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Wintereinbruch auf dem BalkanGrauer Schnee, gefährliche Eiszapfen und Smog in Sarajevo

In Ex-Jugoslawien hat der Wintereinbruch viele überrascht. Dabei sind die Menschen in der Region Härten gewohnt und haben sogar Tipps parat.

In Sarajevo müssen Fußgänger bei diesem Wetter nach unten und oben schauen: Haupttouristenstraße am 8. Januar Foto: Amel Emric/reuters

Wenn schon an der dalmatinischen Mittelmeerküste Wind eisig pfeift und der Regensturm die Olivenbäume zerzaust, dann bedeutet das für das Hinterland nichts Gutes. Die Schneegrenze ist tief gesunken, die Einfahrt zur Autobahn bei Split ist beim Regen- und Schneesturm kaum noch zu sehen. Schon ein paar Hundert Meter höher türmt sich der Schnee.

„Was wir jetzt erleben, gab es schon seit dem Kriegsende vor 30 Jahren nicht mehr“, sagt Vinko. Er kümmert sich seit seiner Pensionierung nur noch um seinen Olivenhain und interessiert sich für die Umwelt. So bekämpfte er jahrelang gegen die Zersiedelung des Küstenstreifens. Jetzt muss er sich sogar um seine Bäume sorgen.

Denn für das Wochenende ist hier seltener Frost angekündigt. Vinko ist nicht darauf vorbereitet. Denn er ist wie viele hier von einem erneuten milden Winter ausgegangen. „Was wir jetzt erleben, haben wir alle nicht erwartet“, sagt Elvedin T. aus Sarajevo. Der Schnee türmt sich vor seinem Haus am oberen Stadtrand. Der Familienvater ist froh, dass er noch in den letzten Dezemberwochen Brennholz besorgt hat, das an den Wänden aufgeschichtet ist.

Der Schnee hat die Stadt fest im Griff. Am frühen Morgen wirkt das Tal wie zugedeckt – nicht nur von Weiß, sondern von etwas Schwererem: Der Schnee färbt sich dunkel, an manchen Stellen sogar schwärzlich. Das Atmen fällt schwerer. Der Rauch aus tausenden Öfen steht zwischen den Hängen von Trebević und Igman.

Kalter Smog aus Holzrauch und Abgasen

Nicht nur für kranke und alte Menschen ist es jetzt ratsam, zu Hause zu bleiben und Fenster geschlossen zu halten. Wer kann, flieht in ein Wochenendhaus in den Bergen oder noch besser an die Küste. Sarajevo im Winter ist kein Postkartenmotiv, sondern hier verdichten sich Geschichte, Armut, Wetter und Geografie. Im Talkessel sammelt Kälte und eine Smogmischung aus Holzrauch, Abgasen und Alltag.

Die Straßenbahnen schneiden Schneisen durch den Dunst. Unter den Schuhen knirscht Eis, an den Hausern muss man aufpassen, denn jederzeit kann die auf den Dächern liegende Last herabstürzen. Gerade erst ist eine Mutter von drei Kindern von einem unter der Schneelast gebrochenen Baum erschlagen worden. Wer durch die Stadt geht, schaut nach unten und oben. Die Stadt bewegt sich langsamer und vorsichtiger. Die Gespräche sind kurz, die Hände bleiben in den Taschen.

Aber die Bevölkerung ist einiges gewohnt. Sie hat vor nicht allzu langer Zeit einen Krieg erlebt und sich auf solche Notlagen eingerichtet. Nicht nur in Sarajevo, das dreieinhalb Jahre ohne Strom, Gas, Wasser und nur mit wenig Lebensmitteln auskommen musste.

Auch in anderen Teilen Südosteuropas und der Ukraine ist man nicht erschüttert, wenn der Strom anderswo ausfällt. Wenn also im Berliner Südwesten das Leben zusammenbricht, haben die Menschen hier einen guten Rat: Verlasst euch nicht auf nur eine Wärmequelle: „Unsere Küchenherde werden sowohl mit Strom wie mit Erdgas betrieben, aber auch völlig unabhängig mit Propangas.“

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