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Was geht am 1. Mai in Berlin?Die ganze Scheiße soll zerfallen

Von den Attacken auf den Sozialstaat bis zur Aufrüstung: Gründe, am 1. Mai auf die Straße zu gehen, gibt es genug. Die taz-Übersicht zu den Revolutionsterminen.

Die Revolution zieht am 1. Mai in Berlin immer noch die Massen Foto: Sebastian Gollnow/dpa

8 -Stunden-Tag? Bruttoinlandsprodukt-Zersetzung! Erkältet? Schluss mit der elenden Blaumacherei, zurück an die Arbeit! 40-Stunden-Woche? Das riecht doch förmlich nach kommunistischem Landesverrat!

Man hätte es nicht ahnen können: Seit der ehemalige Blackrock-Funktionär und Multimillionär Friedrich Merz im Bundeskanzleramt sitzt, reißen die Attacken auf die Erfolge vergangener sozialer Kämpfe nicht ab. Das Geld für Soziales soll schließlich in Waffen gesteckt werden – und weil die Waffen mehr junge Menschen brauchen, die damit schießen, wird an der Wiedereinführung der Wehrpflicht gearbeitet. Währenddessen wird in Berlin die KI-gestützte Videoüberwachung ausgebaut und im Görlitzer Park mit dem Leid von Junkies rassistische Ausgrenzungspolitik betrieben.

Gründe genug, am 1. Mai auf die Straße zu gehen, gibt es allemal. Und wie im jeden Jahr steht den revolutionsgeneigten Ber­li­ne­r:in­nen ein breites Spektrum an Protesten zur Verfügung.

Auftakt in der Walpurgisnacht

Los geht es schon am Vorabend, in der Walpurgisnacht. Mit der „Take Back The Night“-Demonstration hat sich ein autonomer, queerfeministischer Protest etabliert, der sich in den vergangenen Jahren ausschließlich an Flinta* richtete. In diesem Jahr schmeißt das Bündnis das Label allerdings aus dem Fenster. Der Begriff sei „gentrifiziert“, sagen die Organisator:innen, weil er häufig trans*-exkludierend verwendet würde. In diesem Jahr richte sich die Demo deshalb ausdrücklich an alle „Feminist:innen, trans Personen und queere Menschen“. Los geht es um 20 Uhr am Zickenplatz (Hohenstaufenplatz).

Am 1. Mai selbst startet der Tag mit der traditionellen DGB-Demo. Um 11 Uhr geht es hier am Strausberger Platz los. Das Ziel: eine geeinte Arbeiter:innenbewegung, um der systematischen Umverteilungskampagne der Merz-Clique etwas entgegenzusetzen. Wer dieses Ziel teilt, aber beim offiziellen DGB-Motto „Erst unsere Jobs – dann Eure Profite!“ revolutionäre Bauchschmerzen verspürt, kann beim klassenkämpferischen Block vorbeischauen.

Scheiß auf Eure Blumen, leere Versprechungen und Girl-Boss-Feminismus

Feminististische Antifaschistische Jugend Organisation Charlottenburg (F_AJOC)

Der Görlitzer Park ist inzwischen ein Symbol für die rassistische Sündenbockpolitik des Wegner-Senats geworden. Ab 12 Uhr veranstaltet hier das Kulturkollektiv „Rave Against The Zaun“ mit weiteren Gruppen eine Protestsause, zu der ein „mysteriöser, stadtbekannter Secret-Act“ eingeladen wurde. Abends soll es dann auf die 18-Uhr-Demo gehen. Übrigens: Als deeskalierende Maßnahme lässt der Senat den Görli am 1. Mai offen – mindestens eine Grenze hat der Protest also schon einmal niedergerissen.

Der Grunewald wird gesprengt

Ebenfalls zu deeskalieren hat sich offenbar das My-Gruni-Bündnis vorgenommen. Insofern jedenfalls, als die hedonistischen Klas­sen­kämp­fe­r:in­nen im Villenviertel Grunewald jede Menge sozialen Sprengstoff entdeckt haben, der droht, die ganze Gesellschaft in die Luft zu jagen. Die pragmatische Lösung: die Bombe da hochgehen lassen, wo sie herkommt. Ab 13 Uhr geht es rund um den Johannaplatz im Grunewald los mit viel Bum-Bum und explosiven Reden. Wie immer gibt es auch mehrere Fahrrad-Zubringer-Demos.

Neu in diesem Jahr: Die Tagsüber-Demo von der feministischen Antifa-Gruppe F_AJOC. Um 13.12 Uhr startet am Henriettenplatz am S-Bahnhof Halensee die Demo gegen alle Facetten patriarchaler Gewalt – von steigenden Preisen über das kaputte Gesundheitssystem bis hin zu imperialistischen Kriegen. „Scheiß auf Eure Blumen, leere Versprechungen und Girl-Boss-Feminismus. Wir verlangen Veränderung“, heißt es im Aufruf.

Der unangefochtene Star des Abends ist und bleibt aber die Revolutionäre 18-Uhr-Demonstration. Die größte linksradikale Demo der Republik wird auch in diesem Jahr wieder Zehntausende anziehen, die vom Oranienplatz zum Görli und dann über die Sonnenallee zum Südstern laufen werden. Die Themen reichen von Repressionen gegen Antifas und Palästina-Solidarität über KI-Überwachung, Aufrüstung und steigende Mieten. Oder, wie es der antiautoritäre Block formuliert: „Alles Würg! Deshalb soll die ganze Scheiße zerfallen.“

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Timm Kühn
Redakteur
Timm Kühn ist Redakteur für soziale Bewegungen im Inland und in Berlin. Für die taz schreibt er seit 2021 über Klima, Kapitalismus und kleine Risse im großen Ganzen. Hat auch mal Politische Theorie studiert.
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