Wir hatten dazu drei Protestaktionen in Hamburg, eine große Pressekonferenz in Berlin und haben uns mit Google direkt getroffen.

Google ein bisschen besser machen – ich dachte, Sie wollen den Kapitalismus abschaffen?

Bei dieser Frage gehen bei vielen Leuten die Fensterläden runter, während andere 23 Fußnoten von Marx zitieren. Das bringt uns nicht weiter. Wir sollten darüber reden, wie wir bei Großkonzernen soziale und ökologische Grenzen ziehen können. Ob das am Ende dann Kapitalismus heißt oder nicht, ist egal.

Boykottieren Sie Großkonzerne?

Ich boykottiere McDonalds, weil es in den letzten 30 Jahren den Fleischkonsum massiv erhöht hat. Aber wir sollten nicht zu viel über Konsum diskutieren. Denn damit individualisieren wir das Problem: Natürlich wäre es besser, wenn alle im Bioladen einkaufen würden. Aber Bioprodukte sind etwa im Regelsatz von Hartz IV nicht eingeplant. Wir sollten daher lieber fragen, wem das Saatgut gehört, als darüber zu streiten, ob man nur noch regionale Biotomaten essen sollte.

47, ist Gründer und Geschäftsführer des Vereins Goliathwatch. Er wuchs in Regensburg in einer katholischen Arbeiterfamilie auf, machte – gegen den Willen der Eltern – später noch das Abitur und studierte Wirtschaft und Politik.Seine Doktorarbeit hat er über die Macht von Großkonzernen geschrieben. Dürmeier ist Gründungsmitglied der Initiative LobbyControl und sitzt im wissenschaftlichen Beirat von Attac.

Stichwort Regionalität: Wie lebt es sich als Bayer in Hamburg?

In Bayern ist alles schön angestrichen. Aber in Hamburg hast du eine klarere soziale Realität. Es ist eine liberale und offene Stadt, kein Allgäu-Disneyland. Du kannst hier mit den Leuten viel demokratischer diskutieren. Das mag ich sehr. In Bayern gilt der Ministerpräsident ja noch immer als Landesvater! Was für eine mittelalterliche Vorstellung von Gesellschaft …

Aber als Sportkletterer vermissen Sie die Berge?

Man kann nicht alles haben. Der alte Schwede, der große Findling am Elbstrand, ist zwar nicht der Knaller, aber zumindest gibt es ihn. Ich habe ja auch zwei Jahre lang die Kletterhalle in Lokstedt geleitet. Dabei ist echter Fels natürlich cooler als Plastik. Das Schöne am Klettern ist, dass es eine gewisse Bodenhaftung hat. Du hast nicht diesen radikalen Konkurrenzfaktor wie in anderen Sportarten.

Sie sind auch in einem religiösen Umfeld aufgewachsen. Welche Bedeutung hat Religion für Sie?

Für mich ist sie ein tiefer Quell für politische Arbeit. Beim Abendmahl kann jeder zum Tisch kommen und keiner geht leer aus – alle kriegen genug. Wenn wir das Prinzip auf die Wirtschaft übertragen würden, hätten wir ein komplett anderes Wirtschaftssystem.

Würden Sie den CEO von Facebook zum Abendmahl einladen?

Natürlich, wir leben doch alle in der gleichen Gesellschaft. Nur darf er sich nicht den ganzen Messwein und das Brot schnappen, unter dem Tisch allen auf die Zehen treten und dabei noch die Tischbeine ansägen, wie er es zurzeit macht. Es muss eine gerechte Tischordnung geben.

Hadern Sie mit der katholischen Kirche?

Klar, es ist doch ein totaler Scheiß, was da abgeht. Spätestens seit dem ersten Kirchentag fordert die Basis, das Frauenpriestertum einzuführen und die katholische Kirche demokratisch umzubauen. Das ist ja ein totalitärer Haufen dort. Aber es gibt auch progressive Dinge, wie die großen Hilfswerke Misereor und Brot für die Welt.

Gibt es ein Ereignis, das Sie politisiert hat?

Ja, Tschernobyl. Ein Teil der radioaktiven Wolke kam damals in meiner Heimat Regensburg runter. In der Schulpause durften wir nicht in die Pfützen treten.

Wie hat Sie das geprägt?

Ich habe mich immer weiter gefragt, warum diese Welt so zerstört wird. In den 1980er-Jahren war die nukleare Katastrophe sehr real, die Umweltbewegung wurde stärker. Die Bundesregierung schaltete sogar Werbung für Umweltschutz im Fernsehen.

Sie haben über den zweiten Bildungsweg studiert. Wie kam es dazu?

Ich komme aus der sogenannten Arbeiterschicht. Für meine Lehrerin war es damals unvorstellbar, dass ich als Arbeiterkind auf das Gymnasium gehen könnte. In der Realschule war ich dann Schulbester und durfte kein Abitur machen, weil mein Vater es für nicht sinnvoll erachtet hat. Meine Eltern wollten, dass ich einen sicheren Beruf erlerne. Daher habe ich eine Ausbildung zum Starkstrommonteur gemacht. So habe ich das Abitur nachgeholt.

Wie war Ihr Start an der Universität?

Ich war auf einmal in einer anderen Welt. Ich habe ja kein klassisches Musikinstrument gelernt, wir sind selten verreist. Die ungeschriebenen Regeln des Bürgertums kannte ich nicht. Meine Eltern konnten nicht nachvollziehen, was ich an der Uni tue. Dass ich Zuhause plötzlich nicht mehr verstanden wurde, war schlimm für mich.

Sie haben Wirtschaft und Politik studiert. Warum kritisieren Sie heute die Wirtschaftswissenschaft?

Im Studium wurde uns erzählt, dass der Mensch nur darauf aus sei, seinen Nutzen zu maximieren. Er sei ein homo oeconomicus. Auf dieser Annahme basiert die klassische Modellökonomik. Und ich dachte: Nein, so bin ich doch gar nicht. Der homo oeconomicus kann nicht sprechen; aber Menschen sprechen miteinander. Ich habe deshalb mit anderen Studenten eine Initiative gegründet, um die Wirtschaftswissenschaft zu ändern. Daraus ist das Netzwerk Plurale Ökonomik entstanden. Heute gibt es eigene Lehrstühle dafür.

Warum ging es mit Ihrer wissenschaftlichen Karriere nicht weiter?

Als ich keine Drittmittel mehr für meine Forschung erhalten habe, ist ein ganzes Lebensprojekt von mir gescheitert. Ich hatte gedacht, dass es in der Uni um die Suche nach Wahrheit geht. Aber dies ist nur ein kleiner Teil der Arbeit. Es geht um Publikationen: Man muss mit wenig Aufwand möglichst viel veröffentlichen. Egal, ob das dem wissenschaftlichen Fortschritt dient oder nicht.

Waren Sie zu radikal?

Nein, ich habe nur ein großes Versprechen hinterfragt. Es lautet: Wenn du einem normalen Job nachgehst, hast du genügend Einkommen für ein bequemes Leben. Das ist eine Lüge. Viele Menschen in Deutschland wollen das nicht wahrhaben: Die Bornout-Zahlen zeigen, dass sie sich kaputtarbeiten. Und auch für den Großteil der Wirtschaftswissenschaft gilt: Wer dieses Versprechen hinterfragt, wird bestraft. Das ist gefährlich, denn die Wirtschaftswissenschaft ist die Religion unserer Zeit.

Was meinen Sie damit?

Welche Sendung läuft vor der Tagesschau?

Puh. Die Börse vor acht?

Genau, und wer kann die Börsenzahlen interpretieren? Die Wirtschaftswissenschaftler. Wer wurde gefragt, als Fridays for Future ihr Thesenpapier veröffentlicht haben? Die Wirtschaftsweisen. Es dreht sich alles um die Einschätzung der Wirtschaftswissenschaft.

Kommen Sie da nicht ins Grübeln, selbst falsch zu liegen?

Natürlich frage ich mich das ab und an. Aber ich rede ja auch mit dem Mainstream: Letztes Jahr war ich beim Neujahresempfang der Hamburger CDU. Das fand ich total spannend, auch wenn ich mit meinen langen Haaren aus dem Bild gefallen bin. Und wenn Corona es zulässt, machen wir im Juli eine Veranstaltung unter dem Titel „Wem gehört die Welt?“ mit der Linkspartei – und der FDP.

Spätestens da werden die Steinschleudern aber herausgeholt, oder?

Ach nein, Streit und Widerspruch sind für eine Demokratie doch essenziell wichtig. Wir müssen unbedingt miteinander streiten, aber nicht gegeneinander. Leider wird der öffentliche Raum hierfür immer kleiner. Deshalb sollten wir uns nicht nur in den eigenen Filterblasen bewegen, sondern miteinander ins Gespräch kommen und ideologische Floskeln hinterfragen. Hat der Markt eigentlich wirklich immer Recht? Sind Manager tatsächlich die Leistungsträger unserer Gesellschaft?

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben