Wasserskandal in Kroatien: Das Gift, der Müll, der Beef und der Boden
Unter dem Motto „Lauf für die Lika. Lauf für Kroatien“ wird gegen die Regierung demonstriert. Auch unter Promis sorgt das für Schlammschlachten.
Foto: Zvonimir Barisin/Pixsell/imago
A us der Lika kommen eigentlich nur die Besten: Erfinder (Nikola Tesla), Touristenhotspots (Plitvicer Seen), Kartoffeln (Lički krumpir). Aktuell aber stehen rund um die Städte Gospić und Senj Hunderte Säcke mit toxischem Müll.
Unter dem Motto „Lauf für die Lika. Lauf für Kroatien“ wird es an diesem Samstag, dem 5. September, in Zagreb zur wahrscheinlich größten regierungskritischen Demonstration in der kroatischen Geschichte seit 1991 kommen. „Den Verrat an der Lika wird man euch nie verzeihen“ ist einer der Slogans. Es ist der Appell an die Politik, die Sorgen der Bürger in der Lika ernst zu nehmen und sie nicht wie Müll zu behandeln.
Auslöser der großen Sorgen war die Feststellung unabhängiger Institute, dass im Grund- und Trinkwasser der Lika PFAS, sogenannte Ewigkeitschemikalien, nachgewiesen worden seien. Die kroatische Gesundheitsbehörde hingegen reagiert mit: Pffffff, wir sind die Experten. Das Trinkwasser ist astrein.
Die Lika ist eine weitgehend verkarstete Ackerfläche. Bis 1991 bearbeiteten dort lebende Kroaten und Serben gemeinsam die Erde. Dann vertrieben die einen die anderen und dann umgekehrt, mit dem Ergebnis, dass die Lika heute relativ leer ist. Nach dem Unabhängigkeitskrieg kamen nur wenige Leute hierher zurück. Nun, wenn der Mensch nicht will, dann können wir hier ja auch einfach Schrott abladen, dachte sich mutmaßlich die hier traditionsreiche Mischung aus korrupten Politiker*innen und windigen Geschäftsleuten.
200 Promis
Premier Plenković steht natürlich hinter seiner Gesundheitsbehörde (oder die vor ihm) und informierte, dass sich die Regierung um alles gut kümmere. Während unabhängige Expert*innen vor krebserregenden Folgen des verunreinigten Trinkwassers warnen, hält der Premier aber nicht nur die Demo am Samstag, sondern gleich die ganze Aufregung für völlig übertrieben: Die Lika sterbe? Quatsch. Niemand sei gestorben, „niemandem ist irgendwas passiert“.
200 Promis aus Kunst, Kultur und Wissenschaft, darunter der international berühmte Schauspieler Rade Šerbedžija, unterstützen den Demo-Aufruf. Weil die Politik den größten Giftmüllskandal in Kroatien kleinredet, ist das Thema zu einer Schlammschlacht unter Gesellschaftspromis geworden. Die höchsten Wellen schlagen Popsängerin Severina und der Ex-Fußballer Igor Štimac.
Severina hatte sich in ihrem Unterstützungsaufruf explizit an die Nationalfußballer gewandt. Diejenigen, die „Kroatien“ immer stolz auf der Brust tragen, sollten zeigen, dass sie sich für ihre Heimat nicht nur dann einsetzen, wenn sie mit ihr Geschäfte machen können. Štimac entgegnete, die Sängerin solle besser beim Singen bleiben, mit Püppchen spielen, sich nicht einmischen in Dinge, von denen sie keine Ahnung habe, und beschimpfte sie unkroatisch, jugoslawisch, sozialistisch.
Severina konterte, Štimac’ Vater sei in der kommunistischen Partei gewesen, nicht ihrer. Sein Vater sei Chef der Elektrizitätswerke gewesen, ihrer dort nur Fabrikarbeiter. Štimac widersprach. Als sein Vater 1959 vom einfachen Arbeiter zum Leiter berufen wurde, sei er nicht Parteimitglied gewesen.
Der Gift-und-Galle-Beef zwischen Star und Star ist einerseits der kroatische Way of Aufarbeitung der Geschichte. Der politische Boxkampf in der öffentlichen Arena stellt gleichzeitig unter Beweis, dass der Patriotismus unter der Schachbrettfahne heute weniger denn je von der konservativen Partei von Staatsgründer Tuđman (HDZ) repräsentiert wird.
Einst standen Štimac und Severina Seite an Seite unter der Schachbrettfahne. Als die kroatischen Fußballer 1998 mit der WM-Bronzemedaille in die Heimat zurückkehrten, sang keine andere als Severina zum Empfang in Zagreb. Rechts und links zu ihrer Seite: Davor Šuker und Igor Štimac.
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