Wiederverwertung in Niedersachsen: Gipswerk macht dicht
In Niedersachsen soll ein Betrieb schließen, der Gipsputze aus Produktionsabfall herstellt. Der Umweltschutzverband BUND fordert seinen Erhalt.
Embsen, ein winziger Ort im niedersächsischen Landkreis Lüneburg, hat etwas, das es selten gibt: eine weiße Landschaft, 13 Hektar groß. Gips liegt hier auf Halde, derzeit sind es noch rund 300.000 Tonnen. Früher war es siebenmal soviel und sogar ein ganzer 60 Meter hoher Berg.
Seit 40 Jahren verarbeitet das Gipswerk Embsen das Material zum Baustoff Gipsputze. Zuletzt waren es rund 22.000 Tonnen jährlich. Allerdings: Spätestens Ende 2026 gehen hier die Lichter aus. Das liegt daran, dass die Zusammenarbeit endet, zwischen dem Düngemittelhersteller Yara, dem Halde und Grundstück gehören, und dem Baustoffhersteller Knauf.
„Mit den geringen Kapazitäten des Werks“ habe sich „kein wirtschaftlicher Betrieb darstellen“ lassen, schreibt Matthias Link, Sprecher von Knauf, der taz. Es sei „keine positive Entwicklung absehbar“. Eine Erweiterung oder Umrüstung lohne sich angesichts der Kapazitäten anderer Produktionsstandorte nicht. Man entwickle für die 15 Mitarbeitenden „individuelle Lösungen“. Yara prüfe „Optionen für die künftige Verwertung des restlichen Materials“. Der Haldengips ist ein Nebenprodukt vor allem aus der Düngemittelproduktion.
Die Unternehmen Yara und Knauf sind weltweit tätig, beide mit über 15 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr. Das Gipswerk Embsen ist da quasi irrelevant.
Gips wird knapp in Deutschland
Dabei ist sein Arbeitsfeld zukunftsträchtig. Rund 10 Millionen Tonnen beträgt der Gipsbedarf in Deutschland pro Jahr, ein Drittel des jährlichen Gipsaufkommens der EU. Und Gips wird knapper. Durch den für 2038 beschlossenen Kohleausstieg verringert sich die Menge des technischen Gipses stark, die als Rückstand bei Rauchgasentschwefelungsanlagen (REA) von Kohleverstromung-Kraftwerken anfällt. Einst deckte sie über die Hälfte des Gesamtbedarfs, heute nur noch ein Drittel.
Was Abhilfe schaffen könnte, wäre, mehr Gips zu recyclen. Gips lässt sich nämlich ohne Qualitätsverlust wiederverwerten, im Prinzip unendlich oft. Derzeit verschwindet Altgips jedoch meist in Deponien. Seine Recyclingquote liegt bei unter 5 Prozent.
Der niedersächsische Landesverband der Umweltschutzorganisation BUND fordert deswegen, das Gipswerk Embsen zu erhalten und zu Recycling-Fähigkeiten auszubauen. Es sei sinnvoll, den Haldenrest aufzubrauchen, schreibt Lara-Marie Krauße Sprecherin des Landesverbands Niedersachsen, der taz. „Dies wäre ein guter Zeitraum, um das Werk zur Aufbereitung von Gipsabriss umzustellen“, findet sie. „Bislang gibt es in Niedersachsen keinen Standort zum Gipsrecycling.“
Der Sprecher des Unternehmens Knauf sagt, sie investierten schon in Rücknahme- und Recyclingkapazitäten. Recyclinggips sei „ein sehr wichtiger Baustein der Gipsversorgung“. Er könne aber „selbst bei einem deutlichen Ausbau der Kapazitäten bei weitem nicht den Gesamtbedarf an Gips decken“. Um die „Gipslücke“ zu füllen, bleibe der Abbau von Naturgips „unerlässlich“.
Knauf baut stattdessen Gips im Harz ab
Das Unternehmen Knauf baut in großem Stil Naturgips ab, etwa im Südharz, im Werk Rottleberode, auf rund 315 Hektar. Laut BUND soll dort rund eine Million Tonnen pro Jahr gewonnen werden. Mit Folgen: „Das Abbaufeld liegt vollständig in einem alten Buchenwald“, schreibt BUND-Landessprecherin Krauße, „dem größten auf Gips in Deutschland, und höhlt diesen aus.“
Die Gipskarstlandschaft des Südharzes, in der das Bundesamt für Naturschutz (BfN) einen „Hotspot der biologischen Vielfalt“ sieht, sei „weltweit einmalig“, so Krauße. „Der Abbau von Naturgips zerstört wertvollste Wälder, Schutzgebiete und Lebensräume zunehmend und unwiederbringlich.“ Werde diese Landschaft durch Tagebau zerstört, sei sie nicht renaturierbar.
Der BUND Niedersachsen fordert daher neben dem Erhalt des Werks in Embsen auch „den sofortigen Stopp neuer Naturgips-Abbaugenehmigungen im Südharz“. Gebe Knauf das Werk bei Lüneburg auf, widerspreche das der „dringend notwendigen Neuausrichtung der Bauwirtschaft hin zu mehr Ressourcenschonung“.
Seit Jahrzehnten hilft das Werk Embsen, durch den Einsatz von Produktionsabfällen Naturgips einzusparen. Gehen die Abfälle zur Neige, könnte Recyclinggips aus regionalen Bauabbrüchen verwertet werden. Yara und Knauf haben anders entschieden. Der Putzgips, fürchtet der BUND, könne bald „zu 100 Prozent aus Naturgips“ bestehen.
Das Aus für Embsen löst nicht nur ökologisch Betrübnis aus: Es sei „bedauerlich“, dass Knauf und Yara ihre Zusammenarbeit beenden und den Betrieb einstellen wollen, schreibt die Wirtschaftsförderungs-GmbH für Stadt und Landkreis Lüneburg der taz. Damit gehe Wirtschaftskraft verloren.
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