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Weltgipfel für Menschen mit BehinderungEntwicklungszusammenarbeit braucht Inklusion

Am Mittwoch beginnt der Global Disability Summit. Im Fokus steht die Entwicklungszusammenarbeit, in der Behinderung noch immer nicht bedacht werde.

Gerade jene mit Behinderung haben es schwer zu flüchten und bedürfen entsprechender Aufmerksamkeit Foto: Emilio Morenatti/AP/dpa

Am Mittwoch startet in Berlin der Weltgipfel für Menschen mit Behinderung. Ausgerichtet wird der Gipfel von der International Disability Alliance, dem Welt-Dachverband der Selbstvertretungsorganisationen von Menschen mit Behinderungen, zusammen mit dem Königreich Jordanien und der Bundesrepublik Deutschland.

Letztere wird durch das Bundesentwicklungsministerium vertreten, denn erklärtes Ziel des zweitägigen Gipfeltreffens ist es, die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) in der Entwicklungszusammenarbeit voranzutreiben.

Die UN-BRK trat 2008 in Kraft und gilt in Deutschland seit 2009. „Trotzdem ist sie in vielen Ländern, auch hier, nicht umfassend umgesetzt“, kritisiert Dinah Radtke von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL). Sie hat als damalige Vizepräsidentin der internationalen Behindertenrechteorganisation Disabled Peoples International (DPI) an den Verhandlungen zur UN-Konvention in New York teilgenommen.

Rund 3.000 Ver­tre­te­r:in­nen von Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften und der Zivilgesellschaft werden zum Gipfel erwartet. Auch Dinah Radtke nimmt Teil. Entwicklungszusammenarbeit sei lange nicht inklusiv gewesen und sei es zum Teil immer noch nicht, sagt die 77-Jährige.

„Bei vielen Projekten, ob es um sauberes Trinkwasser oder Bildung geht, wurde z.B. nicht geschaut, ob behinderte Menschen mit einbezogen sind“, kritisiert Radtke. „Wenn ich nicht mobil bin oder der Verkehr nicht barrierefrei, komme ich auch nicht zur Schule oder zum Ausbildungsort“.

1,3 Milliarden Menschen weltweit leben mit einer Behinderung. Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation haben sie eine bis zu 20 Jahre geringere Lebenserwartung. Menschen mit Mehrfachbehinderungen sind etwa stärker von der Klimakrise betroffen, da sie bei Katastrophen schwieriger flüchten können.

Bei bewaffneten Konflikten haben sie weniger Zugang zu Schutzräumen. Frauen und Mädchen mit Behinderung haben zudem ein höheres Risiko, Opfer von sexualisierter Gewalt zu werden.

„Es gilt immer noch: Armut erzeugt Behinderung und Behinderung erzeugt Armut“, betont Radtke. Obwohl die UN-BRK seit nunmehr 16 Jahren gilt, stellt sie bei der Barrierefreiheit sogar wieder Verschlechterungen fest und nennt ein persönliches Beispiel: In ihrem Wohnort Erlangen sei die örtliche Sparkasse neu gebaut worden. Jedoch seien die Tische nun zu hoch für Rollstuhlfahrer:innen. Gerade im Privatsektor gebe es große Mängel.

Auch deshalb müssten die Selbstvertretungen von Menschen mit Behinderung beteiligt werden. „Wir sind Expertinnen und Experten in eigener Sache und wissen am besten, was gebraucht wird“, so Radtke. „Die Ziele und die Bedürfnisse behinderter Menschen sind in allen Ländern die gleichen. Es sind überall die gleichen Hindernisse, die uns vom öffentlichen Leben ausschließen.“

Deshalb sei es wichtig, dass diese Themen multilateral angegangen würden und die UN-BRK überall umgesetzt werde, sagte auch Jürgen Dusel, Bundesbeauftragter für die Belange von Menschen mit Behinderungen. Gerade in Zeiten, in denen die USA ihr Engagement in der Entwicklungszusammenarbeit abbauen.

Für ihre Umsetzung sind allerdings die jeweiligen Regierungen zuständig. Deutschland wurde 2023 von den Vereinten Nationen für die mangelnde Umsetzung gerügt. Zu Recht, findet Jürgen Dusel: „Die Umsetzung der UN-BRK ist kein Akt der Nächstenliebe, sondern demokratische Pflicht“, sagte er.

Dinah Radtke sieht die Bundesregierung in der Verantwortung. Vom scheidenden Bundeskanzler Olaf Scholz genau wie von seinem Nachfolger Friedrich Merz fordert sie, Barrierefreiheit auch im Privatsektor, also in der Gastronomie, in ärztlichen Praxen, in Freizeiteinrichtungen, zur rechtlichen Pflicht zu machen. „Inklusion gibt es nicht ohne Barrierefreiheit“, sagt Radtke.

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5 Kommentare

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  • Der Artikel ist wichtig weil er auf eine wichtige Veranstaltung hinweist und die wichtigsten Szenen der Verschlimmerung von "Behinderung" (Kriege und Gewalt) nennt. Die Weltgesundheitsorganisation hat schon im Jahr 2000 die defizitorientierte Klassifizierung von "Behinderung" (ICIDH) verlassen und durch die Klassifikation einer funktionalen Wechselwirkung von Kontextfaktoren (ICF) ersetzt. Dieses Verständnis von "Behinderung" ist seither in unserem Land maßgeblich. Wer für "Behinderte" etwas erreichen will , muss also ansetzen wo behindert oder Behinderung nicht vorgebeugt wird. "Menschen mit Behinderung" sind Menschen, die behindert werden. So wäre der Titel der Veranstaltung und der Begriff "Behinderung" in der UN-BRK richtig verstanden. -



    Man muss sich wundern, warum der defizitorientierte Begriff der "disability" (Behinderung in der intransitiven Bedeutung) weiter an prominenter Stelle gebraucht wird obwohl er irreführend ist. In der moderneren Vorstellung von Gesundheit der WHO ist "Disabilitiy" ein Teilaspekt funktionaler Gesundheit und wird deswegen durch "Beeinträchtigung" (impairment) zunehmend ersetzt.

  • "Dinah Radtke sieht die Bundesregierung in der Verantwortung (...) Barrierefreiheit auch im Privatsektor, also in der Gastronomie, in ärztlichen Praxen, in Freizeiteinrichtungen, zur rechtlichen Pflicht zu machen."



    Das sehe ich komplett anders. Im öffentlichen Raum stimme ich ihr vollkommen zu, der öffentliche Raum muss allen gleichermaßen zur Verfügung stehen. Sobald es aber in den privaten Sektor geht sieht das komplett anders aus.



    Hier wirtschaftet der einzelne Unternehmer und der kann sehr gut unterscheiden, ob sich die enormen Mehrkosten barrierefreien Zugangs für ihn und sein Gewerbe lohnen oder nicht.



    Raucherkneipen richten sich auch nur an einen exklusiven Teil der Bevölkerung, Erwachsenenhotels oder Restaurants ebenso, um nur einige Beispiele zu nennen. Die Privatwirtschaft mit Inklusion zu gängeln ist betriebsschädigend.



    Unternehmen wenden sich mit ihren Produkten und Dienstleistungen grundsätzlich nur Bevölkerungsgruppen zu die für sie als Kunden mit Gewinnpotential ins Raster passen.



    Diese unternehmerische Freiheit im Namen der Inklusion abschaffen zu wollen widerspricht allen Gepflogenheiten des Grundprinzips der wirtschaftlichen Freiheit.

    • @Farang:

      Die Sparkasse ist öffentlicher Raum, weil Sparkassen kommunal getragene Institute in öffentlicher Rechtsform sind, soweit hat das Beispiel von Frau Radtke Bestand. -



      Wer mich in der Privatwirtschaft nicht als Kunde will, der hat mich nicht verdient und dem dränge ich mich auch nicht auf, könnte man denjenigen raten, die das Recht auf absolute Inklusion betonen. Ich würde sagen, das ist gesünder, als sich zum Klageführer oder Bittsteller zu machen. -



      Ob man die Privatwirtschaft mit Inklusion gängelt weiß ich nicht. Ich wäre froh , wenn ich meinen Kunden nach seinem Schlaganfall behalten könnte weil ich sicher weiß , dass ich selbst morgen dieser Kunde werden könnte.

  • Solange Paralympics und Special Olympics, also separate und segregierende Wettbewerbe, als Fest der Integration gefeiert werden, ist klar, dass Menschen in Leistungsklassen eingeteilt werden und die nachgewiesene Leistungsfähigkeit Maßstab der „Wertigkeit individuellen Lebens“ bleibt. Da lebt der liberale Sozialdarwinismus.

    PS: Ich habe 6 Jahre lang in Präventions- und Rehabilitationsprojekten in Afrika gearbeitet. Maximalziel war immer die wirtschaftliche Produktivität von Menschen mit Behinderungen und/oder der sie versorgenden Personen zu steigern. Wo immer Menschen mit Einschränkungen eine ihnen zugewiesene und respektierte Rolle hatten, konnte das im Ergebnis für die Betroffenen kontraproduktiv sein.

    • @DemokratischeZelleEins:

      Ja , das ist die Gefahr. Dass Menschen, sobald sie einmal in wirtschaftlich verwertbare Klassen eingeteilt sind da bleiben weil "es sich gerechnet hat" und das zugrunde liegende Werturteil monoton chronifziert.



      Paralympics und Special Olympics sind auch nach meinen Verständnis keine Feste der Integration, haben aber die Tür zum Verständnis aller Menschen geöffnet, dass alle Menschen sportlich sein können, die es wollen. Vielleicht sind unsere Entwicklungsschritte als Orientierung für Gesellschaften, in denen körperliche Deformitäten als unheilbringend angesehen werden wichtig .



      Sportliche Leistungsklassen in den einzelnen Diszplinen würde ich von grundsätzlicher Kritik ausnehmen, das ist eher gerecht. Z.B. gleicht sogar bei den nicht paralympischen Gewichthebern die Regel von Sinclair, Melzer und Malone den Einfluss des altersbedingten Leistungsabfalls aus.